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Der Geigerkönig August Wilhelmj ruht im Violinen-Sarg

Er galt als einer der größten Violinen-Virtuosen seiner Zeit, erlangte als gefeierter "Geigerkönig" und Konzertmeister Weltruhm, der seinen Namen bis heute nicht verblassen lies. August Wilhelmj (1845 bis 1908), dessen 100. Todestag sich 2008 jährt, sah sich Zeit seines Lebens aufs engste mit Wiesbaden verbunden. So war es nur folgerichtig, dass er auf dem Wiesbadener Nordfriedhof seine letzte Ruhestätte fand.

Vor hundert Jahren wurde August Wilhelmj auf dem Nordfriedhof beigesetzt - Mit Richard Wagner befreundet

 
Drei Steinstufen, die am Hauptweg des Nordfriedhofs zur Familiengrabstätte führen, in der August Wilhelmj vor hundert Jahren an der Seite seiner Eltern beigesetzt wurde. In einem Sarg, der die Form einer Geige hatte, wie Zeitzeugen vermerkten. Ausdruck der Liebe, Verehrung und Bewunderung für einen Künstler, dessen Ruf so legendär war, dass seine Zuhörer nur vom Geigerkönig sprachen, wenn der berühmte Violinist zum Bogen griff und sein verzückt lauschendes Publikum mit einem Repertoire begeisterte, das als unübertroffen galt. Wilhelmjs Spiel fiel dabei vor allem durch seine kraftvolle Tongebung auf, die er durch häufigen, variierenden Bogenwechsel zu erzielen wusste. Selbst Richard Wagner versagte dem jungen Virtuosen seine Bewunderung nicht. "Das ist ein eminent genialer Mensch", befand der Komponist, der schon im Elternhaus des Violinisten, der berühmten Weinhandlung des Vaters August Wilhelm Wilhelmj in Wiesbaden und Hattenheim, aus- und eingegangen war.

Wie eng die Beziehungen Wagners zur Familie tatsächlich waren, belegt die Tatsache, dass der Meister seine "Beckmesser-Arie" aus den Meistersingern während einer Weinprobe mit dem Oberprokurator in Hattenheim konzipiert hatte. So prominent war die Kundenliste des Hauses im Laufe der Zeit geworden, dass selbst Kaiser, Könige und der russische Zar zu den dankbaren Abnehmern zählten. Als letzterer während eines Spazierrittes in Bad Ems dem späteren Geigerkönig begegnete, bat er ihn: " Sagen Sie Ihrem Vater, dass ich nie einen anderen Wein trinken werde als von ihm." Den von ihm so gepriesenen Wein nannte der Zar fortan "Mon ami Wilhelmj".

Frühes Talent

August Wilhelmj, der später noch oft mit Richard Wagner zusammenarbeiten sollte - seine Geburtsstadt war Usingen, in der er am 21. September 1845 das Licht der Welt erblickte. Früh schon entwickelten sich sein Talent und seine musikalische Begabung, die ihm bereits in die Wiege gelegt worden waren. Der Vater, selbst ein exzellenter Violinist, die Mutter eine gefeierte Sängerin und Pianistin, taten alles, den Sohn und sein Begabtenpotenzial zu fördern. Als die Familie 1850 nach Wiesbaden übersiedelte, wo Wilhelmj sen. Karriere als königlich-preußischer Obergerichtsanwalt machte, bevor er sich später dem Rheingauer Wein zuwandte, war der Sohn gerade mal fünf Jahre alt.

Oskar Lehr, der letzte Hofmarschall am nassauischen Hof, erinnerte sich in seinen späteren Lebenserinnerungen an den Schulfreund: "Bis zur Quinta saßen wir meist nebeneinander, wenn nicht auf der letzten, so doch sicher auf der nicht weit davon entfernten Schulbank, die uns beiden recht hart dünkte. Der Vater meines Freundes, der Prokurator, war damals schon ein sach- und fachkundiger Weinhändler, und August profitierte davon, indem er häufig in einer Medizinflasche irgendeinen Süßwein mitbrachte, den wir uns heimlich während der Schulstunden zu Gemüte führten. August war ein frühreifes Talent; schon als Sechsjähriger trat er mit seiner Geige in einem Wiesbadener Kursaalkonzert auf. Stumm und staunend hörten wir seinen Übungen in seiner Dachkammer zu." Und Oskar Lehr fährt fort: "Das Rennen auf der Schule gab August bald auf, die Quarta sah er nicht mehr, widmete sich vielmehr ganz seiner phänomenalen Kunst und entschwand mir dann für lange Jahre aus dem Gesicht." Jahre, in denen der umfassend gebildete, nach künstlerischer Höchstleistung strebende junge Mann konsequent seinen Weg gegangen war.

Auf allen Konzertbühnen

Nach erstem Unterricht in Wiesbaden hatte er auf Empfehlung von Franz Liszt am Leipziger Konservatorium bei Ferdinand David, einem der bekanntesten Konzertmeister seiner Zeit, studiert und dabei eine so ungewöhnliche Spieldynamik und neue Strichart entwickelt, dass die Konzertbesucher bewundernd zu ihm aufblickten, wo immer der junge Geiger in Erscheinung trat. Dem hatte inzwischen auch das Studium der Kompositionslehre bei Joachim Ruf in Frankfurt gut getan, bevor ihn erste Konzertreisen 1865 in die Schweiz, in die Niederlande und ein Jahr später auch nach London führten.Fortan ist August Wilhelmj auf allen europäischen Konzertbühne  zu finden und das Publikum förmlich hingerissen von seiner Art der spätromantischen Interpretation, deren Tonlage sich mühelos fast den großen Orchestern und Konzertsälen anpasst. Immer wieder verlangt vom Publikum wird die von ihm selbst unter dem Titel "Air auf der G-Seite" bearbeitete Suite BWV 1068 für Violine und Klavier von Johann Sebastian Bach. Vor allem im englischsprachigen Raum ist "Air" seitdem als "Air on the  G String" bekannt und populär geblieben.

Zu den Bewunderern des virtuosen Violinenspiels, das August Wilhelmj auszeichnete, zählte von Anfang an auch Richard Wagner, der schon im Elternhaus des Geigerkönigs verkehrt hatte. Wagner berief ihn für seinen "Ring des Nibelungen" als Konzertmeister und Erster Geiger ans Bayreuther Festspielhaus auf dem grünen Hügel und übertrug ihm die Aufgabe, ein 108 Musiker starkes Orchester für die Aufführung zusammenzustellen. Für den jungen Violinisten, der damals erst dreißig Jahre zählte, eine gewaltige Herausforderung, die ihn mit einem Schlage in der gesamten Musikwelt etablierte. Auch mehrere Wagner-Festivals, die Wilhelmj in der gewaltigen Londoner Royal-Albert-Hall organisierte, trugen zu seinem ausgezeichneten Ruf bei. Konzertreisen, die ihn vier Jahre lang rund um die Welt führten, machten seinen Namen schließlich so bekannt, dass das internationale Konzertpublikum nur noch vom "Geigerkönig" sprach, wenn von August Wilhelmj die Rede war.

Reisen um die ganze Welt

Oskar Lehr, der letzte Hofmarschall am nassauischen Hof, erinnerte sich: "Wo war er nicht überall herumgekommen! In Europa, Asien, Australien und Amerika. Er hatte vor dem Sultan in Konstantinopel und bei den Mormonen am Salzsee gegeigt, große Reichtümer und Ehrenzeichen erworben, aber ein Finanzmann war er nicht. Das Geld zerfloss ihm unter den Händen, so dass er seine Biebricher Prachtvilla mit einer weißen Marmortreppe, die allein 30 000 Mark gekostet hatte, verkaufen musste." Er zog dann nach London, wurde als Professor für Violine an die "Guildhall School of Music" berufen, hatte zuvor jedoch noch einmal den Schulfreund Oskar Lehr besucht, der ein Konzert mit ihm arrangierte und schwärmte: "Noch immer höre ich das Ave Maria mit Doppelgriffen und mit den wunderbaren Flageolett-Tönen und war ergriffen und begeistert wie nie."

August Wilhelmj, der Zeit seines Lebens regelmäßig nach Wiesbaden kam und lange Jahre als "Tonkünstler", wie er sich nannte, im Hause seiner Eltern in der Adolphstraße 7 wohnte, kehrte 1903 ein letztes Mal nach Deutschland zurück, um auf der Hochzeit der ältesten Tochter seines Bruders in Wiesbaden zu spielen. Fünf Jahre später starb der Geigerkönig, der sich auch als Herausgeber klassischer und romantischer Violinliteratur einen Namen gemacht hatte, in London. Der Tote wurde bald darauf nach Wiesbaden überführt und auf dem Nordfried in seinem geigenförmigen Sarg beigesetzt. Von August Wilhelmj existiert heute noch, nach über hundert Jahren, ein seltenes, sorgsam verwahrtes Tondokument: Ein vom Geigerkönig gespieltes Violinenstück, das auf einer Wachsrolle konserviert wurde. Auch wenn die Wiedergabequalität geräuschvoll beeinträchtigt ist und dem "Wundergeiger" auch nicht annähernd gerecht wird  - Original bleibt Original.

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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