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Johannes Brahms und Clara Schumann

Den einen war sie ein Wunderwerk der Kompositionskunst, die anderen sahen in ihr das Meisterwerk eines "neuen Beethoven". Auch heute noch, nach 125 Jahren seit ihrer Wiesbadener Erstaufführung im Kurhaus, ist das Urteil der Nachfahren einhellig: Mit seiner "Wiesbadener Symphonie" in F-Dur hat der Komponist Johannes Brahms, der 1883 einen Sommer lang in Wiesbaden lebte und arbeitete, eine musikalische Kostbarkeit von Rang hinterlassen, die alle Zeiten überdauern wird.

Clara Schumann kam zur Generalprobe

Vor 125 Jahren dirigierte Johannes Brahms im Kurhaus seine berühmte "Wiesbadener Symphonie" in F-Dur

Den einen war sie ein Wunderwerk der Kompositionskunst, die anderen sahen in ihr das Meisterwerk eines "neuen Beethoven". Auch heute noch, nach 125 Jahren seit ihrer Wiesbadener Erstaufführung im Kurhaus, ist das Urteil der Nachfahren einhellig: Mit seiner "Wiesbadener Symphonie" in F-Dur hat der Komponist Johannes Brahms, der 1883 einen Sommer lang in Wiesbaden lebte und arbeitete, eine musikalische Kostbarkeit von Rang hinterlassen, die alle Zeiten überdauern wird.
 
Der Wiesbadener Sommer des Jahres 1883, den Brahms als "unvergleichlich" empfindet, bringt dem berühmten Komponisten Lebensfreude in einem Maße, die den zurückhaltenden, zur Verschlossenheit neigenden Künstler geradezu aufblühen lässt. Dazu trägt nicht zuletzt die Brahms'sche Sommerbleibe in der Geisbergstraße 19 (heute Schöne Aussicht 7) bei, die Familienfreundin Laura von Beckerath für den verehrten Meister ausfindig gemacht hat. Ein helles, freundliches Haus in klassizistischem Stil, das einst dem Maler Ludwig Knaus als Atelier gedient hatte.Als der Komponist in der Jahresmitte 1883 sein Quartier bezieht - Besitzerin ist zu jener Zeit die Leutnantswitwe Bertha von Dewitz - da sind es vor allem die reizvollen Kontraste der unmittelbaren Umgebung, die den prominenten "Kurgast" gefangen nehmen. Auf halber Höhe zum Neroberg, den er oft und gern erwandert, hoch über den Dächern der Stadt gelegen, genießt Brahms in vollen Zügen die Stille und Abgeschiedenheit seiner beschaulichen Künstlerklause, die ihm ein ungestörtes produktives Arbeiten ermöglicht.

Arbeit im Geheimen

Hinzu kommt eine innige Zuneigung, die der 50jährige Komponist zu der in Wiesbaden lebenden 26jährigen Altistin Hermine Spies fasst, in der er die ideale Interpretin seiner Altrhapsodie sieht. Brahms, der seine junge, naturhafte Interpretin oft und gern am Flügel begleitet, wird von ihr in hohem Maße inspiriert und musikalisch beflügelt. Dass er  dem "rheinischen Mädchen" ganz nebenbei auch den Weg in die europäischen Konzertsäle ebnet, für sie schreibt und komponiert, ahnen zunächst nicht einmal die engsten Freunde. Wie der Komponist überhaupt dazu neigt, aus seinen musikalischen Plänen und Projekten, an denen er gerade arbeitet, ein Geheimnis zu machen. Auch in Wiesbaden ist das so. Womit sich der Meister eigentlich beschäftigt in seiner Villa am Berge, weiß niemand. Der Vermieterin hat Brahms strikte Order gegeben, niemanden, und sei es auch der beste Freund, in sein Arbeitszimmer einzulassen. Eine Anweisung, an die sich Bertha von Dewitz penibel hält.

Erst nach seiner Abreise aus Wiesbaden am 2. Oktober 1883 erfahren die Freunde, dass die lebensvollen, heiter-melancholischen Sommermonate in der Kurstadt den Komponisten nicht haben untätig sein lassen. In seiner unpathetischen Art, die nicht viel Aufhebens macht von eigener Leistung, hat Brahms in der Stille seiner Wiesbadener Sommeridylle die grandiose 3. Sinfonie in F-Dur (op. 90) vollendet, ohne dass jemand davon erfuhr. Erst sehr viel später - Johannes Brahms befindet sich längst wieder in Wien - berichtet der Komponist in einem 32seitigen (!) Entschuldigungsbrief nach Wiesbaden von seiner Arbeit und legt die Abschrift eines vierhändigen Klavierarrangements bei, das für die Beckerath'schen Hausmusikabende gedacht ist.

Test durch die Freunde

Bei dieser Gelegenheit erfahren die Gastgeber auch, dass ein kleiner, ausgewählter Freundeskreis in Wien die Wirkung der neuen Komposition zuvor erproben durfte, und dass Brahms dafür eigens eine Fassung für zwei Klaviere hergestellt hat. Seine vierte Sinfonie wird später durchfallen bei diesem Test, doch für seine "Dritte" erntet er ungeteilte Bewunderung. Ein in seiner empfindsamen Musikalität anrührendes Werk mit rhythmischen, harmonischen Finessen und einem kunstvollen thematischen Beziehungsgeflecht, das alle musikalischen Segmente satzübergreifend durchzieht. Alle Sätze dieser "Dritten", in der Johannes Brahms dem Zauberglanz seiner Wiesbadener Tage Form und Seele gegeben hat, enden - ungewöhnlich genug - im Piano. Auch dass der Komponist seine Sinfonie in geradezu genialer Weise mit dem Hauptthema des Kopfsatzes ausklingen lässt, zählt zu den Besonderheiten, die das Werk hervorheben.

Am 2. Dezember 1883 erlebt die "Wiesbadener Symhonie" in Wien ihre triumphale Uraufführung durch die Philharmoniker unter dem Dirigat von Hans Richter. Obwohl es dabei zu unliebsamen Störungen kommt, weil Bruckner- und Wagner-Anhänger nach jedem Satz zu zischen beginnen, lässt sich das Konzertpublikum nicht beirren. Brahms und seine "Dritte" werden vielmehr enthusiastisch gefeiert. Einer der ersten Bewunderer der Sinfonie ist Antonin Dvorak, der seinem Verleger Simrock gegenüber die "herrlichen Melodien" lobt und bekennt, ihm sei "das Herz förmlich aufgegangen." Hans Richter, der philharmonische Dirigent, vergleicht das Brahms'sche Werk gar mit Ludwig van Beethovens Sinfonie "Eroica", und Clara Schuhmann, die Herzensfreundin des Komponisten, fühlt sich im zweiten Satz an "Rinnen der Bächlein, Spielen der Käfer und Mücken..." erinnert. "Diese Symphonie", notiert sie in ihrem Tagebuch, "ist wieder ein Meisterwerk; ich möchte sie eine Waldidylle nennen. Die Stimmung ist von Anfang bis Ende eine elegische. Wunderbar sind die Durcharbeitungen, wie immer bei Brahms - darin besteht bei ihm die Hauptkraft."

Kurorchester verstärkt

Sieben Wochen später, am 18. Januar 1884, ist sie erstmals in Wiesbaden zu hören. Das renommierte Stadt- und Kurorchester hat das Werk vorstudieren dürfen und ist eigens auf sechzig Musiker verstärkt worden. Das Konzert im Kurhaus, zu dem Johannes Brahms nach Wiesbaden anreist und das er selbst dirigiert, wird zum Riesenerfolg. Die Kritik feiert das Werk überschwänglich, und die Besucher, unter ihnen auch Clara Schumann, werden  nicht müde, Feinheit, Poesie und Tiefe der neuesten Brahms'schen Schöpfung zu rühmen, die Ergriffenheit und unverhohlene Begeisterung bewirkt. Von Clara Schumann aus Frankfurt wird berichtet, sie habe es sich nicht nehmen lassen, sogar zur Generalprobe der "Wiesbadener Symphonie" im Kurhaus zu erscheinen. Was das Wiesbadener Konzertpublikum damals gleichfalls mit Erstaunen registriert: Dass Brahms nicht etwa eine gestochen scharfe Partitur seiner neuen Sinfonie mit ins Kurhaus gebracht, sondern lediglich sein handgeschriebenes Originalmanuskript dabei hat, nach dem das Kurochester spielt

Brahms im Casino-Saal

Bereits drei Tage nach der Erstaufführung -  man schreibt den 21. Januar 1884 - gibt der Komponist einem Brahms-Abend des Wiesbadener Vereins der Künstler und Kunstfreunde im Casino-Saal an der Friedrichstraße die "höheren Weihen seiner Anwesenheit." An erster Stelle der Mitwirkenden wird " Fräulein Hermine Spies, Concertsängerin von hier" genannt, Johannes Brahms liebenswerte Gefährtin vergangener Wiesbadener Tage, die "Von ewiger Liebe" singt. Aber auch der Komponist selbst, der den Musikabend leitet, tritt mehrfach als begnadeter Interpret eigener Schöpfungen am Pianoforte in Erscheinung. Johannes Brahms und seine "Wiesbadener Symphonie" - ihr Siegeszug ist nach der Uraufführung in Wien und der Wiesbadener Erstaufführung nicht mehr aufzuhalten. In Meiningen setzt Hans von Bülow das Werk an den Anfang und an das Ende des gleichen Konzerts. Von solchen Konstellationen können Komponisten heute nur noch träumen.

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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