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Kultur

"Wer war eigentlich...": Hilde Müller?

Sie tragen zwar große Namen, doch ein wenig Unsicherheit ist oft dabei: "Wer war eigentlich...?" Wer war der oder diejenige, nach denen Häuser, Straßen, Freizeiteinrichtungen benannt wurden? Welcher Umstand, welche Verdienste, welche Beweggründe waren es, ihre Namen weit über die Zeit hinauszuheben? Fragen, die sich in Wiesbaden und der Region auf Schritt und Tritt ergeben - wenn man sie nur stellt.

Sie legte sich sogar mit dem Bischof an

Wiesbadens Stadträtin Hilde Müller kämpfte mit Herz und Augenmaß für menschliche Politik

Sie war das, was man eine Kämpferin nannte: Lebensbejahend, schlagfertig, humorvoll, vor allem aber überzeugungstreu. Für Hilde Müller war das "Ja" ein "Ja" und das "Nein" ein "Nein". Halbherzigkeiten und faule Kompromisse waren ihr zuwider, und sie sagte das auch. Die ehrenamtliche Stadträtin im Wiesbadener Magistrat, nach der das Hilde-Müller-Haus am Wallufer Platz benannt ist, steht für das erfolgreiche Engagement von Politikerinnen in der Nachkriegszeit, deren Anteil am demokratischen Wiederaufbau des Landes weitaus größer war, als ihnen in der Nachbetrachtung heute oftmals zugestanden wird. Hilde Müller, die unerschütterliche Fackelträgerin des freien Geistes und der "menschlichen Politik mit Herz und Augenmaß" gehörte zu ihnen, blieb eine von ihnen.

"Ich bitte zu beachten..."

Unvergessen geblieben ist in Wiesbaden eine Episode mit dem damaligen Limburger Bischof, die der CDU-Politikerin soviel Sympathie und Popularität eintrug, dass die Geschichte heute noch gern erzählt wird. Hilde Müller, die Kirchenvorstandsmitglied der 1957 gegründeten St.-Andreas-Gemeinde im neuerrichteten Wohngebiet zwischen Dotzheimer- und Lorcher Straße war, vertrat die Gemeinde in allen entscheidenden Fragen auch vor dem Limburger Bischof, wobei sie kein Blatt vor den Mund nahm. Als es in den 60er Jahren um den Neubau der St.-Andreas-Kirche in der Assmannshäuser Straße ging und der Kirchenvorstand einen anderen Entwurf als der Bischof favorisierte, wurde die Stadträtin deutlich: "Exzellenz, sie wollen uns hier eine Kirche hinsetzen, die wir nicht wünschen. Ich bitte doch zu beachten, dass wir, die wir uns gründlich damit auseinandergesetzt haben, später einmal - Urlaub und Krankheit abgezogen, Festtage dazugezählt - fünfzig Sonntage dort hineingehen, während Sie allenfalls in vier Jahren einmal kommen, und wenn Ihnen dann die Kirche nicht gefällt, noch ihren Weihbischof schicken..." Hilde Müller - so war sie, so kannte man sie, so liebte man sie. Übel genommen, auch das ein Phänomen, wurde ihr so gut wie nichts. Selbst Bischof Dr. Wilhelm Kempf soll geschmunzelt haben, als er sich mit der Beschwerdeführerin konfrontiert sah.

Ehrentitel "Spielplatz-Tante"

Hilde Müller, die aus dem ostfriesischen Aurich stammte, sich selbst oft und gern als "Wiesbadenerin aus Aurich" vorstellte, hatte als junges Mädchen bei den "Englischen Fräulein" in Wiesbaden gelernt, sich später bei Fresenius zur Chemotechnikerin ausbilden lassen und anschließend bei Kalle in Biebrich Werkstreue bewiesen: Über dreißig Jahre blieb sie dort tätig, nicht ohne sich in der Gewerkschaft, im Betriebsrat sowie im Vorstand des Verbands Deutscher Chemotechniker zu engagieren. Seit ihrem ersten Mandat für die Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung im Jahre 1956 und später als Stadträtin setzte die engagierte Politikerin, die Hilde Müller war, alles daran, um die Sorgen und Nöte vor allem der älteren Generation und der sozial Schwachen zu lindern. Unterstützt sah sie sich dabei von einem, der zwar ein anderes Parteibuch hatte, doch ihre sozialpolitischen Ansichten teilte: Es war Georg Buch, der populäre Wiesbadener Oberbürgermeister, mit dem Hilde Müller in entscheidenden Fragen "durchaus gut konnte", wie sie versicherte. Dass die ehrenamtliche Stadträtin, die auch in zahlreichen Ausschüssen, Verbänden und Organisationen tätig war, in Wiesbaden bald ihren Spitznahmen "Spielplatz-Tante" weghatte, weil sie sich mit kämpferischem Elan für den Bau von Kinder-, Spiel- und Tummelplätzen für die jüngsten Stadtbewohner einsetzte, trug sie mit Fassung. "Sollen sie doch", lautete ein Standardsatz der CDU-Politikerin, sie sich vehement und erfolgreich auch für eine Erhöhung der städischen Zuschüsse von 20 auf 200 Mark pro Kind und Jahr an die Kindergärten der Stadt stark gemacht hatte.

Späte Ehrung

Als die beliebte Kommunalpolitikerin 1971 im Alter von nur 51 Jahren starb, waren Trauer und Anteilnahme in Wiesbaden groß. Was Hilde Müller, die mit dem Rheingauviertel in besonderer Weise verbunden war, nicht mehr erlebte, war 1986 die Eröffnung des Bürgerzentrums am Wallufer Platz, das auf einstimmigen Beschluss des Wiesbadener Stadtparlaments den Namen Hilde-Müller-Haus erhielt. Eine Begegnungsstätte und ein Ort der Kommunikation, so wie ihn sich die Namensgeberin immer gewünscht hatte.

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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