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Kultur

Wo Störche nach Babys fischen

Kurier-Serie "Stadtteile sagenhaft" - 5. Folge: Grunsels Börnchen in Schierstein, vom 30. August 2004 - Von Kurier-Mitarbeiterin Eva Wodarz-Eichner

Elegant ziehen sie ihre Kreise über die Kirche am Hafen, winkend begrüßt von manch einer Hochzeitsgesellschaft, die die Christophoruskirche verlässt. Sie residieren in Nestern auf
Schierstein Schornsteinen und sogar auf Hochspannungsmasten, zieren Postkarten von Wiesbadens Hafenstadtteil und sind sogar im "Schiersteiner Lied" verewigt: Die Störche, die zu Schierstein eine ganz besondere Beziehung zu haben scheinen, wenn man der Sage glaubt.

Es ist seit jeher der Storch, der die kleinen Kinder bringt, das wissen auch die Schiersteiner Frauen - und legen dem Storch manchmal heimlich ein Zuckerstückchen aufs Fensterbrett, wenn sie sich ein Baby wünschen. Doch wo hat der Storch die Kinder her? In Schierstein meint man, das ganz genau zu wissen: Auf dem Weg zwischen Frauenstein und Schierstein entspringt im Grunsels Börnchen eine Quelle, die in den Lindenbach mündet. Dort, heißt es, seien des Nachts die Störche unterwegs, um in der Quelle nach den Babys zu fischen. In einem unterirdischen Reich, das unter der Quelle beginnt und dessen Tor nur von einem Storch gefunden werden kann, warten die Kinder darauf, geholt und zu ihren neuen Familien gebracht zu werden.

Auf diesem Weg soll vor langer, langer Zeit ein Bildstock der Jungfrau Maria gestanden haben. Dorthin war eine Edelfrau aus einem alten Rheingauer Geschlecht gekommen, um zu beten: Schon sieben Jahre war sie verheiratet, und noch immer hatte sie kein Kind. Sie war verzweifelt, denn die Familie wartete auf einen Erben - und sie wartete auf ihr Kind, dem sie ihre ganze Liebe schenken wollte. Voller Inbrunst betete die Frau vor dem Bildnis der Gottesmutter, und plötzlich war ihr, als hätte diese tröstend die Hand auf ihre Schulter gelegt. Die Edelfrau wischte sich die Tränen von den Wangen, erhob sich und wollte voll neu geschöpfter Zuversicht wieder umkehren, als plötzlich vor ihr ein heller Wasserstrahl aus der Erde entsprang: Eine Quelle suchte sich sprudelnd ihren Weg zum Lindenbach, und überwältigt sank die Edelfrau erneut auf die Knie - ein Wunder war geschehen!

Sie betete lange vor der Quelle und trank schließlich daraus, bevor sie sich auf den Weg nach Hause machte. Ein Jahr später kehrte sie zurück, um der Gottesmutter zu danken - mit ihrem kleinen Sohn im Arm.

Die Geschichte vom Grunsels Börnchen verbreitete sich schnell, und manche junge Frau machte sich zu ihm auf, um sein Wasser zu trinken. Und bald hieß es, dass in der Nacht die Störche aus den Rheinauen zu der Quelle flögen, um dort die Kinder auf die Welt zu holen.

An der Stelle, wo einst der Bildstock gestanden haben soll, wurde später ein Wegkreuz errichtet. Das Kreuz soll Reliquien enthalten haben und wurde von einem Wallufer Lehrer neben dem Grunsels Börnchen auf dem Feldweg zwischen Frauenstein und Schierstein aufgestellt. Im April 1713 wurde es von einem Wallufer Pfarrer gesegnet; erwähnt wird das Wegkreuz gleich in mehreren Chroniken. Umso mysteriöser ist sein Verschwinden: Irgendwann stand es nicht mehr an seinem Platz an der Schiersteiner Quelle, und niemand weiß, wo es geblieben ist.

Ein Schiersteiner Ehepaar stiftete im Frühjahr 1994 ein neues Wegkreuz: Heute erhebt sich im Schatten eines großen Baumes direkt über dem Grunsels Börnchen ein Kruzifixus aus rotem Sandstein mit bronzenem Corpus. Viele Wanderer und Spaziergänger machen an der munter sprudelnden Quelle Rast - und die Schiersteiner Störche ziehen hoch über ihren Köpfen ihre Kreise.

Quelle: Wiesbadener Kurier

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