Sprungmarken
Dynamische Navigation einblenden
Dynamische Navigation ausblenden
Suche einblenden
Stadtlexikon Wiesbaden

Augenheilanstalt

Der berühmte Augenarzt Alexander Pagenstecher eröffnete Mitte des 19. Jahrhunderts die Wiesbadener Augenheilanstalt, die schnell international bekannt wurde. Unzählige Patienten aus dem In- und Ausland ließen sich hier behandeln. Nach ihrer Schließung 1982 wurde sie Teil der neu eröffneten Dr. Horst Schmidt-Klinik.

Details

Die Wiesbadener Augenheilanstalt wurde am 1. Januar 1856 mit je einem Zimmer mit drei Betten für Männer und Frauen sowie einem Behandlungszimmer in der Kirchgasse 7 eröffnet. Die private Initiative des Augenarztes Friedrich Hermann Alexander Pagenstecher sollte allen Augenkranken und Blinden Hilfe gewähren. Arme und mittellose Patienten sollten umsonst behandelt werden können. Dieses karitative Projekt konnte dank der Unterstützung der herzoglich nassauischen Regierung und zahlreicher Zuwendungen vermögender Bürger realisiert werden.

Da der Andrang in den ersten Monaten unerwartet hoch ausfiel, wurde die finanzielle Lage nach einem Spendenaufruf im gesamten Herzogtum Nassau verbessert. Neben dem Arzt, der sich um die medizinischen Belange kümmerte, versorgten eine Magd und eine Wärterin die Patienten. Die Verpflegung wurde von einer städtischen Speiseanstalt zur Verfügung gestellt. Da die engen Räumlichkeiten schon bald keinen Platz mehr für die vielen Hilfesuchenden aus dem gesamten Herzogtum mehr boten, zog die Klinik schon im Frühjahr 1857 in das neu errichtete Privathaus des Gründers in der Taunusstraße 59, das er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Hermann Pagenstecher bewohnte. Durch diese Vergrößerung stieg die Zahl der Betten auf zehn. Aufgrund des guten Rufs der Augenheilanstalt und ihres Leiters ernannte Herzog Adolf von Nassau Alexander Pagenstecher zum Hofrat.

Die erfolgreiche Arbeit führte zu internationaler Anerkennung. Bald kamen die Patienten aus verschiedenen Ländern. Um dieser neuen Herausforderung gerecht zu werden, wurden bis 1859 insgesamt zwanzig Betten in sechs Zimmern für stationäre Behandlungen eingerichtet. Allein vier Plätze waren für Kinder vorgesehen. Als auch diese Räumlichkeiten den gestiegenen Anforderungen nicht mehr entsprechen konnten, wurde 1861 in der Kapellenstraße 20 (heute 29) mit finanzieller Hilfe des Herzogs ein Gebäude erworben und zur neuen Augenheilanstalt umgebaut. In zwölf Zimmern fanden nun 33 Patienten Platz. Die großzügigen Räumlichkeiten ermöglichten eine geordnete Haushaltsführung und boten zudem ausreichend Raum für das Personal. Zwei Assistenzärzte unterstützten Alexander Pagenstecher inzwischen in seiner Arbeit. So konnten zwischen 1862 und 1865 über 6000 Patienten in der Armen-Augenheilanstalt kostenlos behandelt werden. Im gleichen Zeitraum zahlten etwa 4000 Bemittelte aus mehreren Ländern für ihre Behandlung. Zu den namhaften Persönlichkeiten, die im Laufe der Jahre die Einrichtung besuchten, zählten unter anderem Großfürstin Helene von Russland 1863, Prinzessin Marianne der Niederlande, Adelheid Marie Herzogin zu Nassau oder Prinzessin Elisabeth zu Wied.

Durch die militärische Auseinandersetzung Nassaus mit Preußen gingen die Behandlungszahlen Mitte der 1860er-Jahre leicht zurück. Nach der Annexion Nassaus durch Preußen 1866 wurde die Augenheilanstalt aber ausgebaut und ab 1868 verfügte die Einrichtung über 40 Betten. Nachdem auch diese Erweiterung dem Bedarf der aufblühenden Stadt nicht mehr Rechnung tragen konnte, wurde die Klinik in die Kapellenstraße 42 verlegt. Der Leiter der Gewerbeschule Schirm tauschte dieses große Grundstück mit der 1843 errichteten Villa Astheimer gegen das Gebäude der Brüder Pagenstecher.

Bis 1870 wurde die neue Augenheilanstalt umgebaut und erweitert, so dass sie alle Patienten aufnehmen konnte. Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 dienten Teile der Räumlichkeiten als Lazarett. Nachdem Friede eingekehrt war, stieg Alexander Pagenstechers Bruder Herrmann in die medizinische Arbeit ein und unterstütze ihn zunächst als Assistenzarzt. Nach der Beendigung seiner Ausbildung wurde eine Privataugenheilanstalt eingerichtet, deren Patienten die Unkosten aus eigenen Mitteln bezahlten. Ende der 1870er-Jahre wurden erneut Umbau- und Sanierungsarbeiten nötig. Diese Umstrukturierung war das erste bedeutende Projekt, das Hermann Pagenstecher nach dem tragischen Tod seines Bruders Alexander bei einem Jagdunfall als neuer Leiter der Klinik übernehmen musste. Hermann setzte die erfolgreiche Arbeit seines Bruders fort.

Um die Jahrhundertwende zeigte sich dann, dass die Augenheilanstalt an ihrem damaligen Standort die Anforderungen aufgrund der weiter steigenden Patientenzahlen nicht erfüllen konnte. So wurde 1905 bis 1906 auf dem gleichen Gelände nach Plänen Hermann Pagenstechers das neue Gebäude errichtet. Bei der Einweihung im März 1906 wurde der Chefarzt zum Geheimen Sanitätsrat ernannt. Zwei Jahre später erfuhr die Anstalt durch den Besuch Kaiserin Auguste Viktorias eine große Auszeichnung.

Die Verabschiedung Hermann Pagenstechers in den Ruhestand 1909 hatte keine Auswirkungen auf den Erfolg der Klinik. Sein Sohn Adolf Friedrich Hermann Pagenstecher übernahm die Leitung, so dass die Augenheilanstalt in Familienbesitz blieb. Während des Ersten Weltkriegs diente die Klinik wiederum als Lazarett, in dem die Bettenzahl von 90 auf 175 erhöht wurde. In der anschließenden Wirtschaftskrise litt die Einrichtung unter Versorgungsproblemen und geringer werdenden Spenden. Durch die allgemeine Notlage und die durch die Besetzung des Rheinlandes erschwerte Anreise auswärtiger Patienten gingen die Behandlungszahlen drastisch zurück. In den 1920er-Jahren kämpfte die Augenheilanstalt lange um ihre Existenz.

1927 übergab Adolf Pagenstecher die Leitung an den seit 1904 für ihn tätigen Oberarzt Heinrich Göring. Der Aufschwung der 1930er-Jahre zahlte sich auch für die Klinik aus, bis sie während des Zweiten Weltkriegs erneut als Lazarett fungieren musste. Zudem wurde das Gebäude in den letzten Kriegstagen 1945 von Bomben getroffen. In der Folge brannte das Dachgeschoss völlig aus und der dritte Stock wurde schwer beschädigt. Die Wirtschaftsgebäude und die Verwaltung wurden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Da durch die Währungsreform die finanziellen Rücklagen fast halbiert wurden, mussten zur Instandsetzung der Bombenschäden Gelder aufgenommen werden. Zur Deckung der Kosten wurden einige Räumlichkeiten an andere Ärzte abgegeben. Zeitweilig existierte in der Klinik eine Geburtshilfestation.

1947 ging Göring in den Ruhestand und übertrug die Leitung an Professor Elborg, der nach sechsjähriger Tätigkeit 1953 die Stelle an Professor Friedrich Wagner übergab. Beide setzten sich ganz im Sinne der Brüder Pagenstecher für die karitativen Ziele der Augenheilanstalt ein. Im Jahr 1976 wurde Wagner pensioniert. An seine Stelle trat Professor Walter Lerche, der die Verantwortung für die notwendige Modernisierung übernahm.

1981 konnte die Augenheilanstalt ihren 125. Geburtstag feiern. Im Jubiläumsjahr wurde gleichzeitig das Ende der sozialen Institution beschlossen. Die Klinik wurde Teil der 1982 eröffneten neuen städtischen Dr. Horst Schmidt Klinik auf dem Freudenberg. Die Stadt übernahm sowohl die Schulden als auch die Vermögenswerte der aufgelösten Stiftung.

Mit dem Bad Dürkheimer Klinikunternehmer Rolf-Henning Mayer konnte ein renommierter Experte gewonnen werden, der den Umbau der Augenheilanstalt in ein Pflegeheim übernahm. Nach Investitionen von rund 4,5 Millionen D-Mark wurde am 15. Dezember 1984 das Seniorencentrum Kapellenstift eröffnet. Nach einer umfangreichen Modernisierung im Jahr 2001 bietet das Gebäude der ehemaligen Augenheilanstalt heute als Alten- und Pflegeheim des Berliner Seniorenheim- und Klinikbetreibers Maternus 121 Bewohner ein Zuhause.

Literatur