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Stadtlexikon Wiesbaden

Schellenberg'sche Hofbuchdruckerei

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts betrieb der Hofbuchhändler Ludwig Schellenberg eine Druckerei in Wiesbaden. Aus dem kleinen Betrieb entwickelte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein großes Unternehmen, das um 1900 über 100 Mitarbeiter beschäftigte.

Details

Der Hofbuchhändler Ernst Ludwig Theodor Schellenberg erhielt 1809 von Herzog Friedrich August von Nassau das Privileg zum Betreiben der zweiten Wiesbadener Druckerei, weil der bereits ansässige Drucker Heinrich Frey die an Zahl und Umfang zugenommenen Aufträge für die öffentliche Hand nicht mehr alleine bewältigen konnte.

Als Geschäfts- und Wohnhaus kaufte Schellenberg von seinem Vetter Carl Friedrich Justus Emil von Ibell in der Langgasse ein stattliches Bürgerhaus, das an der Stelle stand, an der sich heute das Pressehaus befindet. Mit dem ,,Herzoglich Nassauischem allgemeinen Landeskalender’’, der jährlich in Auflagen von rund 50.000 Exemplaren zu drucken war, erhielt Schellenberg von der Regierung gleich im ersten Jahr einen richtig großen Auftrag. 1816 bis 1818 stellte Schellenberg mit den ,,Rheinischen Blättern’’ Nassaus erste politische Zeitung her. Zur gleichmäßigeren Auslastung des Betriebes druckte Schellenberg selbst verlegte Bücher verschiedener Wissensgebiete. Außerdem verließen Drucksachen in meist guter bis bester Qualität für Regierung, Handel und Gewerbe sowie für Privatpersonen und für das Theater die vier Pressen. 1819 erhielt Schellenberg den prestigeträchtigen Titel ,,Hofbuchdrucker’’.

Sein Sohn Karl August Emil Schellenberg führte den Betrieb im gleichen Stil fort. 1844 übernahm er das Wiesbadener Wochenblatt, aus dem er 1852 das Wiesbadener Tagblatt entwickelte. Von nun an bestimmte die Zeitung das Geschehen in der Druckerei, doch wurden auch die anderen Zweige weiter gepflegt. In nächster Generation führte Ferdinand Karl Wilhelm Ludwig Schellenberg den Betrieb in das Industriezeitalter und machte das Tagblatt von einem reinen Anzeigenblatt zu Wiesbadens meistgelesener Tageszeitung. Um 1900 war das Unternehmen mit über einhundert Beschäftigten als Druckerei ein Großbetrieb.

Mit dem Neubau, der 1905 bis 1909 entstand, schuf Ludwig (Louis) Schellenberg ein allen damaligen Ansprüchen genügendes Geschäftshaus, das wegen seiner luxuriösen Ausstattung und Einrichtung ,,Zeitungspalast’’ genannt wurde. Bei der Einführung technischer Neuerungen war die Schellenberg’sche Druckerei in Wiesbaden den Mitbewerbern bis zu diesem Zeitpunkt stets voraus. Nach dem Tod von Louis Schellenberg steuerte seine Frau Marie, geb. Verdan, das Unternehmen unbeschadet durch die stürmischen zwanziger Jahre.

1932 gab Gustav August Ludwig David Schellenberg seine wissenschaftliche Laufbahn als Professor der Botanik auf, um das Unternehmen fortzuführen. Schon im zweiten Jahr seiner Geschäftsführertätigkeit wuchs ihm auf Anordnung aus dem Propagandaministerium von Joseph Goebbels die traurige Aufgabe zu, den jüdischen langjährige Chefredakteur des ,,Wiesbadener Tagblatts’’, Hermann Lekisch, zu entlassen. Der Betrieb wurde ,,gleichgeschaltet’’, konnte aber bis Kriegsende weiterarbeiten. Nur das Prädikat ,,Hof’’ wurde aus dem Firmennamen getilgt.

1945 übernahm die amerikanische Besatzungsmacht die unbeschädigt gebliebene Druckerei für ihre Zwecke. Gustav Schellenberg erhielt wegen seiner Tätigkeit als Zeitungsverleger während der NS-Zeit Berufs- und Hausverbot. Ab Oktober 1945 benutzten die von der amerikanischen Administration lizenzierten Verleger Georg Alfred Mayer und Fritz Otto Ulm die Schellenberg’sche Druckerei, in die aber länger schon nicht mehr nennenswert investiert worden war, zur Herstellung des von ihnen gegründeten Wiesbadener Kuriers. Noch 1945 kam es zu einem auf 10 Jahre befristeten Pachtverhältnis. Später konnten die Eigentümer des Kuriers Haus und Einrichtung erwerben. Mit dem Kurier gingen 1965 Immobilie und Mobilien an die ,,Mainzer Verlagsanstalt’’ (seit 1992 ,,Verlagsgruppe Rhein-Main’’) über.

Nachdem der Geruch von Druckerschwärze schon 1975 aus der Langgasse verschwunden war, verließen 1980 auch die Setzer das Pressehaus. Die früher von der Technik besetzten Räume werden heute für die Redaktionen und Verwaltungen von Wiesbadener Kurier und Wiesbadener Tagblatt benutzt.

Von 1975 bis 2010 wurde der Druck des Kuriers im Druckzentrum Mainz-Mombach besorgt; seit 2010 wird die Zeitung in Rüsselheim im Druckzentrum Rhein Main GmbH & Co. KG gedruckt.

Literatur