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Kultur

Ein Irrlicht geistert durch die Weinberg

Kurier-Serie "Stadtteile sagenhaft" - 1. Folge: Das Eisenmännchen aus Frauenstein muss nach Schierstein, vom 16. Januar 2004 - Von Kurier-Mitarbeiterin Eva Wodarz-Eichner

Ein trauriges Burgfräulein, Gespenster im Schloss - auch in Wiesbaden und seinen Stadtteilen sollen sich "sagenhafte" Geschichten zugetragen haben. Der Kurier stellt sie in loser Folge vor. Zum Auftakt geht es in die Weinberge zwischen Schierstein und Frauenstein.

Nachts soll es unheimlich zugehen in den Weinbergen zwischen Schierstein und Frauenstein. Es wird erzählt, dass ein unruhig flackerndes Lichtchen aus den schwarzen Wellen des Rheins steige, sobald die Schiersteiner Kirchturmuhr Mitternacht geschlagen hat. Das Irrlicht kennt seinen Weg genau - es muss hinauf in die Weinberge, hinauf zu der Burg im benachbarten Frauenstein, hinauf zu der Gruft, in der die Edlen des ausgestorbenen Rittergeschlechts bestattet sind.

Den Letzten von ihnen hält es nicht im Grab: Nacht für Nacht muss er aufstehen und dem zuckenden Flackern folgen, Nacht für Nacht wandelt sein Geist in klappernder Eisenrüstung den Pfad nach Schierstein und weiter an den Rhein hinunter. "Eisenmännchen" wird der Ritter genannt, der wohl niemals die ewige Ruhe finden wird . . .

An einem lauen Sommerabend soll der Ritter der schönen Irmtrud zum ersten Mal begegnet sein. Sie war die Tochter eines armen Schiersteiner Fischers, und viele Männer hatten schon um sie geworben, aber sie hatte jeden abgewiesen - ihr sei keiner gut genug, lästerten böse Zungen; andere meinten, dass sie ihr Herz längst verschenkt hätte. Irmtrud lachte darüber und wartete. Und dann sah sie ihn - den blonden Ritter, dessen Blick sie in der Tiefe ihres Herzens traf. Und auch das Mädchen hatte Eindruck auf den Ritter gemacht - er kam jeden Abend in die Weinberge, in der Hoffnung, sie wieder zu sehen. Einmal, als niemand in der Nähe war, sprach er sie an, und es dauerte nicht lange, bis sich beide ihre Liebe gestanden.

Niemand durfte von ihrem heimlichen Glück erfahren, denn er war der Erbe des stolzen Frauensteiner Rittergeschlechts, der niemals die Tochter eines Fischers zur Frau nehmen könnte - Irmtrud machte sich nichts daraus. Sie hatte ihn, und das wog mehr als alles andere.

Abend für Abend verließ sie im Schutz der Dunkelheit ihr Elternhaus und schlich sich fort zu ihrem Liebsten in die Verschwiegenheit der nächtliche Weinberge. Einen Sommer lang war Irmtrud glücklich. Doch eines Abends war er nicht da - Irmtrud wartete lange, doch der Ritter kam nicht. Und auch in der nächsten und der übernächsten Nacht wartete sie vergeblich - war er ihrer überdrüssig geworden, hatte er sie vergessen? Schließlich wagte sie kaum noch, zu dem lauschigen Winkel im Weinberg zu gehen - er würde doch nicht kommen . . .

Die Verzweiflung schlug über Irmtrud zusammen. Ihr Leben hatte ohne ihn keinen Sinn mehr. Sie überlegte nicht lange. Es war Nacht, als sie wie so oft unbemerkt und leise ihr Elternhaus verließ. Aber sie schlug nicht den Weg in Richtung Frauenstein ein, sondern ging hinunter ans Ufer des Rheins. Der reißende Fluss spülte schwarze Wellen kalt und drohend ans Land - dem verzweifelten Mädchen war es, als riefen sie nach ihr. Schluchzend warf sie sich dem Tod in die Arme - alles war besser als ein Leben ohne den schönen, blonden Ritter . . .

Als die Kirchturmuhr Mitternacht schlug, stieg ein fahles, zuckendes Lichtchen aus dem dunklen Rhein. Es nahm seinen Weg durch die Weinberge zur Burg des Ritters, und seit dieser Nacht ließ es ihm keine Ruhe mehr. Er versuchte, seine Furcht und sein brennendes Gewissen bei rauschenden Festen und wagemutigen Turnieren zu betäuben, aber vergebens. Mitten in einem grölenden Gelage soll ihn der Schlag getroffen haben. Er starb ohne Nachkommen, und das einstmals mächtige Geschlecht der Edlen von Frauenstein war erloschen. Um ihm die letzte Ehre zu erweisen, bestatteten ihn seine Freunde in voller Rüstung in der Gruft seiner Ahnen, aber er sollte dort keine Ruhe finden . . .

Wann die Sage vom Eisenmännchen entstand und auf welche Quellen sie zurück geht, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Als Letzter jedenfalls aus dem Geschlecht der Frauensteiner Ritter ist ein Ulrich bezeugt, der vor 1427 gestorben ist. Glaubt man der Sage, so muss er es gewesen sein, der das Unglück über das Schiersteiner Mädchen gebracht hat. Bis heute gibt es den Distrikt Eisenmännchen und die Eisenmännchenstraße in Schierstein. Und manch einer, der zum ersten Mal dort übernachtet, wird vor einer klappernden Rittergestalt gewarnt, die Nacht für Nacht ihren Weg zu den dunklen Fluten des Rheins nehmen soll . . .

Quelle: Wiesbadener Kurier

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