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Stadtlexikon Wiesbaden

Lutherkirche

Im Januar 1911 wurde die Lutherkirche nach knapp dreijähriger Bauzeit eingeweiht. Nach der Marktkirche, der Bergkirche und der Ringkirche entstand sie als vierter evangelischer Kirchenbau Wiesbadens.

Details

Nachdem Wiesbaden 1905 die Einwohnerzahl von 100.000 erreicht hatte, wurde ein vierter evangelischer Kirchenbau erforderlich, vor allem für das neu entstandene Villengebiet an der Biebricher Allee und die Wohngebiete des Dichterviertels.

1905 wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, bei dem ausdrücklich als Grundlage für die Raumgestaltung das von Pfarrer Emil Veesenmeyer entwickelte und von dem Architekten Johannes Otzen beim Bau der Ringkirche umgesetzte Wiesbadener Programm gefordert wurde.

Sieger war Friedrich Pützer (1871 – 1922), Architekt und Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt, der nicht zur Künstlerkolonie Mathildenhöhe gehörte, dennoch unter ihrem Einfluss stand, vor allem in dem Bemühen, den Historismus zu überwinden und zu neuen, eigenständigeren Lösungen zu kommen.

Wiewohl selbst Katholik, schuf er in seinem Leben 14 evangelische Kirchen, von denen die Lutherkirche in Wiesbaden das bedeutendste seiner architektonischen Werke ist. Zu diesen zählt auch der Hauptbahnhof in Darmstadt. Zugleich war er ein bedeutender Städtebauer, dem Darmstadt das Wohngebiet um den Paulusplatz und Sprendlingen die Gartenstadt Buchschlag verdanken.

Die Lutherkirche in Wiesbaden fußt zwar wie gefordert in der Innenraumgestaltung auf dem Wiesbadener Programm, geht aber in der Entwicklung des protestantischen Kirchenbaues vom reinen Sakralbau zum Gemeindezentrum einen entscheidenden Schritt weiter. Denn er ordnete unter dem hochgelegten Kirchenraum einen großen Gemeindesaal an und im Norden des Kirchenraumes einen Vorraum mit Taufkapelle und weitere Nebenräume. Auch schloss er direkt an den Kirchenbau die Pfarrhäuser an der Mosbacher Straße und an der Sartoriusstraße an. Die Nordansicht zum Gutenbergplatz hin wirkt mit ihrem breiten Giebel und dem Erker wie eine Bürgerhausfassade.

Als Grundriss für den Kirchenraum wählte er ein lang gestrecktes, unregelmäßiges, etwa ovales Polygon, das unter einem gewaltigen Walmdach liegt, neben dem der Glockenturm an der Südostecke so angeordnet ist, dass er, bereits von der Rheinstraße aus zu sehen, das Straßenbild der Oranienstraße beherrscht. Pützer folgte damit der Empfehlung des Städtebauers Camillo Sitte, der in seinem Buch „Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ (2. Auflage Wien 1889) dazu rät, den eintönigen Straßenraster durch die Anordnung von signifikanten Bauwerken in den Sichtachsen zu beleben.

Pützer hielt es laut eigener Aussage für unpassend, bei Neuschöpfungen in der Baukunst auf historische Vorbilder zurückzugreifen, konnte sich aber dennoch nicht ganz davon lösen. So ist das gewaltige Walmdach ohne die Anregung durch die niederländisch-wallonische Kirche in Hanau kaum denkbar, und bei der Vorhalle des Haupteingangs orientierte er sich eindeutig an romanischen Säulenportalen, was in dieser Zeit um 1900 häufig zu beobachten ist.

Wenn man für die Lutherkirche den Begriff Jugendstil verwendet, so muss man bedenken, dass dieser Stil sehr unterschiedliche Strömungen kennt. So könnte man die Ornamentik des Innenraumes auch als eine Vorform des Art déco der zwanziger Jahre umschreiben. Denn im Unterschied zu den üppigen, teigig weichen, floralen Formen des Jugendstils, wie sie an Hausfassaden im Rheingauviertel oder am Haus Emser Straße 39 auftreten, zeigt die Ausmalung des weitgespannten Deckengewölbes hier mehr graphisch klare Formen.

Entworfen wurde die Ausmalung von Rudolf und Otto Linnemann aus Frankfurt, die zu den bedeutendsten Dekorations- und Glasmalern ihrer Zeit zählten und auch die Fenster der Lutherkirche schufen. Der Innenraum erhielt trotz der beachtlichen Größe und Monumentalität durch die in dunklem Naturholz gehaltenen, umlaufenden Emporen und die darunter angeordneten Wandvertäfelungen einen nahezu wohnlichen Charakter.

Die Ausmalung war in den fünfziger Jahren weiß übertüncht worden, konnte aber glücklicherweise 1987 – 1992 nach Befund rekonstruiert werden. Gemäß dem Wiesbadener Programm sind Altar, Kanzel und Orgel an der südlichen Schmalseite übereinander angeordnet. Die diagonal geführten, sich kreuzförmig überschneidenden Treppen leiten den Blick auf den Pfeifenprospekt der hervorragenden Orgel aus der Werkstatt Walcker in Ludwigsburg. Sie hat ihre große Bedeutung durch das besondere Klangbild auf Grund der erhaltenen elektropneumatischen Traktur.

Die Radleuchter und das Gitterwerk der Taufkapelle sind Arbeiten des zur Darmstädter Mathildenhöhe gehörenden Professor Ernst Riegel. So entstand unter der Leitung Friedrich Pützers in den Jahren 1908 – 1910 ein Gesamtkunstwerk von besonderer nationaler kultureller Bedeutung, zugleich Versammlungsraum der Gemeinde mit insgesamt 2000 Plätzen wie auch ideale Stätte der Kirchenmusik.

Literatur



Verweise