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Martin Niemöller bot selbst Hitler die Stirn

Der frühere hessen-nassauische Kirchenpräsident, der vor 25 Jahren in Wiesbaden starb, wurde zur Symbolfigur des deutschen Protestantismus.

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." Martin Niemöller, der erste Kirchenpräsident in Hessen und Nassau nach 1945, war ein Mann der klaren Worte. Noch heute, 25 Jahre nach seinem Tod in Wiesbaden, werden sein Mut, seine unerschütterliche Glaubenszuversicht und unbeugsame Haltung bewundert.
 
Vor wenigen Wochen wäre er 117 Jahre alt geworden, der Pastor Martin Niemöller, in dessen Biographie sich Spannungen und Irritationen, gesellschaftliche Widersprüche, politische Kämpfe und theologische Verwerfungen eines ganzen Jahrhunderts wiederspiegeln: U-Boot-Kommandant und Pfarrer, persönlicher Gefangener Hitlers, erster Kirchenpräsident der EKHN, Friedenskämpfer und unbequemer Mahner.

In seiner frühen Jugend hatte Niemöller einmal einen auf Samt gestickten Wandspruch entdeckt: "Was würde Jesus dazu sagen?" Den Wandspruch hat er nie vergessen; er begleitete ihn ein Leben lang, wurde zum Maßstab des Handels für sich und andere. Die Geister, die in der Welt auftraten und redeten - schon der junge Niemöller hat sie stets sehr genau darauf geprüft, ob das, was sie sagten und meinten, den Ansprüchen, mit denen sie auftraten, gerecht wurde: ob es humane Maßstäbe, christliche Maßstäbe, überzeugende Maßstäbe waren. Was würde Jesus dazu sagen? Martin Niemöller, der jede Gelegenheit ergriff, um das Evangelium als rettende Kraft Gottes existentiell und konkret zu bezeugen, gab die Antwort aus einer kompromisslosen Sichtweise heraus, in der ihm nur eines wichtig war, wie er immer wieder versicherte: "Das Evangelium von Jesus Christus unter die Leute zu bringen."

Persönlicher Gefangener

Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte Martin Niemöller, der seit 1930 Pfarrer in Berlin-Dahlem war, sehr bald den totalitären Anspruch des Systems erkannt. Er ging auf Konfrontationskurs zum Dritten Reich und geriet in die Illegalität, wobei seine spontan übernommene Rolle als Wortführer kirchlichen Widerstands gegen die Nazis zur Gründung des Pfarrernotbunds und später der Bekennenden Kirche führte. Dabei ging es ihm vor allem um eine scharfe Abgrenzung gegenüber den so genannten Deutschen Christen, die sich als "SA Jesu Christi" verstanden und auf eine ideologisch-fanatische Anhängerschaft stützten. Schon bald hagelte es Predigtverbote und Sanktionen gegen den mutigen Kirchenmann, gegen den zeitweise bis zu vierzig Strafverfahren anhängig waren.

Belegt ist ein Empfang evangelischer Kirchenführer in der Berliner Reichskanzlei, in dessen Verlauf es zu einer direkten Konfrontation zwischen Hitler und Niemöller kam. Hitler interpretierte den Kirchenkampf durch die Bekennende Kirche dabei als "gegen den deutschen Staat gerichtet" und erklärte kategorisch: "Kümmern sie sich um ihre Kirche, aber die Sorge um das deutsche Volk überlassen sie mir." Es war der kleine Dahlemer Pfarrer Niemöller, der ihm ganz ruhig entgegen trat und antwortete: "Die Sorge um das deutsche Volk hat jemand anderer auf unser Gewissen gelegt, und die können sie uns nicht abnehmen." Hitler, so berichten die Zeitzeugen, soll sprachlos gewesen sein.

Niemöller indessen bezahlte seine Überzeugungstreue und seine Unbeugsamkeit mit mehreren Jahren Haft, zu der ihn die Nazis verurteilten. Unmittelbar vor seiner Verhaftung war er noch einmal in Wiesbadener Kirchen aufgetreten und hatte sich nicht gescheut, die staatlich verordnete Rassenideologie und Verfolgung der Juden von der Kanzel herab zu brandmarken. Als "persönlicher Gefangener" Adolf Hitlers landete er schließlich im Konzentrationslager Sachsenhausen, aus dem man ihn erst 1945 befreien konnte.

Schuldbekenntnis

Auch im Nachkriegsdeutschland war Martin Niemöller, der fortan in Wiesbaden lebte, einer der wenigen, der seinen Mitmenschen Mut machte und sie aufforderte, sich einzumischen, politische Mitsprache "endlich beim Wort zu nehmen." Die Sorge, die ihn dabei umtrieb: Dass sich sein Volk der Schuld verschließen und die Umkehr versäumen könne. Im vielbeachteten Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945, das die These von der Mitschuld der evangelischen Kirche an den Verbrechen der vorausgegangenen Jahre formulierte und festschrieb, war Niemöllers Handschrift deutlich zu erkennen. Er selbst, inzwischen zum Kirchenpräsidenten der Landeskirche Hessen und Nassau gewählt, nannte sich in Wiesbaden einen "Revolutionär für die Freiheit des Geistes und des Glaubens, für den Frieden und die Gerechtigkeit." Für ihn waren das keine leeren Formeln, sondern von Gott gesetzte Forderungen und Normen an den Menschen, der sich Christ nenne.

Scharf verurteilte Martin Niemöller, der im Ökumenischen Weltrat der Kirchen einer von sechs Präsidenten war, von Wiesbaden aus die Wiederbewaffnung Deutschlands, die Rüstungspolitik der Siegermächte sowie die Ausgrenzung von Kommunisten und Linken, zu denen er ein unverkrampftes Verhältnis entwickelte. Als Galionsfigur der Abrüstungs- und Friedensbewegung und während schärfster politischer Konflikte scheute er sich auch nicht, hinter den Eisernen Vorhang zu reisen, um in Moskau, Ost-Berlin und während des Krieges in Nord-Vietnam zu sondieren. In der Bundesrepublik war es die außerplanmäßige Opposition, die den streitbaren Kirchenmann fest an ihrer Seite wusste.

Ehrenbürgerwürde

"Bewegt, überrascht und tief gerührt", wie er bekannte, erlebte Martin Niemöller 1975 im Festsaal des Wiesbadener Rathauses eine besondere Ehrung: Er trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein und nahm aus den Händen des damaligen Oberbürgermeisters Rudi Schmitt den Ehrenbürgerbrief entgegen. Die städtischen Körperschaften würdigten damit Niemöllers fortwährendes Eintreten für die Freiheit und den Frieden in der Welt, für Gerechtigkeit und Menschlichkeit aus hohem christlichen Verantwortungsgefühl heraus. Glauben heiße für Niemöller nichts anderes, als in der Nachfolge Jesu zu leben, sagte Rudi Schmitt. "An diesem hohen Anspruch misst er alles, was er tut und redet, was in der Welt geschieht."

Neun Jahre später, am 6. März 1984, schloss sich in Wiesbaden der Lebenskreis dieser großen, überragenden Symbolfigur des deutschen Protestantismus. Martin Niemöller, der bis zu seinem Tod das Haus in der Brentanostraße 3 bewohnt hatte, wurde 92 Jahre alt und in der Familiengrabstätte bei Osnabrück beigesetzt. Seine ursprünglich für ihn vorgesehene Grabstelle auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem hatte Martin Niemöller - konsequent wie er war - Rudi Dutschke überlassen.

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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