OB-Kolumne
Liebe Wiesbadenerinnen und Wiesbadener,
einer meiner Lieblingsplätze in Wiesbaden ist der Schiersteiner Hafen. Ich finde, er hat eine einmalige, besondere Atmosphäre. Und er ist jeden Tag ein Treffpunkt von vielen ganz unterschiedlichen Menschen. Man sieht junge Menschen und alte, Leute, die körperlich fit sind, und auch solche mit Handicap. Manche führen ihre Hunde aus, andere joggen entlang der Uferpromenade und die Kinder freuen sich über ein leckeres Eis. Und man sieht überall Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Nationalitäten.
Wiesbaden ist vielfältig - wo könnte man dies besser beobachten als am Schiersteiner Hafen. Und deshalb bin ich gerne dort. Was mich immer wieder fesselt: Die Hafenszenerie ist für mich so etwas wie ein Barometer, auf dem man die Entwicklung von Integration und Inklusion in Wiesbaden ablesen kann. Und ich finde, es zeigt positive Werte. Hier sitzen sie nebeneinander: Senioren und Jugendliche, Rolli-Fahrer und Sportler, Einheimische und Zugezogene. Und man redet miteinander. Das alltägliche Leben auf der Hafenpromenade ist ein sichtbarer Beweis, dass es möglich ist, die Unterschiedlichkeit der Menschen als Normalität zu begreifen. Und wer in den letzten Jahren öfter am Hafen war, wird vielleicht genau so wie ich bemerken, dass wir einen ganzen Schritt weitergekommen sind diese Normalität in unserer Stadt tatsächlich zu leben.
Integration heißt miteinander, nicht nebeneinander zu leben. Das bedeutet, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln gleichberechtigt am sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben teilnehmen können.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration ist die Bildung. Sie zu fördern war und ist einer der Schwerpunkte der Arbeit mit und für Menschen aus dem Ausland. Es sind oft kleine Schritte und man braucht Zeit. Aber mittlerweile besuchen weit mehr als 90 Prozent der Kinder ausländischer Herkunft mindestens eineinhalb Jahre lang eine Kindertagesstätte, auch mit dem Erfolg, dass deutlich verbesserte deutsche Sprachkenntnisse beim Übergang in die Schule vorhanden sind. Gerade eine gute Kenntnis der Sprache ist der Schlüssel zum schulischen Erfolg. Dennoch gibt es noch viel zu tun, beispielsweise den Anteil der Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund zu steigern, die ein Gymnasium besuchen.
Gesellschaftliche Teilhabe bedeutet auch, für sich und die Familie sorgen zu können. Durch intensive Fördermaßnahmen hat sich das Ausbildungsniveau von ausländischen Beschäftigten kontinuierlich erhöht. Damit ist auch die Zahl der Menschen, die keine Beschäftigung finden konnten, gesunken. Besonders freut mich, dass auch mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund eine passende Lehrstelle gefunden haben, wenngleich auch hier noch deutliche Verbesserungen möglich sind.
Dass im Bereich der Integration so viel Positives erreicht wurde, ist das Ergebnis von ganz vielen individuellen Maßnahmen. Lassen Sie mich hier zwei Beispiele herausgreifen: Da gibt es neben zahlreichen anderen erfolgreichen Projekten die "Bildungslotsen". Hierbei wurden Männer und Frauen ausländischer Herkunft geschult, um Eltern von Schulkindern in deren Muttersprache bei Fragen zum Schulsystem zu beraten. Im letzten Jahr wurden eine Vielzahl solcher Gespräche geführt, unter anderem auch mit dem Ergebnis, dass mehr Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund eine weiterführende Schule besuchen.
Auch die Erstberatung von Zuwanderern mit einem qualifizierten Beruf hat sich bewährt. Hier erhalten die Ratsuchenden Hinweise und Hilfe zur Anerkennung ihrer schulischen, beruflichen und akademischen Abschlüsse. Auf diese Weise ist es gelungen einer ganzen Reihe von Menschen den Einstieg in den im Heimatland erlernten Beruf zu ermöglichen.
Besonders gefreut hat mich, dass Wiesbaden im Februar dieses Jahres mit dem Land Hessen die Kooperationsvereinbarung "Modellregion inklusive Bildung" schließen konnte. Denn auch für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen gilt: Bildung ist der Schlüssel zur Teilhabe am beruflichen und gesellschaftlichen Leben. Ziel ist es, Kindern mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen die Teilnahme am regulären Unterricht an einer allgemeinen Schule zu ermöglichen. Dank des Modellprojekts werden in den nächsten fünf Schuljahren jeweils neun zusätzliche Förderlehrer und Sozialarbeiter – also insgesamt 45 Mitarbeiter - für den gemeinsamen Unterricht sorgen. Ihre Aufgabe wird es sein, dass jedes Kind und jeder Jugendliche, unabhängig von seinen individuellen Bedürfnissen, die Möglichkeit erhält, wohnortnah ein passendes Bildungsangebot wahrnehmen zu können.
Der Beruf eines Oberbürgermeisters bringt es mit sich, dass er sehr oft Gelegenheit hat, mit Menschen zu sprechen, die auf unterschiedlichste Weise dazu beitragen, dass Integration und Inklusion gelebt und fortentwickelt werden. Viele davon engagieren sich ehrenamtlich und jeder Einzelne trägt dazu bei, dass das Zusammenleben trotz aller Unterschiedlichkeit der Menschen in unserer Stadt funktioniert. Ohne sie und ihren Einsatz wäre vieles nicht möglich und von einer Kommune auch gar nicht leistbar. Und deshalb ist es mir auch ein ganz wichtiges Anliegen, ihnen allen ein sehr persönliches "Herzliches Dankeschön" zu sagen – verbunden mit der Bitte: "Machen Sie weiter, Wiesbaden braucht Sie!"
Mit Ablauf des 1. Juli 2013 endet meine Amtszeit als Oberbürgermeister von Wiesbaden. Hinter mir liegt dann eine sehr spannende Zeit, in der ich neben vielen anderen Themen fast täglich mit den Arbeitsfeldern Inklusion und Integration beschäftigt war, weil sie in fast allen Bereichen – Wirtschaft, Sport und Kultur – eine bedeutende Rolle spielen. Ich hoffe sehr, dass es auch in Zukunft ein zentrales Anliegen der Politk sein wird, dafür zu sorgen, dass in unserer Gesellschaft alle Menschen, egal woher sie stammen oder welche Beeinträchtigung sie haben, sich entfalten und in Wiesbaden ihre Stärken und Fähigkeiten einbringen können.
Ich wünsche meinem Nachfolger für seine Arbeit für Wiesbaden alles Gute.
Vielleicht sehen wir uns ja einmal am Schiersteiner Hafen...
Ihr
Dr. Helmut Müller
Oberbürgermeister



