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Stadtlexikon Wiesbaden

Kloster Klarenthal

1298 gründete König Adolf von Nassau in der Nähe Wiesbadens das Klarissenkloster Klarenthal, das als Grabstätte des Hauses Nassau dienen sollte. Nach der Einführung der Reformation wurde das Kloster 1560 säkularisiert.

Details

1298 stiftete König Adolf von Nassau vor den Toren Wiesbadens ein Klarissenkloster. Seine Gattin Imagina von Isenburg-Limburg wie auch seine Mutter Adelheid standen den im 13. Jahrhundert entstandenen Bettelorden der Klarissen und Franziskaner mit ihrem Streben nach Frömmigkeit, Kontemplation und einfachem Leben nahe: Adolfs Mutter war eine Wohltäterin des 1277 gegründeten Reichklaraklosters in Mainz, in dem sie auch ihre letzte Ruhe fand. Imagina, eine geborene Gräfin von Limburg, hatte die Klarissen in ihrer Heimat kennen gelernt und war, wie sie in einer Urkunde schreibt, seit ihrer Jugend für deren Frömmigkeitsideale entbrannt.

König Adolf war also mit dem Wirken der Klarissen vertraut, als er Klarenthal gründete. Für die Wahl eines Nonnenklosters sprach die Möglichkeit der Unterbringung unverheirateter oder verwitweter weiblicher Mitglieder des Hauses – hier konnten adelige Damen eine angemessene Versorgungsstätte finden. Gleichwohl verband sich mit der Klostergründung auch machtpolitisches Kalkül, wie sich an seiner Ausstattung erkennen lässt. Denn um überhaupt existieren zu können, war es nötig, den Klarissen Einkünfte an Naturalien und Geldzinsen sowie eine Basis an Grund und Boden zu verschaffen. König Adolf vermachte seiner Stiftung urkundlich drei Höfe in Biebrich und Mosbach. Indem er diese Ländereien seinem Hauskloster schenkte, entzog er sie der Gefahr einer Entfremdung durch die Mainzer Erzbischöfe und andere konkurrierende Gewalten.

Die Gründung Klarenthals hatte aber in erster Linie eine spirituelle Dimension: Hier war, wenn auch nur für rund 70 Jahre, das Erbbegräbnis der walramischen Linie des Hauses Nassau, hier wurde das Gebetsgedenken für die Dynastie gepflegt. Name und Todestag der Angehörigen waren in so genannten Totenbüchern oder Nekrologen verzeichnet; durch Verlesen dieser Einträge wurde die Erinnerung an den Verstorbenen, seine Memoria, gewahrt. König Adolf fand seine letzte Ruhestätte zwar im Speyerer Dom, aber seine Gemahlin Imagina, seine Schwestern sowie zehn weitere Gräfinnen und Grafen von Nassau sind in Klarenthal bestattet worden.

Von den Gebäuden des noch lange im Unterschied zum Mainzer Klarissenkloster so genannten „Neuen“ Klosters“ sind nur wenige bauliche Reste erhalten. Die Klosterkirche verfiel seit dem 17. Jahrhundert. Sie lag im Nordbereich des Klausurbezirks bzw. schloss diesen nach Norden zu ab. Sie besaß im Osten einen Laienchor, in dem auch der Hauptaltar stand, und im Westen entweder einen weiteren, in den Quellen als „niederer oder Jungfrauen-Chor“ bezeichneten Chor, der von den Klostergebäuden aus betreten werden konnte und den Schwestern zum Chorgebet diente. Der Bau wurde von einem wahrscheinlich sechseckigen Westturm flankiert. Im Westen befand sich wohl auch der Hauptzugang zur Kirche. Ein annähernd quadratischer, von einem Kreuzgang umschlossener Innenhof beherbergte den Friedhof: Bei Grabungen in den 1960er-Jahren stieß man hier auf zahlreiche menschliche Knochen. Hieran schlossen sich die übrigen Klausurgebäude an - Siechenhaus, Refektorium, Konventsstube, Küche, Waschhaus und Badestube. Weitere Gebäude oder Gebäudeteile waren das Dormitorium, also ein großer Schlafraum, der vermutlich den Laienschwestern als Unterkunft diente, Kornhaus, Backhaus, Kelterhaus, zwei Scheunen, das Haus des Beichtvaters, eine Gesindestube sowie 28 Nonnenzellen und im weiteren Umkreis eine 1317 erstmals genannte Mühle. Erst 1940 wurde das so genannte Äbtissinnenhaus, ein im Kern gotisches Gebäude, abgerissen, dessen Ostteil als Wohnhaus der Äbtissin diente, während im Westteil das Hospital oder Siechenhaus untergebracht war. Den ganzen Komplex umgab eine Mauer, in die vier Pforten hineinführten.

Neben den eigentlichen Nonnen, die Profess abgelegt hatten und der strengen Ordensregel unterworfen waren, welche u.a. das Armuts- und das Schweigegelübde vorsah, gab es auch einige Laienschwestern, die zum Gesinde des Klosters gehörten und quasi als Dienstmägde arbeiteten; sie stammten aus den Dörfern der Umgebung. Auch die Laienbrüder oder Konversen kamen aus dem näheren Umkreis; sie arbeiteten außerhalb des Klausurbereichs in der klostereigenen Landwirtschaft oder im Weinbau. Die geistliche Betreuung der Nonnen übernahmen Angehörige des Franziskanerordens. Den Äbtissinnen war es nicht erlaubt, die Messe zu halten oder die Beichte zu hören, die die Klosterinsassen in jedem Jahr zwölfmal ablegen sollten; dazu benötigten sie einen Beichtiger und einen Kaplan, die aus Mainz anreisten. Das Klostergut wurde von einem Hofmeister bewirtschaftet.

Wenn man sich vor Augen führt, welchen Reichtum an Grabdenkmälern das Klarenthaler Klarissenkloster trotz aller aufgrund der Ordensregel gebotenen Schlichtheit der Ausstattung aufwies, wird einem die Größe des Verlusts dieses Gotteshauses bewusst. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts waren noch rund 20 Grabmäler vorhanden. Das älteste war vermutlich das der Königin Imagina, deren Todesjahr nicht bekannt ist; es befand sich mitten im Chor vor dem Hauptaltar, wurde aber später in den Kreuzgang versetzt. Das Grab der Mechthild, Tochter König Adolfs, lag gegenüber im „niederen Chor“ vor dem dortigen Altar. Zwei aufwändige Doppelgrabmäler, vielleicht mit so genannten Pleurants geschmückt, erhoben sich an den Längswänden des Hauptschiffes der Kirche in teilweise bemalten Gewölbenischen. Es waren die Ruhestätten des Grafen Gerlach und seiner Gemahlin Agnes sowie von deren Sohn Adolf samt Gemahlin Margarethe aus dem 14. Jahrhundert. Einige dieser Grabsteine wurden nach dem Zerfall der Klosterkirche nach Wiesbaden in die Mauritiuskirche (Mauritiuskirche, alt) verbracht, wo sie zum Teil schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts beseitigt wurden oder aber 1850 beim Brand dieser Kirche untergingen. Zum Glück hat der Maler Heinrich Dors die Inschriften und auch Abbildungen überliefert.

Bemerkenswert waren die Fresken, die ebenfalls von Heinrich Dors überliefert wurden. Eine Wand im niederen Chor zeigte das Stifterbild: König Adolf und seine Gemahlin halten eine Kirche in die Höhe, übrigens die einzige Abbildung dieses Bauwerkes. Über den Stiftern thronen die Jungfrau Maria, der die Kirche geweiht war, und ihr Sohn. Umgeben war das Königspaar von seinen acht Kindern. Das in Grisailletechnik ausgeführte Bildnis stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Ein weiteres Wandgemälde oberhalb der Grabtumba des Grafen Adolf I. von Nassau-Idstein und seiner Gemahlin Margarethe scheint zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch in seiner ganzen Farbenpracht bestanden zu haben. Dargestellt war vor blauem, sternenbesetztem Himmel der gekreuzigte Jesus mit der Mutter Maria und dem Jünger Johannes zu beiden Seiten. Zu Füßen des Kreuzes knieten die Fürsten und ihre namentlich bezeichneten sechzehn Kinder in anbetender Haltung. Zwei Mädchen, Margarethe und Anne, waren in geistlicher Tracht vermutlich als Klarissen, zwei Söhne in bischöflichem Ornat dargestellt.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts setzte der Niedergang des Klosters ein. Vor allem die große Mainzer Stiftsfehde von 1461 bis 63 trug dazu bei. Die Äbtissinnen wirtschafteten unklug, die klösterliche Zucht lockerte sich. Im Schmalkaldischen Krieg 1546 wurde das Kloster geplündert. Als 1552 der Markgraf von Brandenburg-Kulmbach mit seinen Truppen marodierend die mittelrheinischen Lande durchzog, mussten die Kosterjungfrauen Schutz hinter Wiesbadens Mauern, genauer im hiesigen Schloss, suchen. Im Jahr darauf kam die Pest und die Reformation hielt Einzug im Land. 1560 war das Ende des Klosters gekommen. Bald danach setzte der Verfall der Kirche ein.

Das Grafenhaus bemühte sich darum, die Verwaltung der Klostergüter auf eine neue Grundlage zu stellen. 1607 richtete Graf Ludwig von Nassau-Saarbrücken, dem 1602 auch der Wiesbaden-Idsteiner Landesteil zugefallen war, im ehemaligen Klostergebäude ein Hospital als Versorgungsstätte für Arme, Alte und Kranke ein. Eine Nutzung ganz anderer Art wurde 1704 ins Auge gefasst: Auf Anregung eines Franzosen wurde in Klarenthal eine Manufaktur für die Herstellung von venezianischen Spiegeln eingerichtet. Diese „Fabrik“ arbeitete jedoch völlig unwirtschaftlich. Obendrein brach 1723 ein Feuer aus, in dem viele Gebäude verbrannten. In der Folgezeit versuchte man zwar noch Papiermanufakturen hier unterzubringen, hatte jedoch mit keinem Unternehmen Erfolg. Die Kirche wurde abgebrochen, Gelände und verbliebene Gebäude wurden verpachtet und dienen seither der Landwirtschaft.