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Musiker Louis Ehlert

Der Musikschriftsteller, Kapellmeister und Komponist Louis Ehlert starb vor 125 Jahren in Wiesbaden während eines Konzerts.

Tod am Dirigentenpult löste Entsetzen aus

Er war einer der populärsten Kapellmeister, Musikschriftsteller und Komponisten seiner Zeit. Ein formgewandtes Talent, das von Wiesbaden aus publizierte, philosophierte und seine literarischen Fäden in einer Weise zog, die ihm Zustimmung und Bewunderung im gesamten deutschsprachigen Raum eintrugen. Als Louis Ehlert am 4. Januar 1884, also vor 125 Jahren, während eines Konzerts am Dirigentenpult plötzlich tot zusammenbrach - er hatte einen Herzschlag erlitten - waren Trauer, Bestürzung und Anteilnahme in Wiesbaden groß.

Der Schock, den Ehlerts jäher Tod in Wiesbaden auslöste, war so nachhaltig, dass selbst Johannes Brahms davon nicht unberührt blieb. Als der Komponist vierzehn Tage später im Kurhaus die Wiesbadener Erstaufführung seiner 3. Sinfonie in F-Dur, "Wiesbadener Symphonie" genannt, leitete und am Dirigentenpult stand, seien seine Gedanken wiederholt zu dem Freund und Förderer Louis Ehlert gegangen, versicherte Brahms nach der Aufführung. Dies nicht zuletzt wohl auch in der Erkenntnis, dass er mit dem 59jährigen einen seiner glühendsten Verehrer und Bewunderer verloren hatte, der keine Gelegenheit versäumte, um für das Brahms'sche Werk Zustimmung und Sympathie einzufordern. Mit gleicher öffentlicher Intensität und euphorischen Begeisterung warb er übrigens auch für den von ihm hoch verehrten Robert Schumann. Völlig unempfänglich dagegen zeigte sich Ehlert, der gebürtige Königsberger (+ 1825) der Musik Richard Wagners gegenüber, die er als suspekt empfand und mit Abneigung, Spott und sarkastischen Kommentaren begleitete. So kam es, dass sich Ehlert von den Wagnerianern fortgesetzter Angriffe ausgesetzt sah und in mancherlei Streitereien und Auseinandersetzungen verwickelt wurde.

Als sich der Kritikus 1873 in Wiesbaden niederließ und die Stadt zu seinem Lebensmittelpunkt erkor, hatte Ehlert bereits eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Von den Eltern ursprünglich für den Kaufmannsstand bestimmt, war er bereits in jungen Jahren von Königsberg aus nach Moskau gelangt, hatte dann jedoch beruflich umdisponiert und sich dem Studium am Leipziger Konservatorium für Musik zugewandt, an dem Felix Mendelssohn-Bartholdy lehrte und arbeitete. Ehlert ließ sich in Berlin als Musiklehrer an einer "Schule des höheren Klavierspiels" nieder, lebte vorübergehend in Florenz, um schließlich in die Dienste des Herzogs von Meiningen als Musiklehrer der herzoglichen Kinder zu treten.

Familiäre Rücksichten veranlassten ihn später, nach Wiesbadener überzusiedeln, das ihm elf Jahre lang als Wohnsitz diente. Im Wiesbadener Adressenverzeichnis von 1878/79 ist Louis Ehlert als Professor, Musikschriftsteller und Lehrer aufgeführt, der in der Frankfurter Straße 10 wohnte, schrieb und komponierte. Seine "Briefe über Musik an eine Freundin" erlebten drei Auflagen und wurden ins Französische und Englische übersetzt. Auch seine als "Römische Tage" herausgegebenen, vielgelesenen italienischen Reiseerinnerungen und eine zweibändige Essay-Sammlung "Aus der Tonwelt" ließen den unermüdlich tätigen Musikschriftsteller in der gesamten Fachwelt bekannt werden.

Louis Ehlert komponierte eine Frühlingssinfonie, mehrere Ouvertüren, ungezählte Klavierstücke, aber auch Lieder und Chorgesänge. Sein "Requiem" für ein Kind" wurde bald so populär, dass es 1879 auf einer Versammlung der Tonkünstler in Wiesbaden öffentlich aufgeführt wurde und fortan zum festen Repertoire öffentlicher Musikveranstaltungen zählte. Oft dabei auch Johannes Brahms, der sein Klavierkonzert in D-moll am 25. Februar 1876 dem Wiesbadener Konzertpublikum zusammen mit dem Freund und Kapellmeister Louis Ehlert vorgestellt hatte. Ehlert, der bald schon zu den renommiertesten deutschen Musikkritikern zählte, hat während seiner Wiesbadener Schaffensperiode neben Brahms und Schumann vor allem den Komponistern Antonin Dvorak, einen bis dahin völlig namenlosen Böhmen, protegiert. "Die Männer, welche uns in der Musik gegenwärtig am meisten interessieren, sind so furchtbar ernst", ließ Ehlert aus der Frankfurter Straße 10 verlauten. "Wir müssen sie studieren, und nachdem wir sie studiert haben, einen Revolver kaufen, um unsere Meinung über sie zu vertheidigen."

Er wünsche sich, so schrieb Ehlert, dass wieder einmal ein Musiker daherkomme, über den man sich ebensowenig zu streiten brauche wie über den Frühling. Um seiner geneigten Leserschaft gleich darauf mitzuteilen, dass ein solches Talent bereits gefunden sei: "Ein gewisser" Antonin Dvorak eben, dessen Slawische Tänze op 46 kurz zuvor in Berlin veröffentlicht worden waren. "Eine himmlische Nathürlichkeit fluthet durch diese Musik, daher sie ganz populär ist. Keine Spur von Ergrübeltem und Gemachtem in ihr", schwärmte der prominente Rezensent, dessen überschwängliche Worte in Deutschland einen "förmlichen Sturm auf die Musikalienhandlungen" auslösten. Fortan sah sich der junge Komponist Dvorak mit Forderungen seiner Verleger nach böhmischen Weisen, Nationaltänzen und einprägsamen Instrumentalmusiken geradezu bedrängt, was Dvorak ganz und gar nicht behagte und zunehmend auf deutliche Distanz gehen ließ.

Louis Ehlert starb 1884 in Wiesbaden, brach während eines öffentlichen Konzerts beim Dirigieren plötzlich tot zusammen. Er wurde nur 59 Jahre alt.

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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