Sprungmarken
Dynamische Navigation einblenden
Dynamische Navigation ausblenden
Suche einblenden
Kultur
Wo bin ich?
  1. Startseite
  2. Kultur
  3. Stadtgeschichte
  4. Persönlichkeiten
  5. Der "gefährlichste Pfarrer"

Der "gefährlichste Pfarrer" Franz von Bernus

Als die Synagoge brannte, sprach Franz von Bernus von Gotteslästerung, die Bergkirche wurde zum Hort des Widerstands.

Der "gefährlichste Pfarrer" redete Klartext

Die braunen Machthaber, denen er mutig und entschlossen die Stirn bot, stuften ihn als "Wiesbadens gefährlichsten Pfarrer" ein und konnten ihm doch nichts anhaben. An Franz von Bernus, der in den 30er Jahren von der Kanzel der Bergkirche trotz unsäglicher Anfeindungen evangelischen Klartext redete, trauten sich die Nazis nicht heran. Er war ihnen zu populär. Franz von Bernus: der unerschrockene Fackelträger des kirchlichen Widerstands in Wiesbaden blieb bis heute unvergessen. Sein Todestag jährt sich in diesem Jahr zum fünfzigsten Mal.
 
Dass persönlicher Glaube und verantwortliches Handeln zusammengehören, nicht voneinander zu trennen sind - für die evangelische Kirche heute ist und bleibt dies eine ihrer unveräußerlichen Grundpositionen, zu denen sie unverrückbar steht und sich bekennt. Auch dem neuen hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung, der in seiner Friedberger Antrittspredigt über das Gleichnis vom Sämann auf den Widerstand im Dritten Reich einging, ist sie ein Herzensanliegen. "In unserer Kirche gab es Frauen und Männer, die in den dunkelsten Stunden der Barbarei ihr Vertrauen und ihre Hoffnung nicht weggeworfen haben", sagte der Kirchenpräsident, der sich dabei auch des Wiesbadener Glaubenszeugen Franz von Bernus erinnert haben mag. Ein Seelsorger, der seinen Glauben und seine christlichen Wertvorstellungen in schwerster Bedrängnis konsequent, unbeugsam und kompromisslos gelebt hat.

Als in Deutschland die Synagogen brannten und auch das Wiesbadener jüdische Gotteshaus am Michelsberg in Flammen aufging, nannte der mutige Bergkirchenpfarrer - was niemand sonst tat - das Verbrechen und die Verbrecher beim Namen. Wer Synagogogen zerstöre, begehe eine Gotteslästerung und beleidige den Allmächtigen, rief Franz von Bernus den Zuhörern in der Bergkirche zu. Den Nazis war der unerschrockene Pfarrer fortan ein Dorn im Auge, an den sie sich jedoch nicht heranwagten. An seinem Beispiel wird deutlich, dass passiver und aktiver Widerstand in erheblich breiteren gesellschaftlichen Schichten verwurzelt waren, als gemeinhin angenommen wird.

Zuflucht für Verfolgte

Wer war Franz von Bernus (1882 bis 1959)? Als Kaufmannssohn in Frankfurt aufgewachsen, hatte er das Humanistische Gymnasium besucht, sich später in Lausanne, Halle, Tübingen und Marburg dem Studium der Theologie zugewandt, um 1909 schließlich ordiniert zu werden. Nach mehreren Stationen als Hilfsprediger und Pfarrer diente von Bernus während des Ersten Weltkriegs zwei Jahre lang als Feldgeistlicher an der Westfront, ehe er am 1. Dezember 1925 die Pfarrstelle 3 an der Wiesbadener Bergkirche, dem am reinsten erhaltenen Kirchenbau der Stadt aus dem 19. Jahrhundert, übernahm. Eine  seelsorgerische Aufgabe, die er 28 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung 1953 inne hatte.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war Franz von Bernus einer der ersten in Wiesbaden, die dem NS-Regime unter Inkaufnahme eines hohen persönlichen Risikos couragiert die Stirn boten. Der Bergkirchenpfarrer, dessen Pfarrhaus zum Zufluchtsort für Verfolgte und Geächtete geworden war, stand schon bald in offenem Gegensatz zu den so genannten "Deutschen Christen", die sich als "SA Jesu Christi" verstanden und auch in Wiesbaden auf eine ideologisch-fanatische Anhängerschaft stützten. Als Antwort darauf gründete der Dahlemer Pfarrer Martin Niemöller, der engen Kontakt zur Wiesbadener Bergkirchengemeinde hielt, im September 1933 den Pfarrer-Notbund, aus dem wenig später die "Bekennende Kirche" hervorging. Sie berief sich in der Auseinandersetzung mit dem NS-Staat und den "Deutschen Christen" auf ein kirchliches Notrecht, das den religiösen Widerstand legitimierte. Die Eröffnung eines Disziplinarverfahrens gegen acht Wiesbadener Pfarrer und die gleichzeitige Beurlaubung des Dekans Schmidt von seiner Funktion als Dekan hatten Anfang 1934 die Bildung einer fest organisierten Gemeinde der Bekennenden Kirche in Wiesbaden beschleunigt, die zu ihrer Leitung einen Ortsbruderrat bestellte.

Gemeinde blieb standfest

In Wiesbaden waren es vor allem Franz von Bernus und der Wiesbadener Rechtsanwalt Dr. Hans Buttersack, die Front gegen die Unmenschlichkeit des Regimes machten und durch Wort und Tat ein Netzwerk des Widerstands aufbauten. Hier der Pfarrer, der von der Kanzel herab mit aufrüttelnden, packenden Worten das Evangelium verkündete und gegen die Gewaltverbrechen aufbegehrte, dort der angesehene Rechtsanwalt, der selbst Mitglied des Kirchenvorstands der Bergkirchengemeinde war und bedrängten Christen half, die sich dem Druck des Regimes nicht beugten.

Als Buttersack auf Betreiben der Nazis vom Vorstand  ausgeschlossen werden sollte, stand die Gemeinde, die zum Zentrum der Bekennenden Kirche geworden war, treu zu ihm: Ihre Pfarrer und führenden Mitglieder wie Franz von Bernus, Max Fries, Heinrich Vömel, Ludwig Anthes und Friedel Vater ignorierten den Ausschluss einfach, was allerdings nichts daran änderte, dass die Pfarrer Anthes, Herreich und Schmidt von Wiesbaden strafversetzt wurden. Dr. Hans Buttersack aber bezahlte seinen in festem Glauben gründenden Einsatz für die Menschlichkeit und seine Hilfe für bedrängte, verfolgte jüdische Mitbürger mit dem Leben. Er starb 1945 im KZ Dachau.

Kontakt zu Niemöller

Nach Kriegsende, als auch die Kirchen daran gingen, sich neu zu positionieren, stand Franz von Bernus nicht abseits. Er wurde als stellvertretender Vorsitzender in die vorläufige Leitung der evangelischen Landeskirche Nassau berufen, übernahm Aufgaben des Verbindungsausschusses der evangelischen Kirchen in Hessen, Nassau und Frankfurt und stand dem evangelischen Dekanat Wiesbaden von 1951 bis 1953 als Dekan vor.

Zu Martin Niemöller, dem ersten Kirchenpräsidenten von Hessen-Nassau und späteren Wiesbadener Ehrenbürger, der ihm in der Zeit des Widerstands zum treuen Wegbegleiter geworden war, hielt Franz von Bernus Zeit seines Lebens engen Kontakt. Der Dahlemer Pfarrer, der die letzte Predigt vor seiner Verhaftung am 29. Juni 1937 in der Wiesbadener Bergkirche gehalten hatte und als "persönlicher Gefangener Hitlers" ins Konzentrationslager Sachsenhausen, später nach Dachau gebracht worden war, wohnte nach seiner Befreiung im Frühjahr 1945 eine Zeit lang im Pfarrhaus an der Lehrstraße. Franz von Bernus, der Freund in schweren Tagen, hatte ihm das Wohnquartier spontan angeboten.

In der Bergkirchen-Gemeinde wird das Andenken an die Zeitzeugen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus  hoch in Ehren gehalten. Alle Räume des Gemeindehauses, so hat es der Kirchenvorstand beschlossen, tragen noch heute ihre Namen. Der große Saal des Hauses aber wurde nach Franz von Bernus benannt, dessen mutige Worte von der Kanzel als Reaktion auf die Verbrechen in der Reichspogromnacht unvergessen geblieben sind. Franz von Bernus starb 1959 in Wiesbaden-Biebrich. Er wurde 76 Jahre alt.

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

Anzeigen