Gedenkstunde Reichspogromnacht
Die Landeshauptstadt Wiesbaden und die Jüdische Gemeinde Wiesbaden hatten alle Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger eingeladen, sich am Samstag, 10. November 2012, auf dem Grundriss der Gedenkstätte an der Coulinstraße, dem Standort der ehemaligen Synagoge, zu versammeln, um an die Reichspogromnacht und an die Zerstörung der Synagoge, die vor 74 Jahren durch die Nationalsozialisten in Brand gesetzt wurde, zu erinnern.
Die Ansprache für die Stadt Wiesbaden hielt Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel. Im Anschluss wurde die Collage "Erinnerung begehen - Schüler besuchen Stolpersteine" mit Bildern, Texten und Musik durch den Leistungskurs Geschichte der Carl-von-Ossietzky-Schule unter der Leitung von Schulleiter Niko Lamprecht und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit präsentiert. Danach spielte Valentin Harlos Musik mit dem Saxophon.
Nach der Entzündung der Gedenkkerzen für die sechs Millionen Opfer der Schoah wurde durch das Verlesen von Namen und Lebensdaten durch Jugendliche des Jugendzentrums "Oz" der jüdischen Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger gedacht. Avraham Nussbaum, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden, trug anschließend den Psalm 23 vor und Dr. Jacob Gutmark von der Jüdischen Gemeinde sprach das Gebet "Kaddisch". Bevor die anwesenden Bürgerinnen und Bürger zum Gedenken Kerzen entzündeten, sprach Rabbiner Avraham Nussbau das Gebet "El Male Rachamim".
Gedenkstunde zur Reichspogromnacht - Judenverfolgung in Wiesbaden
Um an die Reichspogromnacht und an die Zerstörung der Synagoge am Michelsberg durch die Nationalsozialisten zu erinnern, laden die Landeshauptstadt Wiesbaden und die Jüdische Gemeinde jedes Jahr alle Bürgerinnen und Bürger zu einer Gedenkstunde an der ehemaligen Synagoge am Michelsberg ein. Den Opfern der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wird in Ansprachen und Reden, durch Lesungen, das gemeinsame Gebet und Kranzniederlegungen am Mahnmal gedacht.
Auch Wiesbaden wurde von den schrecklichen Ereignissen der Reichspogromnacht nicht verschont. Zwischen dem 7. und 10. November 1938 haben in ganz Deutschland Synagogen gebrannt. Auch jene in der Wiesbadener Innenstadt und in den Vororten wurden von NS-Verbrechern heimgesucht, geplündert und zerstört. Gleiches ist etlichen jüdischen Einrichtungen, Häusern und Geschäften widerfahren. Reichsweit sind über 30.000 jüdische Männer verhaftet und zumeist wochen- und monatelang in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald inhaftiert worden.
Bereits Ende Oktober 1938 waren nachweislich etwa 80 Wiesbadener Juden nach Polen abgeschoben worden. Weitere Verfolgungen, Deportationen, Folter und Ermordung folgten in den Monaten und Jahren danach. Im Jahr 1933 waren in Wiesbaden 3.000 Menschen jüdischen Glaubens beziehungsweise jüdischer Herkunft registriert. Kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner lebten hier nur noch etwa 20 Menschen jüdischer Herkunft.
Während der zentral gesteuerten, dann schönfärberisch "Reichskristallnacht" genannten, antisemitischen NS-Gewaltaktion sind viele jüdische Bürger brutal misshandelt und einige ermordet worden. Wieder einmal zeigte das Nazi-Regime sein brutales Gesicht - in ganz Deutschland.
Heute wird die Zahl der noch lebenden Zeitzeugen, die durch ihre Person authentische Auskünfte über das Leid und die Verfolgung geben können, immer kleiner.
Umso wichtiger wird, die Erinnerung an die Verbrechen der Nazi-Diktatur mahnend wach zu halten und dafür Sorge zu tragen, dass die Erinnerung an diese dunkle Zeit in der Geschichte nicht zwischen den Seiten dicker Geschichtsbücher verschwindet, sondern für alle Zeiten als Mahnung gegen Menschenverachtung, gegen Antisemitismus - von wem und aus welchem Grund auch immer - und gegen Gewalt gegen Menschen wach gehalten wird.
Dokument
- Gedenken 2012 - Das Unfassbare begreifen - Collage "Erinnerung begehen - Schüler besuchen Stolpersteine" (PDF | 4,17 MB)
- Gedenken 2012 - Texte - Das Unfassbare begreifen - Collage "Erinnerung begehen - Schüler besuchen Stolpersteine" (PDF | 1,44 MB)
- Auszug aus "Widerstand und Verfolgung in Wiesbaden 1933 - 1945" zur Verfolgung und Deportation Wiesbadener Juden (PDF | 13,36 KB)



