Sprungmarken
Dynamische Navigation einblenden
Dynamische Navigation ausblenden
Suche einblenden
Kultur

Hans Bredow: "Vater des deutschen Rundfunks"

Er ist als "Vater des deutschen Rundfunks" in die Geschichte eingegangen, hat selbst Geschichte geschrieben: Hans Bredow, der vor fünfzig Jahren, am 9. Januar 1959 in Wiesbaden starb, bewies Zivilcourage, wo immer er sich gefordert sah. Als er sich mit den Nazis anlegte, die ihm ihr Propaganda-Instrument Rundfunk eigentlich verdankten, warfen sie ihn ins Gefängnis - auf eigenen Wunsch.

Hans Bredow - der "Vater des deutschen Rundfunks" starb vor 50 Jahren in Wiesbaden

Hans Bredow (1879 bis 1959) und seine Wiesbadener Jahre: Der aus Schlawe in Pommern stammende Neubürger steuerte bereits auf die Sechzig zu, als er den Entschluss fasste, sich in der Stadt am Kochbrunnen niederzulassen. Das war 1935. Bredow, damals bereits eine rundfunktechnische Berühmtheit, wohnte zunächst in der Theodorenstraße, ließ sich später jedoch in der Lanzstraße 23 ein Haus bauen, in das er übersiedelte. Heute noch trägt eine Straße in Wiesbaden, die an Hans Bredow erinnert, seinen Namen.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts der Rundfunk als neues Massenmedium technisches Profil zu entwickeln begann, war Hans Bredow einer der ersten, der dem neuen Medium als meistgenutztem Kommunikationsmittel eine blühende Zukunft voraussagte. Als ausgebildetem Hochfrequenztechniker, der in Kiel und Köthen/Sachsen-Anhalt umfassende elektrotechnische Studien betrieben hatte, standen ihm umfangreiche Informationsquellen und wissenschaftliche Internas zur Verfügung, die seine Auffassung und Prognose stützten. Bredows glänzende technische Laufbahn, die 1903 bei der AEG begann, schien gleichsam vorgezeichnet zu sein. Der 24-Jährige wurde Projektierungsingenieur in Berlin und Riga für den Bereich von Starkstromanlagen und war sofort zur Stelle, als die Konkurrenten AEG und Siemens überraschend eine neue Tochtergesellschaft namens Telefunken gründeten, die sich zunächst noch "Gesellschaft für drahtlose Telegraphie" nannte. Hans Bredow wurde 1908  technischer Direktor der Telefunken-Gesellschaft, die er zusammen mit dem Grafen Georg von Arco leitete.

Drahtlose Musik

Noch im gleichen Jahr gelang Bredow ein folgenreicher technischer Coup, der ihn mit einem Schlage weltweit bekannt werden ließ: Er baute den deutschen Schiffs- und Überseefunkdienst auf, sicherte dem deutschen Telefunkensystem im Schifffahrtsverkehr volle Gleichberechtigung mit anderen und organisierte 1913 den Transatlantik-Funkverkehr zwischen Deutschland und den USA. Als es Hans Bredow wenig später gelang, in den Vereinigten Staaten erstmals mehrere drahtlose Musikübertragungen vorzustellen, grenzte sein Ruf bereits ans Wunderbare. Dank seiner Bemühungen war Deutschland Anfang der 20er Jahre über Funk weltweit vernetzt. Ein Tatbestand, den auch die Ereignisse des Ersten Weltkriegs nicht hatten aufhalten können.

Bredow, der nach Kriegsende ins Reichspostministerium übergewechselt war, beschäftigte sich nunmehr vorrangig mit dem Aufbau und der Organisation des öffentlichen Rundfunks, eines "Reichsfunknetzes", wie der Fachbegriff lautete. Pläne dazu hatte er bereits 1912 entworfen. "Der Unterhaltungsrundfunk soll nicht ausschließlich wirtschaftlichen Zwecken dienen, sondern etwas Anregung und Freude ins Leben bringen", beschrieb der Rundfunkpionier seine Sicht der Dinge und fügte hinzu: "Er ist in der Lage, Millionen von Menschen gleichzeitig, ja fast der ganzen Menschheit zur selben Sekunde die Möglichkeit der Teilnahme an einer großen Veranstaltung zu geben."

155 Rundfunkteilnehmer

Am 16. Oktober 1923 fand in Berlin eine erste Probesendung der "Deutschen Stunde" statt, und am 30. März 1924 nahm die "Deutsche Stunde in Bayern" ihren Sendebetrieb auf. 155 offiziell angemeldete Rundfunkteilnehmer gab es an diesem ersten Sendetag, dessen Programm aus der Eröffnungsansprache und einem Festkonzert bestand. Dass Hans Bredow die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllte, bewiesen seine 1926 erfolgten Berufungen zum Reichs-Rundfunk-Kommissar und zum Vorstandsvorsitzenden der Reichsrundfunk-Gesellschaft, die ihm nunmehr alle Möglichkeiten eröffneten, den Unterhaltungsrundfunk voranzubringen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bricht für Hans Bredow, den überzeugten Demokraten, eine Welt zusammen. Als Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernennt, reicht Bredow noch am gleichen Tag seinen Rücktritt vom Amt ein. Engste Mitarbeiter und leitende Rundfunkangestellte werden daraufhin verhaftet.
Doch Bredow beweist Zivilcourage. In einem Telegramm an Hindenburg und Hitler bittet er um unverzügliche Freilassung seiner Mitarbeiter. Im Falle der Ablehnung verlangt er, ihr Schicksal zu teilen. Diese mutige Haltung quittieren ihm die neuen Machthaber trotz seiner großen Verdienste, die er sich bei der Entwicklung des deutschen Funkwesens erworben hat, unter einem erlogenen Vorwand mit fünfzehn Monaten Haft. Bredow wird ins Gefängnis Berlin-Moabit eingeliefert; man macht ihm und anderen Mitarbeitern wegen angeblicher Korruption einen Propaganda-Prozess, der sich über Monate hinzieht. Erst Jahre später wird das Verfahren gegen ihn eingestellt und Hans Bredow rehabilitiert.

Hausbau in der Lanzstraße

Nach der Haftentlassung verlegt Bredow seinen Wohnsitz nach Wiesbaden. Er lässt sich als neues Refugium ein Haus in der Lanzstraße errichten und gewinnt dafür den Architekten Johann Wilhelm Lehr, dessen ausgefallener Baustil bereits für nicht geringes Aufsehen gesorgt hat. Für Hans Bredow eine Zeit, die nach den Strapazen und Belastungen der Vergangenheit zunächst in ruhigeren Bahnen verläuft. Was der Rundfunkgründer zu diesem Zeitpunkt nich ahnen kann: Dass bereits kurz nach Kriegsende politische Verantwortung auf ihn zukommt: Der 66-Jährige wird vorübergehend Regierungspräsident von Hessen-Nassau; eine Funktion, die er vom 1. Mai bis 3. August 1945 drei Monate lang wahrnimmt. Auch am Wiederaufbau des Rundfunks nach dem Krieg ist Hans Bredow maßgeblich beteiligt. Er wird Verwaltungsratsvorsitzender des Hessischen Rundfunks, spielt bei der Neuordnung der deutschen Industrie und des Rundfunkwesens durch die Alliierten eine entscheidende Rolle, um schließlich den Vorsitz des Aufsichtsrats von Buderus-Röchling in Wetzlar zu übernehmen. Ehrungen über Ehrungen werden ihm in dieser Zeit zuteil: 1954 erhält Bredow für seine Verdienste beim Aufbau der Organisationsstrukturen des Rundfunks in der Bundesrepublik das Bundesverdienstkreuz. Die Technische Hochschule Danzig ernennt ihn zum Ehrendoktor; die Hochschulen in Berlin, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe und Köthen zum Ehrensenator. Am 9. Januar 1959 schließt sich der Lebenskreis des bedeutenden Rundfunkpioniers: Hans Bredow erliegt in Wiesbaden den Folgen eines Schlaganfalls und wird in Rendsburg, eine seiner Lebensstationen in jungen Jahren, beigesetzt...

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

Anzeigen