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"Wer war eigentlich...": Friedrich von Thiersch?

Sie tragen zwar große Namen, doch ein wenig Unsicherheit ist oft dabei: "Wer war eigentlich...?" Wer war der oder diejenige, nach denen Häuser, Straßen, Freizeiteinrichtungen benannt wurden? Welcher Umstand, welche Verdienste, welche Beweggründe waren es, ihre Namen weit über die Zeit hinauszuheben? Fragen, die sich in Wiesbaden und der Region auf Schritt und Tritt ergeben - wenn man sie nur stellt.

Das Kurhaus machte ihn berühmt

Sein Erbauer Friedrich von Thiersch, der dem Festsaal den Namen gab, sonnte sich in der Gunst des Kaisers

Besucher des Kurhauses, wenn sie ihn zum ersten Mal betreten, stehen meist wie geblendet und sind sich schnell einig im Urteil: Ein Festraum von so überquellender Pracht und unvergänglicher Schönheit wie der Friedrich-von-Thiersch-Saal findet sich so schnell nicht wieder. Späte Referenz an seinen Namensgeber, den berühmten Architekten und Baumeister im Dienste Kaiser Wilhelms II., Friedrich von Thiersch (1852 bis 1921), der das Kurhaus vor hundert Jahren erbaut und der Stadt damit eines seiner schönsten und prächtigsten Denkmäler gesetzt hat. Der große, zentrale Festsaal mit seiner perfekten Akustik und seinen 1350 Sitzplätzen, der heute noch den Namen des genialen Baumeisters trägt, wurde vor hundert Jahren selbst vom Kaiser als "überwältigend" empfunden.

Überliefert ist eine Äußerung des Monarchen, der zu Thiersch sagte, er könne sich in seiner eigenen Hauptstadt Berlin gar nicht trauen, ein so monumentales und aufwendiges Gebäude wie das Wiesbadener Kurhaus errichten zu lassen. Denn dessen Entstehen wurde teuer, teurer sogar, als zunächst erwartet. Rund drei Millionen Mark Baukosten hatte Architekt von Thiersch, der Erbauer auch des Münchner Justizpalastes, für das Gesamtprojekt errechnet. Dass die tatsächlich verbrauchte Summe am Ende fast doppelt so hoch als veranschlagt ausfiel, hatte vor allem mit dem Prestigedenken zu tun, von dem sich die Erbauer - tatkräftig unterstützt doch durch den Pracht liebenden Kaiser - leiten ließen. Das beste, edelste Material, das man auftreiben konnte und aus ganz Europa herbeischaffen ließ, schien gerade gut genug für das Wiesbadener Renommierprojekt, das sich Kurhaus nannte.

Teurer als erwartet

Später erst, als der monumentale Flachbau aus weißgelbem Pfälzer Sandstein bereits vollendet war, setzte das große Erschrecken ein: Rund sechs Millionen statt der ursprünglich veranschlagten 3,15 Millionen Mark hatte das prunkvolle Glanzstück gekostet, das von den Chronisten als "stolzes Wahrzeichen deutscher Baukunst von bleibendem Wert" gerühmt wurde. Eine für die damalige Zeit astronomische Summe, die den Stadtvätern arge Kopfschmerzen bereitete. Doch der Kaiser, der in allen Phasen des Entstehens regen Anteil genommen hatte, stärkte von Thiersch und denen, die im Kurhaus die "Luxusschraube angezogen" hatten, den Rücken, so dass kein Wölkchen die Freude über das gelungene Werk trübte.

Denn für Wiesbaden, für das Gesellschafts- und Kulturleben der Stadt, bedeutete das neue Kurhaus, das den alten Cursaal von Christian Zais ersetzte, einen Gewinn, der sich nicht in Mark und Pfennig berechnen ließ. Der prunkvolle Bau mit seinen prachtvoll ausgestatteten Räumen, den marmorgeschmückten Sälen, korinthischen Kapitälen, seinen vergoldeten Decken und Mahagoni getäfelten Wänden stellte sich als strahlender, glanzvoller Mittelpunkt des Stadtlebens dar, vor dem Besucher aus aller Welt bewundernd standen und stehen.

"Wie ein Märchen..."

Vor allem der große Festsaal, den die Chronisten vor hundert Jahren "wie den Wundersaal eines Märchens aus Tausend und einer Nacht" empfanden, beflügelte die Phantasie und tut es noch heute. "Der Blick des Besuchers fällt unwillkürlich zuerst auf die Decke, die in ihrer Wirkung und Farbenpracht einen überwältigenden Eindruck macht", heißt es in einer zeitgenössischen Beschreibung. Und weiter: "In ihrer gigantischen Ausdehnung und der ungemein reich in Gold und Blau gehaltenen Kassettierung erinnert sie an moskowitische Kirchenbauten. Ein Fries von Tritonen und Nereiden umgibt das mittlere Deckenfeld. Über dem Musikpodium, in dessen  Nische eine von Bronzegitterwerk völlig verdeckte Orgel mit fünfzig Pfeifen eingebaut ist, erscheint der Sonnengott, der auf seinem Fünfgespann über die noch dämmernde Erde hinfährt."

Den ganzen Deckenrand entlang zieht sich ein blau-grüner Fries mit lateinischer Inschrift in Goldbuchstaben. Übersetzt: "Unter der Regierung Kaiser Wilhelms II. wurde dieses Haus, das vor hundert Jahren erbaut worden ist, um den Leidenden zu einem bessern Zustand und Aussehen zu verhelfen, von Rat und Bürgerschaft Wiesbadens wiederhergestellt und verschönert. Die Einweihung hat in Anwesenheit des Kaisers im Jahre 1907 n. Chr. stattgefunden."

Pläne für die Rheinbrücke

Friedrich von Thiersch, der aus Marburg stammte und auf ausgedehnten Studienreisen quer durch Europa und den Orient dem Formenreichtum vergangener Epochen nachspürte - das Wiesbadener Kurhaus und der Münchner Justizpalast, den er gleichfalls geplant und vollendet hatte, machten ihn zu einem der begehrtesten Baumeister seiner Zeit. Die bayerische Krone verlieh ihm die Rittermedaille und erhob ihn damit in den Adelsstand. 1882 hatte Thiersch in München einen Lehrstuhl für Architektur an der Technischen Hochschule erhalten. Im gleichen Jahr verfehlte er nur knapp den Zuschlag im Wettbewerb um den Bau des Berliner Reichstagsgebäudes. Dafür erteilte ihm Kaiser Wilhelm den Auftrag, die historischen Altäre von Pergamon und Altyra für die Berliner Museumsinsel zu rekonstruieren. Thiersch, ein Experte für den Kuppelbau und die Symbiose historischer Baustile, errichtete außerdem die Große Festhalle in Frankfurt am Main, die mit ihrer 65 Meter breiten Kuppel als eines seiner technischen Meisterwerke gilt.
Was heute vielfach in Vergessenheit gerät: Dass Friedrich-von-Thiersch, dem Wiesbaden "das schönste Kurhaus Europas" verdankt, einst auch auch für den Bau der Rheinbrücke Pate gestanden hat, die Kastel mit der Stadt Mainz verbindet. Tatsächlich entstand die Brücke, die heute den Namen des ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuß trägt, in den Jahren 1882 bis 1885 nach Plänen des Architekten Friedrich von Thiersch.

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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