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Stadtlexikon Wiesbaden

Zinn, Georg August

Jurist, Parlamentarier, Widerstandskämpfer, hessischer Staatsminister, Ministerpräsident

geboren: 27. Mai 1901 in Frankfurt am Main
gestorben: 27. März 1976 in Frankfurt am Main


Details

In die Wiege in seinem nationalliberal eingestellten Elternhaus in Frankfurt-Sachsenhausen ist ihm die Karriere als sozialdemokratischer Spitzenpolitiker sicherlich nicht gelegt worden. Durch den frühen Tod des Vaters, der zuletzt als Oberingenieur bei der Firma Henschel in Kassel beschäftigt gewesen ist, lastete auf dem jungen Zinn aber seit 1920 die Versorgung der sonst bitterste Not leidenden Mutter sowie dreier Geschwister. Nach der sofort nach dem Abitur im selben Jahr bei der Stadt Kassel angetretenen Ausbildung zum Kommunalbeamten, einem selbstfinanzierten Jurastudium in Göttingen und Berlin von 1923 bis 1927 sowie dem seit dem nächsten Jahr wiederum in Kassel absolvierten Gerichtsreferendariat hatte Zinn sich dort 1931 als Rechtsanwalt niedergelassen.

Politische Zusammenstöße mit der NSDAP sind für ihn, der bereits 1919 der SPD beigetreten war und überdies zu den Mitbegründern der Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Kassel und Kurhessen gehörte, nahezu alltäglich gewesen zu jener Zeit. So hatte er, Stadtverordneter seiner Partei seit 1929, mehrfach Roland Freisler, dem späteren Präsidenten des berüchtigten „Volksgerichtshofs“, Paroli geboten und sich dann auch 1933 am frühen antinazistischen Widerstand der SPD beteiligt. Zudem sind zahlreiche NS-Gegner von ihm couragiert verteidigt worden.

Nachdem er aber im Sommer 1933 vorübergehend in Haft genommen worden war und im nachfolgenden Herbst noch dazu ein Großteil der von Berlin aus operierenden sozialdemokratisch-linkssozialistischen Widerstandsorganisation „Roter Stoßtrupp“ enttarnt worden war, zu der er über einen seiner Brüder Kontakt hatte, war für Zinn die „innere Emigration“ zur einzig gangbaren Handlungsoption geworden. Der Rekrutierung zur Wehrmacht im Jahr 1939 folgten eigener Angabe zufolge eine vormilitärische Ausbildung in der SA-Wehrmannschaft und 1941 der Kriegseinsatz in Frankreich sowie seit 1942 an der Ostfront. Seine konspirativen Verbindungen zu Adolf Reichwein und Ernst von Harnack und damit zum Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 blieben unentdeckt. 1945 geriet er schließlich im Rang eines Feldwebels in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Nachdem er im Oktober 1945 für einige Tage in Kassel als Landgerichtsdirektor gewirkt hatte, wurde Georg August Zinn schon Ende dieses Monats zum hessischen Justizminister ernannt, ein Amt, das er nach kurzer Unterbrechung 1949/50 auch während seiner Jahre als Ministerpräsident bis 1963 ausübte. Hessische Landesverfassung und Grundgesetz tragen gleichermaßen deutlich seine Handschrift. Das hier wie dort klar fixierte Prinzip einer kämpferischen Demokratie resultierte aus der Negativerfahrung der Zerstörung der Weimarer Demokratie, bei der sich gezeigt habe, so Zinn in seiner prägnanten Art, „wohin es führt, wenn Toleranz gegenüber der Intoleranz geübt wird“. Die Begründung der Idee des Fortbestands der deutschen Nation in einem Staatswesen ist von ihm, der nicht müde wurde zugleich auf den provisorischen Charakter unseres Grundgesetzes hinzuweisen, ebenso mitentwickelt worden wie die dezidiert sozialstaatliche Ausprägung der Bundesrepublik.

Als hessischer Regierungschef agierte er seit dem 14. Dezember 1950. Vor allem um die Schaffung von immer mehr Arbeitsplätzen und neuem Wohnraum hat er sich verdient gemacht, um die Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die zeitweilig mehr als ein Viertel der hessischen Bevölkerung ausmachten, um Bildungspolitik ebenso wie um Wirtschaftsförderung. Gleiches gilt für die gezielte infrastrukturelle Entwicklung des ländlichen Raumes sowie nicht zuletzt um die Herausbildung einer neuen Hessen-Identität, etwa durch Initiierung des seit 1961 alljährlich durchgeführten Hessentages. 1964 wurde von ihm – dabei einer Anregung des früheren Leuschner-Mitstreiters und damaligen DGB-Vorsitzenden Willi Richter folgend – die Wilhelm Leuschner-Medaille gestiftet, um hiermit Menschen auszuzeichnen, „die sich aus dem Geist“ jenes bedeutenden sozialdemokratischen Gewerkschafters und antinazistischen Widerstandskämpfers „hervorragende Verdienste um die demokratische Gesellschaft und ihre Einrichtungen erworben haben“. 1971 ist diese höchste Verdienstauszeichnung Hessens dann auch Zinn selbst verliehen worden.

In vielen weiteren relevanten Positionen hat er ebenfalls gewirkt, so z. B. als Direktor des Landespersonalamtes, als Bundesratspräsident bzw. -vizepräsident, als Landtags-, kurzzeitig zudem als Bundestagsabgeordneter, als langjähriger SPD-Landesvorsitzender sowie Vorsitzender des SPD-Bezirks Hessen-Nord und obendrein noch als Mitglied des SPD-Parteivorstands. Um die Entwicklung des Rhein-Main-Flughafens zum größten deutschen Flughafen hat er sich von 1947 bis 1971 als Mitglied des Aufsichtsrats der Flughafen Frankfurt am Main AG bzw. als dessen Vorsitzender verdient gemacht. Von 1964 bis 1969 fungierte er als Verwaltungsratsvorsitzender der Hessischen Landesbank – Girozentrale. Darüber hinaus ist er durch zahlreiche in erster Linie juristische Veröffentlichungen hervorgetreten, vor allem aber durch den von ihm zusammen mit dem früheren hessischen Kultus- sowie Justizminister und damaligen Bundesverfassungsrichter Erwin Stein erstmals 1954, dann erneut 1963 herausgegebenen Kommentar zur Verfassung des Landes Hessen. Für sein vielfältiges, unermüdliches politisches Engagement sind ihm viele Auszeichnungen verliehen worden, so z. B. die Ehrendoktorwürden der Philosophischen Fakultät der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität und der Landwirtschaftlichen Fakultät der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Seine legendären „Hessenpläne“ und anderen Strukturentwicklungspläne kennzeichneten als ganz besondere Glanzlichter die „Ära Zinn“, während welcher das von ihm geführte Bundesland zum Synonym für ein sozialdemokratisches Musterland par excellence aufstieg. Aus dem Ministerpräsidentenamt musste er krankheitsbedingt am 2. Oktober 1969 ausscheiden. Wiesbaden behielt er als Hauptwohnsitz bei. Fast 75-jährig ist der Ehrenbürger der Städte Kassel, Wiesbaden und Frankfurt dann jedoch in seiner Geburtsstadt gestorben. Auf dem Wiesbadener Nordfriedhof befindet sich hingegen die Grabstätte der „bedeutendsten politischen Persönlichkeit der hessischen Nachkriegsgeschichte“, so das dezidierte Urteil seines späteren Amtsnachfolgers Roland Koch.

An das segensreiche Wirken des noch über seinen Tod hinaus außerordentlich populären einstigen Landesvaters erinnern die Namen etlicher hessischen Schulen und anderer öffentlichen Gebäude sowie Straßen, desgleichen die von Ministerpräsident Hans Eichel 1997 zur Würdigung hoher Verdienste um die hessische Kunst-, Kultur-, Wissenschafts- und Bildungsförderung bzw. um das Gemeinwohl Hessens generell gestiftete Georg August Zinn-Medaille sowie der 2002 erstmals verliehene Georg-August-Zinn-Preis der Hessen-SPD. Eine vor etlichen Jahren bereits fertiggestellte umfangreiche biographische Würdigung durch den im Jahr 2000 verstorbenen Kronberger Historiker Gerhard Beier harrt freilich noch immer ihrer Veröffentlichung. Die Landeshauptstadt Wiesbaden hat ihm mit der Umbenennung des Straßenabschnitts vor dem Gebäude der neuen Staatskanzlei am Kranzplatz in Georg-August-Zinn-Straße einmal mehr ihre Reverenz erwiesen.

Literatur