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Der weiße Flieder blüht noch immer

Der berühmte Filmklassiker mit Romy Schneider entstand 1953 in den Studios Unter den Eichen.

Sie galt schon zu Lebzeiten als Legende, wurde zum Filmidol einer ganzen Nation, ohne jemals auch nur eine Stunde Schauspielunterricht genommen zu haben. Am Anfang war sie Sissi, nichts als Sissi. Aber dann wurde Romy Schneider einer der wenigen ganz großen weiblichen Weltstars, die das deutsche Kino nach 1945 hervorgebracht hat. Am 29. Mai jährt sich der Todestag der früh verstorbenen Schauspielerin, deren einzigartige Filmkarriere einst in Wiesbaden begonnen hatte.

"Wenn der weiße Flieder wieder blüht." Ein neuer Spielfilm der Unterhaltungs-Giganten Kurt Ulrich und Hans Deppe, gedreht in den Wiesbadener Studios Unter den Eichen, ist 1953 mit ungeheuerem Werbeaufwand in die Kinos gekommen. Ein Heimatfilm von vielen, die damals in Wiesbaden entstehen. "Da wurde praktisch am laufenden Band gedreht. Die Spiel- und Unterhaltungsfilmbranche hatte in den 50er, 60er Jahren, als ein Kino-Kassenschlager nach dem anderen die Wiesbadener Produktionsstätten Unter den Eichen verließ, Hochkonjunktur", entsann sich der im vergangenen Jahr verstorbene Sonnenberger Volksschauspieler Peter J. Schmitz in einem seiner letzten Interviews, das er gab. Der "weißen Flieder" damals hatte selbst ihm, der oft vor der Filmkamera stand und die junge Romy Schneider noch life erlebte, die Sprache verschlagen. "Sie wirkte sehr zart und verletztlich, war unglaublich offenherzig, authentisch und präsent in den Rollen, die sie verkörperte. Vor allem aber war sie hochtalentiert. Wir ahnten damals schon, dass sie am Beginn einer großen Karriere stand und noch viel von ihr die Rede sein würde."

Mit Fünfzehn ein Star

Zunächst aber sind es riesige Filmplakate und Großleinwände mit dem Gesicht eines unbekannten "entzückenden Mädchens",  die das Land förmlich überziehen. Romy Schneider, nur fünfzehn Jahre alt, setzt alle in Erstaunen. Wenige Monate zuvor erst ist Rosemarie Magdalene Albach, wie ihr bürgerlicher Name lautet, für den Film entdeckt worden. Jetzt steht sie mit ihrer Mutter Magda Schneider in Wiesbaden zum ersten Mal vor der Kamera, feiert zusammen mit dem gleichaltrigen Götz George ihr Filmdebüt an der Seite von Alt-Stars wie Willy Fritsch, Hertha Feiler und Paul Klinger, die bereits vor dem Krieg zur ersten Garde deutscher Filmschauspieler zählten. Schauspielerkollegen, die jeder kennt, und die wie Willy Fritsch neidlos eingestehen: "Die spielt uns ja alle an die Wand. Das darf nicht wahr sein."
 
"Wenn der weiße Flieder wieder blüht" wird ein Kassenfüller, die Uraufführung am 24. November 1953 im Stuttgarter "Universum", zu der Romy Schneider eigens angereist ist, ein Riesenerfolg. So groß ist die Begeisterung der über tausend Premierengäste - unter ihnen auch zahlreiche offizielle Abgesandte aus Wiesbaden - dass es dem zierlichen Persönchen im Rampenlicht glattweg die Sprache verschlägt. "Ich danke Ihnen, es freut mich sehr", kann das "Mädchen Romy" nur immer und immer  wieder versichern, während sich der Bühnenvorhang 64 mal hebt und senkt.

Ansichten einer Stadt

Dass der inzwischen farbrestaurierte  "Weiße Flieder" auch heute noch, 54 Jahre danach, zu den bekanntesten, populärsten Heimatfilmen der Nachkriegszeit zählt und nichts von seinem reizvollen Ambiente eingebüßt hat, hat weniger mit der in Wiesbaden spielenden Handlung, als mit seinem lokalhistorischen Wiesbadener Hintergrund der 50er Jahre zu tun. Auch in den Sendeanstalten weiß man es längst: Regelmäßigen Wiederholungen des Films im Fernsehen, der an bestimmten Jahrestagen oder zu besonderen Anlässen immer wieder mal über die Mattscheiben flimmert, sind hohe Einschaltquoten sicher. Vor allem in Wiesbaden. Bedeuten die Bilder doch ein Wiedersehen mit der Stadt, ihren Straßen und Plätzen, wie sie einmal waren: Willi Fritsch und Magda Schneider im blütenschweren Kurpark, in dem der weiße Flieder blüht, oder vor der Romantik-Kulisse des alten Neroberg-Hotels, das es schon lange nicht mehr gibt.
 
Wenn die Kamera vom Neroberg aus über die Dächer der malerisch hingebreiteten Stadt schwenkt, die Türme der Marktkirche erfasst oder Romy Schneider in der musikalischen Romanze als "Evchen" mit jugendlicher Unbekümmertheit durchs Kurhaus wirbelt, stellt sich schnell Nostalgie ein. Nicht nur alte Wiesbadener sind entzückt. Die Handlung des Filmklassikers, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in der noch heilen Kurstadt spielt und sich um Irrungen und Wirrungen eines einstigem Liebespaares dreht, ist ihnen ohnehin vertraut: Er (Willi Fritsch) hat nach der Trennung Karriere als Revuesänger gemacht, kehrt Jahre später nach Wiesbaden zurück, wo seine "Ex" (Magda Schneider) mit Tochter Evchen (Romy Schneider) lebt. Auch wenn die Partner von einst nicht mehr zueinander finden - es gibt ein Happyend, weil Tochter Evchen alias Romy die Sache in die Hand nimmt und dafür sorgt, dass am Ende jeder Topf den richtigen Deckel findet. Franz Doelles Lied "Wenn der weiße Flieder wieder blüht", das dem Film seinen Namen gab, war bereits in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein populärer Schlager.

Als Schauspielerin Weltruhm

Der Kreis deutschsprachiger Schauspielerinnen mit internationaler Anerkennung ist klein. Romy Schneider, die eine Tochter des österreichisch-deutschen Schauspieler-Ehepaares Magda Schneider und Wolf Albach-Retty war, gehörte mit 59 Filmproduktionen dazu. Spielfilme, von denen die zu Selbstzweifeln und ausgeprägter Selbstkritik neigende Schauspielerin in ihren letzten Lebensjahren meinte, es sei kein wirklich überragender dabeigewesen. Ihre Fans freilich sahen das völlig anders. Als junge österreichische Kaiserin Elisabeth in den drei Sissi-Verfilmungen beispielsweise spielte sich Romy Schneider in die Herzen der Nation und rührte ein Millionenpublikum, auch wenn sie selbst zeit ihres Lebens bemüht war, sich vom kitschigen Image jenes goldenen Käfigs zu befreien, weil das Publikum sie genau so und nie mehr anders wollte. Mit Horst Buchholz drehte sie 1957 den für seine Zeit freizügigen Liebesfilm "Monpti", mit Luchino Visconti 1961 den amourösen Episodenfilm "Boccacio 70". In die Filmgeschichte eingegangen ist auch die 1962 entstandene Kafka-Verfilmung "Der Prozeß" mit Orson Welles als Regisseur. Weltberühmt aber wird die Schauspielerin in den Filmen von Claude Sautet, ihrem Lieblingsregisseur. "Die Dinge des Lebens" vor allem bedeuten einen radikalen Wechsel und die bewusste Hinwendung zu einem völlig neuen künstlerischen Sujet und Rollenspiel im Leben der moderner Frau.
 
Romy Schneider, die zweimal verheiratet war, blieben Schicksalsschläge nicht erspart. Ihr Ehemann Daniel Biasini verließ sie, und der geliebte Sohn Christopher aus ihrer Ehe mit Harry Meyen kam 1981 bei einem tragischen Unfall ums Leben, während Tochter Sarah Biasini als Schauspielerin in die Fußtapfen der Mutter trat. Sie selbst wurde nicht sehr alt. Das von Kummer, Tabletten und Alkohol getrübte Leben der Schauspielerin endete bereits mit 43 Jahren. Romy Schneider starb im Mai 1982 an Herzversagen - in Paris. Wiesbaden, die Filmstadt ihrer Jugend, hat sie nie  wiedergesehen.

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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