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Stadtlexikon Wiesbaden

Franken

Schon seit dem Beginn des 6. Jahrhunderts waren Wiesbaden und Umgebung fränkisch geprägt. Zwar gibt es aus dieser Zeit keine schriftlichen Quellen, doch zeugen verschiedene Funde von Reihengräbern vom Leben der Franken in der Wiesbadener Region.

Details

Wie sich die Alemannen im 3. Jahrhundert n. Chr. als eine auf Teilhabe an den Reichtümern der römischen Provinz Germania Prima ausgerichtete Interessengemeinschaft gebildet haben, so haben sich germanische Stammesgruppen, welche im rechtsrheinischen Vorfeld der Provinz Germania Secunda ansässig waren, etwa zur gleichen Zeit zum ethnischen Verband der Franken zusammengeschlossen. Ihr Name war Programm: Er bedeutet soviel wie „die Kühnen“, „die Wagemutigen“ – unser Wort „frech“ ist etymologisch und seiner Bedeutung nach damit verwandt.

Was die Franken im 3., 4. und 5. Jahrhundert in der Verfolgung ihres erstrangigen politischen Zieles zuwege gebracht haben, durch Einfälle in die römischen Territorien links des Rheins, ferner durch zunächst von den Römern geduldete, schließlich auch aus eigener Machtvollkommenheit unternommene Ansiedlung ebendort, hat Wiesbaden und sein Umland nicht direkt betroffen. Das änderte sich, als nach dem Ende des römischen Imperiums die Alemannen vor allem auf der linken Rheinseite über ihr eigenes Territorium hinaus nach Norden vordrängten und damit in Konflikt mit den Franken gerieten.

Die zwischen Franken und Alemannen ausgetragene Schlacht bei Zülpich im Jahr 496/97 n. Chr. markiert zeitlich und räumlich das weiteste Vordringen der Alemannen. Im Gegenzug haben die Franken in der Folgezeit ihrerseits die Alemannen nach Süden zurückgedrängt und ihr eigenes Herrschaftsgebiet bis weit in die Oberrheinebene ausgedehnt. Damit geriet die bisher alemannisch beherrschte Region an der Mainmündung und damit auch Wiesbaden nicht anders als Mainz unter die Herrschaft der Franken: Seit Beginn des 6. Jahrhunderts waren Wiesbaden und sein Umland fränkisch.

Dass damit ein radikaler Bevölkerungswechsel verbunden gewesen wäre, ist nicht zu erkennen. Ferne Nachkommen der alteingesessenen Provinzialen, weiterhin Germanen alemannischer Abstammung, auch die eine oder andere zugewanderte Gruppe von Franken und zweifellos viele aus dem Innern Germaniens an den Rhein gezogene Thüringer und Ostgermanen dürften die Grundlage für eine zwar ihrer Herkunft nach verschiedene, ihrem kulturellen Habitus nach jedoch recht einheitliche Bevölkerung gebildet haben.

Für die an das Ende der Antike anschließende Epoche des frühen Mittelalters, die man für unseren Raum nach dem maßgeblichen Volk gern als „Frankenzeit“ oder nach der herrschenden Dynastie als „Merowingerzeit“ bezeichnet, schweigen die Schriftquellen in Bezug auf Wiesbaden. Allein die archäologischen Funde füllen dieses Vakuum aus, und es sind vor allem Grabfunde, welche diese Evidenzen liefern.

Aus dem Innenstadtbereich von Wiesbaden ist ein großes Reihengräberfeld der Frankenzeit an der Schwalbacher Straße in dem von Rheinstraße sowie Luisenstraße/Dotzheimer Straße gekreuzten Abschnitt festgestellt worden. Hier, am alten Schiersteiner Weg, sind vor allem im 19. Jahrhundert immer wieder beigabenführende Bestattungen des frühen Mittelalters zu Tage gekommen, Männergräber mit Waffen und Frauengräber mit Schmuckbeigaben. Letztlich steht dieses Gräberfeld in der Tradition des in demselben Bereich schon in römischer Zeit angelegten Friedhofs beiderseits einer vom Steinkastell südwärts führenden Straße, auf welchem auch in der alemannischen Ära einzelne Tote ihre letzte Ruhe gefunden haben. An dem umfangreichen Fundmaterial ist abzulesen, dass die Belegung dieses Gräberfeldes bereits im 5. Jahrhundert einsetzt, strenggenommen also noch in alemannischer Zeit.

Die ältere Merowingerzeit (6. Jahrhundert) ist durch besonders zahlreiche Funde belegt, aber auch der jüngere Abschnitt des 7. Jahrhunderts ist durch charakteristische Formen einwandfrei bezeugt. Anzeichen für aufwendige Grabausstattungen liegen unter anderem in Gestalt von zahlreichen Glas- und Bronzegefäßen vor und deuten auf Beisetzungen von Personen, die einer sozial gehobenen Schicht angehörten. Auch die beträchtliche Zahl von Langschwertern und besonderen Lanzen (Angones) weisen in diese Richtung.

Hervorzuheben ist, dass im Bereich dieses Gräberfeldes auch ein halbes Dutzend frühchristlicher Grabsteine zu Tage gekommen ist, eine nach Format und Ausgestaltung sehr einheitliche Gruppe, durchweg mit dem Christogramm als kennzeichnendem Symbol versehen sowie mit kurzen Inschriften. Sie bezeugen nicht nur, was ohnehin nicht bezweifelt werden könnte, dass nämlich im 5./6. Jahrhundert das Christentum in Wiesbaden Eingang gefunden hatte, sondern sie überliefern uns darüber hinaus auch einige Namen damals lebender Wiesbadenerinnen und Wiesbadener: Eppo und Ingildo, Municerna und Qalaqit, Runa und Votrilo.

Dass die Wohnplätze jener am alten Schiersteiner Weg im Verlauf der Frankenzeit beigesetzten Menschen in dem seit römischer Zeit besiedelten Bereich der Quellen gelegen hat, kann nicht zweifelhaft sein; an archäologischen Evidenzen dafür fehlt es jedoch, wenn man von einigen Einzelfunden absieht. Erst in der Folgezeit tritt dieser Kernbereich der Stadt Wiesbaden im Licht der schriftlichen und dinglichen Quellen wieder deutlicher in Erscheinung.

Fasst man das Umfeld dieses Kernbereichs ins Auge, soweit es heute zum Stadtgebiet von Wiesbaden gehört, so ist zunächst auf einen zweiten Platz zu verweisen, der in römischer Zeit entstanden und kontinuierlich über die Römerzeit hinaus bis heute besiedelt geblieben ist: Kastel nämlich (Castellum Mattiacorum), der rechtsrheinische Brückenkopf von Mogontiacum/Mainz. Nicht nur der Siedlungsbereich selbst wurde kontinuierlich benutzt, sondern auch der seit der Römerzeit belegte Friedhof außerhalb der Mauern. Er erstreckte sich entlang der rheinabwärts bzw. nach Aquae Mattiacae/Wiesbaden führenden Ausfallstraße; auch beachtliche Funde aus der Frankenzeit sind von dort bekannt.

Darüber hinaus dokumentieren zahlreiche merowingerzeitliche Grabfunde aus den heute zur Stadt Wiesbaden gehörenden Vororten die Besiedlung im ländlichen Umfeld der aus dem römischen Vicus Aquae Mattiacae hervorgegangenen Kernsiedlung in der Zeit des frühen Mittelalters. In oder unmittelbar bei Bierstadt, Erbenheim, Igstadt, Kloppenheim, Kostheim, Nordenstadt und Schierstein sind Grabkomplexe entdeckt worden, die als die merowingerzeitlichen Ortsfriedhöfe ebendieser Plätze angesprochen werden können. Die Zeitstellung der Grabfunde gibt zugleich einen verlässlichen Hinweis auf die Existenz des betreffenden Ortes. So hat die frühgeschichtliche Ursprungssiedlung von Schierstein ausweislich besonders früher Grabfunde bereits um die Mitte des 5. Jahrhunderts bestanden.

In analoger Weise sind Bierstadt, Erbenheim, Igstadt, Kostheim und Nordenstadt bereits für die Zeit des 6. Jahrhunderts nachgewiesen – durchweg also für einen Zeitpunkt lange vor dem Einsetzen schriftlicher, urkundlicher Zeugnisse. Selbst ein einzelnes Gehöft wie der Grorother Hof in der Altgemarkung von Frauenstein kann unter Verweis auf zugehörige Grabfunde des 7. Jahrhunderts frühmittelalterlichen Ursprung für sich reklamieren.

Mitunter können isoliert liegende Grabfundkomplexe auf abgegangene Siedlungen (Wüstungen) hinweisen, so etwa die ausnehmend früh, weil dem 5. Jahrhundert zuzuweisenden Funde im Bereich von Biebrich (Waldstraße bzw. Siegfriedstraße) und andere innerhalb der Ortslage von Kostheim östlich des Käsbaches.

Literatur