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Diplomat Wilhelm von Wolzogen

Der Diplomat Wilhelm von Wolzogen wurde vor 200 Jahren am Schulberg bestattet - Sarkophag verschollen.

Die genaue Lage seiner Grabstätte kennt niemand, und ihr Grabmonument, ein freistehender Sarkophag aus Carrera-Marmor, gilt als verschollen. Nichts mehr, das an den Namensgeber erinnert, den einst halb Europa kannte; keine äußeren Spuren, die sich erhalten haben. Nur eines weiß man: Bei dem prominenten Toten, der vor 200 Jahren auf dem damaligen Wiesbadener Bürgerfriedhof an der Heidenmauer, dem heutigen Schulberg bestattet wurde, handelt es sich um Wilhelm von Wolzogen, den Diplomaten, Jugendfreund und Schwager des Dichters Friedrich von Schiller.
 
Man schreibt den 29. Juli des Jahres 1814, als ein prominenter Besucher zur Thermalkur in Wiesbaden eintrifft, die ihm der Hausarzt verordnet hat. Es ist kein Geringerer als der Geheime Rat und Vertraute des Herzogs Carl August von Weimar, der  Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe, der sich zu diesem Zeitpunkt auf der Höhe seines literarischen Ruhmes befindet. Kaum angekommen, gilt Goethes Nachfrage sofort dem Freund Wilhelm von Wolzogen, den Umständen seines Todes in Wiesbaden und dem Erhaltungszustand seiner Grabstätte auf dem Friedhof am Schulberg. Wolzogen, dem der Dichter des Werther und des Faust ein "glänzendes und immer beschäftigtes Leben" nachsagt, hat an der Seite Goethes lange Zeit im Weimarer Geheimen Consilium beratend mitgewirkt und war dem großen Vorbild freundschaftlich verbunden. Sein Tod fünf Jahre zuvor, auch wenn er nicht ganz unerwartet kam,  hat Goethe tief getroffen. Schon am Tag nach seiner Ankunft in Wiesbaden eilt der Dichter zum Bürgerfriedhof am Schulberg, steht ergriffen vor dem Sarkophag Wolzogens und liest die Aufschrift auf dem Totenschrein: "Hier ruht Wilhelm Freiherr Wolzogen, Um ihn trauern sein Weib und einziger Sohn. Er starb den  XVII. Dezember MDCCCIX."

Augenzeuge der Revolution

Wilhelm von Wolzogen (1762 bis 1809): Der renommierte Architekt und spätere sachsen-weimarische Diplomat, der aus Bauerbach b. Meiningen stammte, hat eine glänzende Ausbildung in Kameralwissenschaft an der Stuttgarter Hohen Karlsschule hinter sich, als er in die Dienste des Herzogs Carl Eugen tritt, um fortan diplomatische Karriere zu machen. Er erhält seine Ernennung zum Legationsrat, wird nach Paris entsandt und nimmt in seiner Eigenschaft als württembergischer Gesandter 1791 an jener Sitzung des französischen Revolutions-Konvents teil, in deren Verlauf Ludwig XVI. zum Tode durch die Guillotine verurteilt wird. Wolzogen, der Augenzeuge der französischen Revolution wird und seine authentischen Beobachtungen in diplomatischen Korrespondenzen und Tagebüchern festhält, muss zahlreichen Hinrichtungen von Adeligen beiwohnen und ist "völlig entsetzt" von der Begeisterung des Publikums. In Deutschland, findet er, habe das Volk noch Mitleid, hier aber applaudiere es. Völlig konsterniert ist von Wolzogen nach einem Theaterbesuch in Paris. Unter dem Eindruck einer Aufführung von Schillers "Räubern" stellt der Diplomat fest, dass "diese Nation" nicht nur "den deutschen Armeen", sondern auch "unserer Litteratur" den Krieg erklärt habe, indem sie deren Produkte in den Geist ihrer Revolution übersetze. Noch am späten Abend des gleichen Tages vermerkt der Schwabe in seinem Tagebuch: "Das Stück gleicht dem Rumpfe eines Kolosses, dem man Kopf, Arme und Beine eines gewöhnlichen Menschen angesetzt hat, so dass er nicht mehr gehen und stehen kann. Der Eindruck ist empörend."

Karriere in Weimar

Wenige Wochen später, kurz nach der Hinrichtung Ludwigs XVI., bricht Krieg zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich aus. Wilhelm von Wolzogen verlässt Paris, kehrt ins heimische Bauerbach zurück, um im September 1794 seine Cousine Karoline Freifrau von Lengefeld zu heiraten, die eine gefeierte, vielgelesene Schriftstellerin ihrer Zeit ist. Ihre Romane und Erzählungen, vor allem aber die Biografie ihres Schwagers Friedrich von Schiller haben sie populär gemacht. Über ihren Gatten urteilt sie: "Mein Mann hatte einen großen Sinn, und sein Blick auf Welt und Mensch war hell. Er wollte das Edle und das Gute, und der Kreis dessen, was zu erreichen möglich ist, lag ihm in bestimmtem Umriss vor Augen..." Durch Fürsprache des Ministers Goethe siedelt die Familie drei Jahre später nach Weimar über, wo Wolzogen zunächst als Kammerherr und Kammerrat Dienst tut. Doch schon bald steigt er auf in der Hierarchie: Als er am russischen Hof in St. Petersburg für den Erbprinzen von Weimar mit großem diplomatischen Geschick den Brautwerber macht, ist der Herzog Karl August so angetan vom Erfolg der Mission, dass er seinem Kammerherrn im Geheimen Rat des Herzogtums Sitz und Stimme gibt. Zwei Jahre später ist der bereits "Wirklicher Geheimer Rat" und steht mit Goethe im Conseil, der obersten Landesbehörde, nunmehr fast auf einer Stufe.

Zur Kur in Wiesbaden

Wolzogen reist bald darauf erneut nach St. Petersburg, um an den Vermählungsfeierlichkeiten für den Erbprinzen und dessen Braut aus dem Hause Romanow teilzunehmen. Im Gepäck hat er Schillers "Don Carlos", ein Geschenk des Dichters an die russische Zarin, die sich hocherfreut mit einem kostbaren Ring revanchiert. Den Jahren des Glanzes und des Erfolgs folgen schwarze Schatten, die sich über sein Leben breiten. Schiller stirbt, und Wolzogen, der zunehmend zu kränkeln beginnt, reist mit seiner Frau mehrfach nach Wiesbaden, um in den heißen Quellen, vor allem der des Kochbrunnens, Linderung und Heilung zu suchen. Doch ausgerechnet die heißesten Tage des Jahres 1807, die der prominente Kurgast für seinen Aufenrthalt in Wiesbaden  gewählt hat, bekommen ihm nicht. Wolzogens Leiden, eine Knochenkrankheit und heftige Kopfgicht, verschlimmern sich. Was ihn zunächst nicht davon abhält, in Wiesbaden seine Honneurs zu machen. Der Diplomat und gelernte Architekt sucht den mit Sachsen-Weimer verwandten nassauischen Hof im nahen Biebrich auf, hat eine Unterredung mit dem Reformer Freiherrn von Stein und überreicht dem Baumeister Christian Zais einen ersten, eigenen Entwurf für den Bau des alten Wiesbadener Kurhauses, der im nächsten Jahr ansteht. Tatsächlich legt Zais den Entwurf seiner vorgesetzten Behörde vor, die allerdings anders entscheidet.
 
Knapp zwei Jahre später hält sich das Ehepaar von Wolzogen, aus Paris kommend, erneut in Wiesbaden auf. Die Krankheit des Patienten hat sich zwischenzeitlich so verschlimmert, dass trotz der Bäder und laufenden Kuranwendungen kaum noch Hoffnung für ihn besteht. Wolzogen, der von seiner Frau in Wiesbaden hingebungsvoll gepflegt wird, stirbt am 17. Dezember 1809 und wird auf dem Friedhof am Schulberg beigesetzt. Ein tonnenschwerer Sarkophag aus schneeweißem Marmor, von dem sich nur eine einzige historische Aufnahme erhalten hat (siehe Abbildung), bewahrt noch lange Jahre die Erinnerung an den Diplomaten Wilhelm von Wolzogen. Inzwischen ist das klassizistische Grabmonument verschollen und wie vom  Erdboden verschluckt. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Wilhelm von Wolzogens Grabstätte kennt keiner mehr. Sag' mir, wo die Blumen sind...

Quelle:

Kurt Buchholz, Journalist und Redakteur des Wiesbadener Tagblatts (†).

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