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Hat eine "Hermann-Kaiser-Oranienschule" Chancen?

Befürworter der Namensergänzung erinnern an den unbeugsamen Widerstand des unvergessenen Studienrats Hermann Kaiser.

"Lesen Sie seine Lebensgeschichte, und ich bin sicher, dass Sie mir zustimmen werden!" Mit einem leidenschaftlichen Appell an die um zwei Generationen jüngeren Schüler hat sich der 87jährige Biebricher Unternehmer Friedbert Nik Kornbusch am Tag der Jubiläumsfeier für die 150 Jahre alt gewordene Oranienschule für eine Umbenennung eingesetzt: In Hermann-Kaiser-Oranienschule. Dem bleibenden Gedenken an den von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer Hermann Kaiser sei man eine solche Geste einfach schuldig, befand der alte Herr, der sich inzwischen von einer Woge der Zustimmung getragen sieht.  
 
Wer war Hermann Kaiser? Seit 1912 als Lehrer an der Wiesbadener Oranienschule tätig, hatte sich der von seinen Schülern geradezu verehrte und geliebte Pädagoge vor allem für die Errichtung des Oraniendenkmals auf dem Luisenplatz stark gemacht, das dort noch heute steht. Das sich aufbäumende, bronzene Ross mit der wallenden Mähne und den schwungvoll gekrümmten Vorderhufen kennt so gut wie jeder Stadtbesucher. Gewidmet ist es dem 1. Nassauischen Feldartillerie-Regiment Nr. 27 Oranien, dessen Anfänge bis in die Zeit der Freiheitskriege zurückreichten. Während des Ersten Weltkriegs hatten viele Wiesbadener, auch Hermann Kaiser als Freiwilliger, in ihm gedient und in Frankreich die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges hautnah erfahren müssen. Viele, die nicht überlebten und Wiesbaden, das Nassauer Land, nie widersahen.
 
Vor allem Hermann Kaiser ist es, der das Andenken an die Gefallenen hochhält, sieben Jahre lang leidenschaftlich und engagiert für die Errichtung des Oraniendenkmals kämpft und in ihm die Krönung seines Lebenswerks sieht. Ein von altpreußischem Idealismus, vaterländischem Pflichtgefühl und evangelischer Ethik geprägter Offizier, der ein solches Denkmal förmlich herbeisehnt. Es ist der gleiche Hermann Kaiser, der später einmal vor den Nazi-Blutrichtern des berüchtigten Volksgerichtshofs stehen und zum Tode verurteilt werden wird.
 
An diesem 21. Oktober 1934 aber, dem Tag der Denkmaleinweihung auf dem Luisenplatz mit Aufmärschen, Paraden, Fackelzügen und einer vieltausendköpfigen Menschenmenge als Kulisse, vermag niemand auch nur zu erahnen, welch entsetzliches Schicksal dem Hauptredner der Feierstunde einmal beschieden sein würde. Stolz und mit bewegter Stimme begrüßt Hermann Kaiser als Vorsitzender der 27er Vereinigung die Einweihungsgäste: "Mit großer Sehnsucht", sagt er, "haben wir auf diesen Tag gewartet, und aus brennendem Herzen eilen unsere Gedanken hinüber zu den grünen Hügeln, unter denen unsere Gefallenen ruhen..." Dass Hermann Kaiser den Namen Hitlers nicht ein einziges Mal erwähnt und weder von dem anwesenden Gauleiter Sprenger noch von Bürgermeister Piekarski namentlich Notiz nimmt, registrieren die anwesenden nationalsozialistischen Paladine mit Argwohn. Es ist Hermann Kaisers erster, erkennbarer Versuch, sich vom Nationalsozialismus, in den er zunächst Hoffnung gesetzt hatte, zu lösen. Beginn eines Wandlungsprozesses, der ihn später bis in die Widerstandsbewegung des 20. Juli führen wird.
 
In der Oranienschule grüßt Kaiser nunmehr mit "Heil Blücher", doch kein Schüler denunziert seinen verehrten "Cäsar". Auch das Lehrerkollegium hält fest und eisern zu ihm. Zu Beginn des Krieges erneut zum Militärdienst eingezogen, wird Hermann Kaiser bald darauf Hauptmann im Oberkommando des Heeres und als "Kriegstagebuchführer" schließlich dem Stab des Chefs der Heeresführung und des Befehlshabers des Ersatzheeres zugeteilt. Schockiert durch das organisierte Verbrechen der Judenvernichtung und die Einsatzkommandos an der Ostfront wendet sich der Studienrat mehr und mehr dem Widerstand zu. Als Adjutant von Generaloberst Fromm übernimmt er in Berlin eine Vermittlerposition zwischen dem zivilen und militärischen Widerstand. Der Wiesbadener Oranienschul-Lehrer wird Mitverschwörer im innersten Zirkel und ist am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 beteiligt, um bereits am folgenden Tag verhaftet zu werden.
 
Gestapoleute bringen den 59-Jährigen ins berüchtigte Berliner Hauptquartier an der Prinz-Albrecht-Straße. Als er später vor dem Volksgerichtshof steht, wo sich die ganze Wut des Blutrichters Roland Freisler gegen ihn entlädt, bleibt der Wiesbadener Lehrer dennoch unbeugsam, ruhig und gelassen. Einer, der in dieser bittersten Stunde seines ganzen Lebens über sich hinauswächst zu einer Größe, die kein Podest braucht und keinen Denkmalssockel.
 
Hermann Kaiser wurde zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Der Spruch auf "seinem" Wiesbadener Oraniendenkmal "Dem Vaterland getreue bleib ich bis in den Tod" hatte einen neuen, gänzlich anderen Sinn erhalten. Besucher des Oraniendenkmals, wenn sie auf dem Luisenplatz stehen, werden dort eine schlichte, zusätzliche Gedenktafel entdecken, die dem Gedächtnis Dr. Hermann Kaisers gewidmet ist. Der Ortsbeirat Mitte hatte lange um sie kämpfen müssen, sich aber schließlich durchgesetzt.
 
Die Inschrift selbst  - ein Denkanstoß, den Widerstandskämpfer Hermann Kaiser, der von der Wiesbadener Oranienschule kam, nicht zu vergessen: "Sein Lebensweg ist eine Mahnung gegen Krieg und Unmenschlichkeit."

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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