Sprungmarken
Dynamische Navigation einblenden
Dynamische Navigation ausblenden
Suche einblenden
Wo bin ich?
keine Rubrik aktiv

Die Gesellschaftskur

Die Zahl der nationalen und internationalen Kurgäste stieg Ende des 18. Jahrhunderts binnen weniger Jahre enorm an, unter ihnen viele berühmte Persönlichkeiten. Zahlreiche Kurgäste, aber auch "Rentiers", die auf Dauer blieben, machten die Stadt zu einem glanzvollen Treffpunkt, der sich zugleich mit vielen repräsentativen Bauten schmückte.

Die Gesellschaftskur - Wiesbaden als Leitbild eines Phänomens

Wiesbaden ist eine römische Gründung, bei der bereits das Badewesen und die warmen Quellen im Mittelpunkt standen. Über das gesamte Mittelalter hinweg bestand eine Kontinuität, die letztlich von dieser Sonderfunktion gewährleistet wurde. Gleichwohl war Wiesbaden als Bad bis zur napoleonischen Zeit eines von vielen deutschen Bädern. Dies sollte sich im 19. Jahrhundert entscheidend ändern, als Wiesbaden zur "Weltkurstadt" und zum Leitbild eines Phänomens wurde.

Das Aufblühen der Kurstädte im späten 18. und im 19. Jahrhundert ist ein europäisches Phänomen. Einzelne Kurstädte entwickelten sich in der Umbruchszeit der Moderne zu Zentren einer Gesellschaftskur, in der sich zunächst vor allem der Adel und das vermögende Bürgertum zur Unterhaltung und Genesung trafen. Sie wurde zu, modern gesprochen, luxuriösen Freizeitorten.

Wiesbaden stand noch Ende des 18. Jahrhunderts im Schatten der bedeutenden Kurstädte des Ancien Régime, wie beispielsweise der englischen Kurstadt Bath und dem belgischen Spa. Die politische Neuordnung Deutschlands unter Napoleon machte Wiesbaden zur Hauptstadt des Herzogtums Nassau. Der damit einhergehende Stadtausbau modernisierte die kleine Landstadt und wurde zum Ausgangspunkt eines atemberaubenden Aufstiegs. Mit dem Bau des Kurhauses - ein Meisterwerk des Klassizismus - außerhalb des Quellenbezirkes wurde ein völlig neuer Gebäudetypus geschaffen. Damit einher ging auch der Wandel von der noch mittelalterlich geprägten Heilkur zur Gesellschaftskur. Die Chancen dieser Entwicklung wurden schon früh von auswärtigen Investoren wahrgenommen und führten zu zahlreichen Investments in Luxushotels, Freizeitanlagen und Immobilien. Das zentrale Element des Amüsements wurde das Glückspiel, das mit den Kurhausanlagen einen festlichen Rahmen erhielt. Das durchaus bunte Mit- und Durcheinander in der Kursaison beschreibt wohl niemand eindrucksvoller als Dostojewski in seinem Roman "Der Spieler", der in Wiesbaden sein letztes Geld verspielte.

Die Zahl der nationalen und internationalen Kurgäste stieg binnen weniger Jahre enorm an, unter ihnen viele berühmte Persönlichkeiten. Wiesbaden wurde zum Salon de l' Europe einer Gesellschaftskur und schmückte sich mit dem Titel "Weltkurstadt". Das Freizeit- und Kulturangebot der Stadt wurde vollständig auf die Kurgäste ausgerichtet. Als 1872 die Spielbank durch die preußische Gesetzgebung schließen musste, zeigte sich, dass das Phänomen "Gesellschaftskur" von dem Glückspiel unabhängig geworden war. Die Stadt wuchs weiter und überschritt 1905 die Großstadtgrenze von 100.000 Einwohnern. Immer mehr Kurgäste, aber auch "Rentiers" die auf Dauer blieben, machten die Stadt zu einem glanzvollen Treffpunkt, der sich zugleich mit vielen repräsentativen Bauten schmückte. Wiesbaden verstand es, sich einer Reihe an Zeitphänomenen zu bedienen und immer den modernen Trends, auch in der Medizin anzupassen. Der Vorhand für die Spielbühne der "Weltkurstadt" fiel mit dem Ersten Weltkrieg: Die Kur der europäischen Gäste und des deutschen Bürgertums als gesellschaftliches Phänomen ging im Rausch des Nationalismus und der kollektiven Vernichtung des Reichtums unter.

Dr. Thomas Weichel
Stabsstelle Kulturerbe