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Kultur

Russischer Friedhof

Kulturdenkmal im Verborgenen

Das Wiesbadener Wahrzeichen, die weithin sichtbare russische Kirche auf dem Neroberg, und der in der Nähe gelegene russische Friedhof sind ein Beleg für die große Anziehungskraft, die Wiesbaden seit dem Beginn des 19. Jhs. als Reiseziel auf den russischen Adel ausübte, eine Attraktivität, die allerdings nicht zu erklären wäre ohne die traditionell engen Beziehungen zwischen Russland und dem Deutschen Reich. Besonders unter Zar Peter dem Großen (1672 bis 1725) war zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Einfluss der Deutschen unter den Militärs, Hoflieferanten, Ärzten und Apothekern in St. Petersburg sehr groß. Peter war einer der ersten Zaren, der mehrere deutsch-russische Heiratsverbindungen - unter anderem mit Mecklenburg, Braunschweig-Wolfenbüttel, Holstein-Gottorp - stiftete. Ein Eheprojekt mit dem Haus Hessen-Homburg brachte Russland erstmals auch in Verbindung mit dem hessischen Raum, selbst wenn die Heirat nicht zu Stande kam. Katharina die Große (1729 bis 1795), eine geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst, stützte sich ebenfalls sehr stark auf das deutsche Element im Lande. Aus ganz Deutschland, auch aus dem Wiesbadener Raum und dem Rheingau, reisten Gelehrte, Mediziner, Kaufleute, Dipolmaten nach Russland oder verbrachten dort Lehr- und Wanderjahre, darunter der bedeutendste Staatsmann seiner Zeit, Karl Freiherr vom Stein aus Nassau an der Lahn (1757 bis 1831).

Seit etwa 1800 fanden sich vermehrt russische Gäste in Wiesbaden ein. Nach dem Wiesbadener Wochenblatt hielt sich im Jahre 1808 mehrere Monate lang ein Baron von Berthold, General-Oberforstmeister des russischen Kaisers, wohnhaft in St. Petersburg, mit Dienerschaft in Wiesbaden auf, sein Domizil war der Schwarze Bock. Im Juni 1811 vermeldete dasselbe Blatt den Aufenthalt eines Barons von Jacowleff aus Russland mit Bedienung, der im Adler logierte. 1814 weilte die russische Großfürstin Katharina, Schwester des Zaren Alexander, zur Kur in der Stadt. Besonders eng wurde die Verbindung Wiesbadens nach Russland durch die dynastischen Beziehungen zwischen dem Zarenhaus und dem Herzogshaus Nassau: 1829 heiratete der verwitwete Herzog Wilhelm von Nassau die württembergische Prinzessin Pauline, deren Schwester mit Großfürst Michail Pawlowitz, dem Bruder des Zaren Nikolaus I. von Russland (1798-1849) verheiratet war. Aus dieser familiären Verbindung entstand das Projekt einer Heirat Herzog Adolfs von Nassau mit Elisabeth Romanow, einer Nichte des Zaren, das 1844 mit der Hochzeit und dem feierlichen Einzug in Wiesbaden besiegelt wurde. Möglicherweise standen die hochrangigen russischen Gäste, die im Sommer 1838 im Hotel Vier Jahreszeiten abstiegen, mit diesen verstärkten diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und Nassau in Verbindung: Die Kurliste verzeichnet den Aufenthalt eines Barons Chipof, Adjutant seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit des Großfürsten Michael, Seiner Durchlaucht des Prinzen Wiasenski, Kammerherr Seiner Majestät des Kaisers von Russland, Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Tatjana von Galitzin, Hofdame Ihrer Majestät der Kaiserin von Russland mit Ehemann sowie Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Dolgorouky.

Nach dem Einzug der russischen Prinzessin und ihres Gefolges in das Biebricher Schloss wurde das Problem einer fehlenden kirchlich-religiösen Betreuung der Landesfürstin und ihrer russischen Bediensteten sowie auch der in immer höherer Zahl in die Stadt strömenden russischen Gäste drängender. Die Lösung fand sich in der ehemaligen Orthopädischen Heilanstalt des Dr. Johann Carl Crévé in der Rheinstraße 35/37, dem heutigen Statistischen Landesamt. Das Gebäude, das der Orthopäde Crévé, der 1833 von Frankfurt nach Wiesbaden übersiedelt war, 1839 für sein nach modernen Heilmethoden arbeitendes Institut errichtet hatte, entwickelte sich weniger günstig als Crévé hoffte; er war daher froh, es 1843 für 64.000 Gulden an den Herzoglichen Domänenfiskus verkaufen zu können. Ursprünglich als Witwensitz der Herzogin Pauline gedacht, beschloss die Regierung hier eine Kapelle für den griechisch-russischen Gottesdienst einzurichten. In dem großzügigen Anwesen wurden nun ein Betraum, Wohnungen für den Priester und mehrere Sänger sowie ein Gemach für die Herzogin eingerichtet. Im dritten Stock lag eine Wohnung, bestehend aus Salon, zwei Zimmern mit Kabinett und einer Küche, in der der erste Erzpriester der russischen Gemeinde, J.J. Basaroff und seine Frau wohnten. Die russischen Sänger mussten sich jeder mit einem Zimmer zum Hof hin begnügen, hinzu kamen Räume für einen Kapellendiener und eine Magd. Die Kapelle selbst nahm die mittlere Etage ein. Zwei große, zur Rheinstraße hin liegende Säle wurden miteinander verbunden, ein weiterer Saal, der die gesamte Westfront einnahm, wurde als Aufenthaltsraum der Herzogin hergerichtet und mit Möbeln für fast 1000 Gulden ausgestattet. Am 7. November 1844 war der Umbau der Kapelle fertiggestellt. Nur wenige Monate später starb Herzogin Elisabeth im Kindbett.

Am 1. Februar wurde Elisabeth feierlich in die Russische Kapelle überführt. Hier fand im Beisein des gesamten Hofstaates und der Kaiserlich Russischen Gesandtschaft von Frankfurt ein Gottesdienst statt, dann wurde ihr Leichnam drei Tage lang aufgebahrt, bevor die vorläufige Beisetzung in der Mauritiuskirche erfolgte. Der Entschluss, eine Grabkapelle für die früh verstorbene Herzogin zu errichten, die aus ihrer Mitgift in Höhe von 1 Million Rubel finanziert werden sollte, wurde bis 1855 umgesetzt. Das am 25.5.1855 geweihte Gotteshaus geht auf die 1931 zerstörte Moskauer Erlöserkirche zurück, die der Erbauer der Wiesbadener Kirche, Philipp Hoffmann, auf seinen Reisen in Russland persönlich in Augenschein hatte nehmen können. Die Russische Kapelle im Crévéschen Haus blieb zunächst bestehen. Propst Basaroff und die russischen Sänger behielten ihre Wohnungen. Für den Kapellmeister wurde im Oktober 1845 für die "Einübung kirchlicher Gesänge" ein Flügel angekauft, 1852 besuchte die Zarin Alexandra, die in Schlangenbad zur Kur weilte, die Kapelle, die aus diesem Anlass renoviert wurde.

Bis 1854 diente das Gebäude in der Rheinstraße der russischen Gemeinde als Domizil. Als im September des Jahres das Ministerialgebäude an der Luisenstraße durch einen Brand schwer beschädigt wurde, richteten sich auf der Suche nach einem Ausweichquartier die Begehrlichkeiten auf das Crévésche Haus, zumal der Abschluss der Bauarbeiten an der Grabkirche auf dem Neroberg bevorstand. Die Kapelle und die Wohnräume für Priester, Sänger und Kapellmeister wurden auch wegen der räumlichen Nähe zu dem Neubau in ein angemietes Haus, das sogenannte Rückert'sche Haus in der Kapellenstraße verlegt. In dem Gebäude mit der heutigen Hausnummer 19 (früher 15, dann 17) wurden auch nach der Einweihung der Russischen Kirche im Winterhalbjahr Gottesdienste abgehalten; 1865 ging es in herzoglichen Besitz über. In den Jahren 1880 und 1898 wurde es erweitert, seine Nutzung als "Winterkirche" dauerte noch bis 1911. In diesem Jahre wurde es aufgegeben und durch ein Haus in der Martinstraße 9 ersetzt.

Ein Jahr nach der Einweihung der Russischen Kirche gab die Großfürstin Jelena, die Mutter der verstorbenen Herzogin Elisabeth, den Anstoß zur Entstehung des russischen Friedhofes, einer der ältesten seiner Art in Westeuropa. Die Hälfte der auf rund 2.500 Gulden veranschlagten Kosten finanzierte die Fürstin aus ihrer eigenen Schatulle, die andere Hälfte zahlte das russische Außenministerium. Der Herzog von Nassau stellte das Land, sogenanntes Domanialgut in dem Waldbezirk "Grub", zur Verfügung. Die Großfürstin Jelena, deren Vorliebe für Wiesbaden sie schon früh dazu veranlasst hatte, in ihren Kreisen für einen Aufenthalt in der Kurstadt zu werben, ließ sich bei ihrem Vorhaben von dem Gedanken leiten, für Angehörige der russisch-orthodoxen Konfession, "die etwa dort ihr Leben beschließen sollten", einen Begräbnisplatz zu schaffen. Über ihren Sekretär, den kaiserlich-russischen Staatsrat von Hartmann, ließ Jelena dem nassauischen Herzog mitteilen, dass der Erbauer der Kapelle, Philipp Hoffmann, den Entwurf für den Friedhof fertigen und zunächst ihr vorlegen sollte. Einzige Bedingung war eine möglichst harmonische Verbindung dieses Ortes mit der Grabkirche ihrer Tochter. Hoffmann entwarf eine Anlage in der Form eines Kreuzes mit abgerundeten Ecken. Der Friedhof war mit einer Ziegelsteinmauer eingefasst; das Tor wurde von einem Gitter mit einem vergoldeten russischen Kreuz bekrönt. Mit einer gewissen Befriedigung konnte der Baurat im Juli 1856 vermelden, dass er die geplante Summe um einige Gulden unterschritten hatte.

Der Friedhof wurde am 31. August 1856 eingeweiht. Schon zwei Tage vor der Einweihung, am 29. August 1856, fand die erste Beisetzung statt: Es handelte sich um einen in Bad Soden verstorbenen Fürsten Repnin. Zunächst auf herzoglich-nassauischem Boden gelegen, ging der Friedhof 1864 in den Besitz der Russischen Kirche über. Dieser Besitzübertragung stellten sich zunächst Schwierigkeiten entgegen, weil die russische Gemeinde nicht den Status einer juristischen Person hatte, zeitweise war das Gelände daher auf den Namen des Erzpriesters Johannes Janyschew eingetragen. Auf Janyschew geht auch die Anregung zur Erbauung der Friedhofskapelle zurück. 1861 wurde der kleine Zentralbau mit blauer, Sternen übersäter Kuppel in der Mittelachse errichtet.

Schon 1863 war absehbar, dass der Friedhof nicht mehr lange ausreichen würde. Wiederum wurde Hoffmann mit den bis 1866 durchgeführten Plänen zu einer Erweiterung beauftragt. Die vorerst letzte Erweiterung des Friedhofes fand 1977 statt.

Über die Organisation des Gemeindelebens in den Jahren nach ihrer Gründung ist nur wenig bekannt. An der Spitze stand der stets aus Russland stammende Erzpriester. Als erster bekleidete der russische Geistliche Iwan Iwanowitsch Basaroff dieses Amt. 1819 geboren, folgte er 1844 als Beichtvater Großfürstin Elisabeth nach Wiesbaden. Bis 1851 versah er seinen Dienst an der russischen Kirche, danach wurde er nach Stuttgart berufen. Basaroffs Frau Ludmilla starb bereits 1850 mit 24 Jahren an der Schwindsucht, sie wurde auf dem Alten Friedhof an der Platter Straße beigesetzt. Basaroff selbst, der 1864 in den Adelsstand erhoben worden war und auch sonst von Seiten des Baden-Württembergischen Hofes manche Ehrung erfuhr, starb erst 1895, er liegt auf dem russischen Friedhof auf dem Neroberg begraben. Sein Nachfolger war Johannes Janyschew, der später an verschiedenen Gesandtschaftskirchen in Westeuropa tätig war; nach Russland zurückgekehrt, war er von 1866-1883 Rektor der Geistlichen Akademie und Professor für Moraltheologie in St. Petersburg. Bei der Bestattung F.M. Dostojewskijs hielt er 1881 die Grabrede. Mit Basaroff waren 1844 zwei Psalmisten und drei Sänger aus St. Petersburg nach Wiesbaden gekommen. Bis 1855 waren ausschließlich russische Sänger im Chor der Orthodoxen Kirche tätig, danach stellte man meist Deutsche ein. Die Aufsicht über den Friedhof hatte ein Wächter, der in dem heutigen Pfarrhaus wohnte; er unterstand dem herzoglichen Schlossverwalter. 1857 wurde dem damaligen Schlossverwalter Weimar vom Nassauischen Hofmarschall-Stab aufgetragen, ein Verzeichnis der auf dem Gottesacker beigesetzten Verstorbenen anzufertigen. Dieses älteste Matrikelbuch wird noch heute in der russischen Gemeinde aufbewahrt und ist eine wichtige Quelle zu den auf dem Friedhof bestatteten Persönlichkeiten.

Der Wiesbadener Friedhof blieb lange Zeit der einzige russisch-orthodoxe Friedhof in Deutschland und hatte daher einen entsprechend großen Einzugsbereich, der bis in das deutsch- und französisch-sprachige Ausland reichte. Er spiegelt in gewisser Weise die wechselvolle Geschichte Russlands wieder: Während in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens zahlreiche russische Adelige und Staatsmänner, darunter auch viele Deutsch-Balten, hier ihre letzte Ruhestätte fanden, waren es nach dem zweiten Weltkrieg russische Emigranten, die vor der Oktoberrevolution nach Deutschland geflohen waren. Aus der Zeit des zweiten Weltkriegs finden wir einige Gräber von russischen Zwangsarbeitern und Displaced Persons: Vor allem für letztere, deren Zahl 1946 mit über 3000 angegeben wird, war die russische Gemeinde ein wichtiger Kristallisationspunkt.

Quelle: von Dr. Brigitte Streich, Stadtarchivdirektorin

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