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Altstadt

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Im Kern handelt es sich bei der Altstadt Wiesbadens um den Bereich, der seit dem späten Mittelalter »Flecken« genannt wurde und dessen Zentrum die alte Mauritiuskirche bildete. Die beiden anderen mittelalterlichen Bezirke der Stadt waren das sogenannte Sauerland mit dem Kochbrunnen als Zentrum des Quellenviertels und die Burgstadt mit dem im Mittelpunkt stehenden Marktbrunnen. Alle drei Bereiche, der Flecken und der Burgbezirk südlich der Heidenmauer und das Sauerland nördlich derselben, wurden im Laufe der Jahrhunderte mit Stadtmauern befestigt.

Heute bezeichnet man als Altstadt das Gebiet, das sich in etwa vom Marktplatz im Osten bis zur Schwalbacher Straße im Westen, von der Rheinstraße im Süden bis zur Webergasse im Norden erstreckt. Hauptachsen der Altstadt sind die Kirchgasse mit dem Mauritiusplatz, die Langgasse sowie die Wagemann- und Grabenstraße. Die beiden letzteren Straßen münden in der Form eines Schiffsbugs auf die von der Langgasse kommende Goldgasse, weshalb das Herz der Altstadt auch als Schiffchen bezeichnet wird.

Eigentlich war Wiesbaden für eine menschliche Ansiedlung ungeeignet, weil es über keine Süßwasserquellen verfügte und insbesondere im Osten weitgehend aus sumpfigem, zum Bauen ungeeignetem Gelände bestand. Die heilenden Quellen im Sauerland waren ebenfalls salzhaltig und als Grundlage für eine Versorgung mit Süßwasser ungeeignet.

Der Flecken, der sich zwischen dem Heidenberg (Römerberg/Schulberg) und dem Sumpfgelände östlich der Neugasse und der Grabenstraße befand, wurde ausschließlich vom Kesselbach mit Wasser versorgt. Dieser hieß im Mittelalter Dendelbach. Die Straße am Michelsberg hatte den Namen »uff de Bach«, denn hier floss der Bach hinunter in den Ort und lieferte das Trinkwasser. Er trieb die Pfaffenmühle am Michelsberg an und bediente sowohl das Brauhaus, das von 1550–1819 an der Ecke zur Hochstättenstraße stand, als auch die Anwesen an der Metzgergasse, der heutigen Wagemannstraße. In der Goldgasse vereinigte er sich mit dem Rambach; beide trieben dann die Mühlen der Mühlgasse an. Erst 1820 wurde der Bau einer Wasserleitung vom Kisselborn an der Platte in Angriff genommen.

Neben der Mauritiuskirche, die auf einen karolingischen Bau von 780/790 zurückging, waren die großen Höfe des Adels und der Klöster kennzeichnend für den mittelalterlichen Ort im Bereich des Fleckens. Sie weisen Wiesbaden als landwirtschaftliches Zentrum und Standort mittelalterlicher Macht aus. Offenbar war es bereits seit dem 9. Jahrhundert Mittelpunkt des sogenannten Königssondergaus. Im Bereich der Saalgasse, am Felsen hinter dem Sauerland, lag wahrscheinlich der 1114 erstmals bezeugte Königshof mit einem »Saal«.

Dass der Flecken seit dem 15. Jahrhundert ein Rathaus hatte, bekundet die seit 1438 verwendete Bezeichnung »Stadtgericht auf dem Rathaus«, auch die »Hütte« genannt. Im Volksmund sprach man von der »Schießhütte«, denn im Hof, der an die Kirchhofsmauer der Mauritiuskirche grenzte, fanden Schießübungen der Armbrustschützen statt. Das Anwesen lag im Bereich des ehemaligen Gasthauses »Zum Einhorn« an der Marktstraße. Mit dem Bau des Renaissancerathauses 1609/1610, dem heutigen alten Rathaus, verlagerte sich der Schwerpunkt Wiesbadens in die Burgstadt östlich der Grabenstraße.

Das Zusammenwachsen der drei Bereiche – Flecken, Burgbezirk und Sauerland – ist das Produkt der historischen Entwicklung. Dabei spielte die unmittelbare Nachbarschaft von Flecken und dem Gebiet um die Burg eine besondere Rolle. Heute ist deren Verbindung so selbstverständlich, dass sich der Begriff der Altstadt bis zum jetzigen Marktplatz erweitert hat. Das Zentrum der Burgstadt bildete der Marktbrunnen. Hier war der einzige Süßwasserbrunnen des zur Burg gehörenden Bezirks. Als Keimzelle des heutigen Schlossbereichs ist eine Turmburg anzusehen, die auf Pfählen und Holzrosten in dem gut zu verteidigenden Sumpf errichtet worden war. Sie diente im 10. Jahrhundert Eberhard von Franken, dem ersten bezeugten Gaugrafen des Königssondergaus, als Herrschaftssitz.

Wiesbaden, 1232 zur Reichsstadt erhoben, geriet 1242 in den Konflikt zwischen König Konrad IV. und dem Erzbischof von Mainz, Siegried III. von Eppstein, in dessen Verlauf die Stadt zerstört wurde und an Bedeutung verlor. Adolf Graf zu Nassau und seit 1292 deutscher König, bevorzugte Idstein und Weilburg als Residenzen. Sein Sohn, Graf Gerlach I., baute die Burg ab 1305 wieder auf. Mit ihm beginnt das nassauische Wiesbaden. Die Hofhaltung war hier, regiert wurde jedoch meistens von Idstein aus. Erst Georg August Samuel Fürst zu Nassau-Idstein ließ ab 1701 Schloss Biebrich erbauen. Karl Fürst zu Nassau-Usingen erhob 1744 Schloss Biebrich zur Residenz. Die »Feste Wiesbaden, Burg und Stadt« hat noch bis 1873 im Uhrturm weitergelebt, der oberen Pforte der Burgstadt. Die untere Pforte stand dort, wo die Mauergasse auf die Marktstraße stößt. Die lange Gasse (heute Langgasse) war das verbindende Element zwischen allen drei Stadtteilen.

Heute wird das Stadtbild der Altstadt von Bauten des Historismus sowie meist modernen oder modernisierten Gebäuden geprägt. Im Kernbereich sind nur noch wenige Bauten aus der Zeit vor 1900 in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten, zumal zwischen 1547 und 1586 sechs verheerende Brände großflächige Verwüstungen verursacht haben.

Zu diesen Gebäuden gehören neben dem alten Rathaus, dem Cetto-Haus, dem Schenck’schen Haus und dem Handwerkerhaus in der Nerostraße 24 (um 1810) vor allem die in nassauischer und wilhelminischer Zeit errichteten Gebäude. Im Altstadtbereich zählen dazu das Erbprinzenpalais, die Gebäude am Luisenplatz, das Stadtschloss, das Ministerialgebäude, die Kirche St. Bonifatius, die Marktkirche, das Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft und das neue Rathaus.

Literatur

Renkhoff, Otto: Wiesbaden im Mittelalter, Wiesbaden 1980 (Geschichte der Stadt Wiesbaden 2).

Das Alte Wiesbaden in Bildern von Hans Bossung. Hrsg.: Lions-Club Wiesbaden – Drei Lilien in Zusammenarbeit mit der Wiesbadener Casino-Gesellschaft, Wiesbaden 1999.

Kiesow, Gottfried: Architekturführer Wiesbaden. Die Stadt des Historismus, Bonn 2006 [S. 96–108].