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Jüdische Vereine

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Im 19. Jahrhundert entstanden auch in Wiesbaden zahlreiche Jüdische Vereine, die vielfach wohltätige Zwecke verfolgten und konkrete Notlagen der jüdischen Bevölkerung auffangen sollten. Da die jüdische Bevölkerung aus dem öffentlichen Armenwesen ausgeschlossen war, dienten wohltätige Vereine als soziales Netz. Das Gründungsjahr des ältesten Vereins, einer frommen Bruderschaft, ist nicht bekannt. Ihre Aufgaben bestanden in der Krankenpflege, in der Unterstützung Sterbender und in der Begräbnisbeihilfe. Ursprünglich zählten auch Juden aus Biebrich, Schierstein und Bierstadt dazu, die mit den Wiesbadenern gemeinsam eine Friedhofsgemeinschaft bildeten. Als diese zerfallen war, genehmigte die Regierung 1847 die Gründung eines Begräbnisvereins ausschließlich für Angehörige der Wiesbadener Gemeinde. Auf ein beträchtliches Alter konnte auch die 1820 gegründete Abendgebet- oder Gutstiftgesellschaft für Krankenpflege zurückblicken. 1831 entstand ein Verein zur Unterstützung Bedürftiger, aus dem 1847 der israelitische Frauenkrankenverein hervorging. Auf Anregung von Abraham Geiger wurde 1835 der Männerkrankenverein mit zunächst 24 Mitgliedern gegründet, er diente der gegenseitigen Unterstützung in Krankheitsfällen; 1837 vereinigte er sich mit der Abendgebetgesellschaft. Abraham Geiger regte 1836 bereits einen Verein für die Pflege des Synagogengesangs an, der nach seinem Weggang aus Wiesbaden 1838 zunächst zu bestehen aufhörte. Einen neuen Impuls erhielt die Gründung eines Gesangvereins anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Völkerschlacht bei Leipzig am 18.10.1863. Der wenig später konstituierte Synagogen-Gesangverein begann mit 25 Mitgliedern, darunter auch zwei christlichen jungen Männern. Nach längeren Bemühungen wurde der jüdischen Gemeinde 1855 gestattet, einen Unterstützungsverein für unbemittelte israelitische Kurgäste zu gründen, denen der Aufenthalt im städtischen Hospital verwehrt war. Daraus ging 1871 der israelitische Unterstützungsverein hervor, der 1912 fast 1.000 Mitglieder hatte.

Auch nachdem im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Juden in »normalen« bürgerlichen Vereinen Mitglieder werden konnten, gab es weiterhin konfessionsgebundene Vereine. Die »Vereinigung jüdischer Frauen Wiesbadens« war einer der mitgliederstärksten und hatte zum Ziel, die bestehenden Wohltätigkeitsvereine sowie auch das Erwerbsleben jüdischer Frauen und Mädchen zu fördern. Einen wohltätigen Zweck verfolgte der israelitische Waisen-Unterstützungsfonds, dessen Gründung 1885 auf den Bezirksrabbiner Dr. Michael Silberstein zurückging; seit 1920 dehnte er seine Tätigkeit auf das gesamte ehemalige Herzogtum Nassau aus. Nassauweit agierte auch der 1899 gegründete Verein zur Förderung des Handwerks unter den Juden. Aufgrund von Stiftungen konnte ein Verein zur Errichtung eines israelitischen Krankenhauses und Schwesternheims 1912 seine praktische Tätigkeit mit einem Heim mit vier Schwestern aufnehmen. Vor dem Ersten Weltkrieg entstand der »Jüdische Wanderbund Blau-Weiß«, in dem bald fast ein Drittel aller jüdischen Jugendlichen in Wiesbaden organisiert war. Nachfolgeorganisationen wurden der »Deutsch-jüdische Wanderbund Kameraden« von 1927 und das »Schwarze Fähnlein« von 1933, das von Paul Mayer geleitet wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden die mitgliederstarken Ortsgruppen des »Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten« und des »Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens«, welcher sich den Abbau von Vorurteilen gegenüber Juden auf die Fahnen geschrieben hatte. Der einzige jüdische Handball-Ligaverein deutschlandweit war der 1926 von Sally Friedrich Großhut gegründete Sportverein »Hakoah Wiesbaden«. Im Hinblick auf eine Auswanderung nach Israel gewannen zionistische Gruppen wie der jüdisch-orthodoxe Jugendbund »Esra« sowie die »Brit Chaluzim Datiim« und eine Ortsgruppe der »Zionistischen Vereinigung für Deutschland« in den 1930er-Jahren an Zustrom.

Nach dem Verbot jüdischer Vereine und der Gleichschaltung aller anderen Sportvereine durch die Nationalsozialisten bot der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten in seiner Sportabteilung »Schild« bis zur Reichspogromnacht die einzige Möglichkeit zur organisierten sportlichen Betätigung.

Literatur

Bembenek, Lothar: Sally Grosshut – Leben und Schicksal eines Wiesbadener Schriftstellers. In: Grosshut, Sally: Schiedsrichter Rissing leitet ein Spiel, Wiesbaden 1984.

Kober, Adolf: Die Juden in Nassau seit Ende des 18. Jahrhunderts. In: Nassauische Annalen 66/1955 [S. 220–250].