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Bürgerwehr

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Auch in Wiesbaden kam es im Zuge der Revolution 1848/49 zur Bildung einer Bürgerwehr. Ziel der liberalen Wortführer war es nicht, ihre politischen Forderungen mit Waffengewalt durchzusetzen; vielmehr waren sie an einem wirkungsvollen Schutz vor inneren und äußeren Bedrohungen interessiert.

Am 02.03. wurde mit der Gründung der »Nationalgarde« begonnen. Wenige Tage später hatte die Truppe ihre erste Bewährungsprobe, als am 04.03. der Versuch unternommen wurde, Theater, Zeughaus und Stadtschloss zu erstürmen. Unter der Führung ihres ersten Kommandanten, des Wiesbadener Uhrmachers und Hoteliers Georg Böhning, stellte sich die Bürgerwehr den Aufrührern entgegen und verhinderte eine weitere Eskalation der Gewalt.

Zunächst war die Bürgerwehr in 36 Züge gegliedert, später erfolgte eine Einteilung der Bürgerwehr in drei Bataillone, wobei die Kompanien nach unterschiedlichen Altersklassen geordnet waren. Bereits im Juli 1848 bestand die Garde aus etwa 1.500 Wehrmännern.

Die Soldaten wählten die führenden Offiziere selbst aus ihrer Mitte. Nachdem Böhning bereits am 09.03. sein Amt niedergelegt hatte, wurde Wilhelm Goedecke, Hauptmann des nassauischen Militärs in Wiesbaden, zu seinem Nachfolger gewählt. Der örtliche Kommandant war gleichzeitig Mitglied im »Sicherheitskomitee«, einem Leitungs- und Kontrollgremium, das den Aufbau der Bürgerwehr überwachen sollte.

Problematisch blieb die Frage der Bewaffnung. Neben Gewehren gehörten auch Flinten, Pieken und Sensen zum Erscheinungsbild der Bürgerwehr in Wiesbaden. Darüber hinaus wurden immer wieder Ausbildungsstand und Disziplin der Truppe beklagt. Nach den Juliunruhen 1848, als der Versuch unternommen wurde, inhaftierte Artilleristen zu befreien, wurde die Garde zunächst entwaffnet und anschließend umfassend reorganisiert. Die Truppenstärke wurde reduziert. Zahlreiche unehrenhafte Ausschlussverfahren sollten gleichzeitig dazu dienen, die demokratische Opposition in Wiesbaden insgesamt zu schwächen. Auch Bürgerkommandant Goedecke legte sein Amt nieder; zu seinem Nachfolger wurde Hauptmann Christoph Malm ernannt.

Mit dem Scheitern der Reichsverfassungskampagne und dem zeitgleichen Erstarken der Reaktion in Nassau vollzog sich ein schleichender Niedergang der Wiesbadener Bürgerwehr, bis die Truppe schließlich ganz aus dem Erscheinungsbild der Stadt verdrängt wurde.

Literatur

Wettengel, Michael: Die Wiesbadener Bürgerwehr 1848/49 und die Revolution im Herzogtum Nassau, Taunusstein 1998.