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Nordenstadt

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Der Wiesbadener Stadtteil Nordenstadt liegt – umgeben von landwirtschaftlichen Nutzflächen – im Osten Wiesbadens und grenzt im Süden an die A 66. Nordenstadt hat sich besonders in den letzten 50 Jahren von einem reinen Bauern- und Handwerkerdorf zu einem stattlichen Wohngebiet mit angrenzenden Gewerbebetrieben entwickelt.

Die Siedlung entstand vermutlich in fränkischer Zeit an der von Wiesbaden nach Hofheim verlaufenden Römerstraße. Ein bei Ausgrabungen aufgedecktes Gräberfeld aus dem 6. Jahrhundert lässt vermuten, dass der Ort spätestens zu dieser Zeit bestanden hat. Erstmals erwähnt wird »Nornestat« in einer Urkunde König Ottos I. vom 01.05.950. Darin wird sein Besitz zu Nordenstadt und dessen Lage im Königssondergau genannt. Der Name wird gedeutet als »Wohnort des Norin«. Im Laufe der Jahrhunderte gingen zahlreiche Güter und Besitztümer durch Übertragungen oder Schenkungen insbesondere an geistliche Grundherren wie z. B. an Mainzer Stifte und Klöster über. Auch Kloster Eberbach erwarb 1361 Besitzungen in Nordenstadt. Begütert waren zudem Mainzer und Frankfurter Bürger, Nassauische Grafen sowie das Nassauische Hauskloster Klarenthal. 1371 wurde Graf Gerhard von Eppstein zuständig für den Landgerichtsbezirk Mechtildshausen, dem auch Nordenstadt angegliedert war. Dies war der Beginn der »Eppsteiner Herrschaft«. Zur gleichen Zeit wird auch Weinbau in Nordenstadt urkundlich erwähnt. Als Gottfried IX. von Eppstein-Münzenberg 1492 seine Rechte am Eppsteiner Ländchen an Landgraf Wilhelm III. von Hessen verkaufte, wurde auch Nordenstadt hessisch.

Um 1507 ist »Nordenstadt ein redlich Dorf mit einem Graben und im Innern befestigt«. Entlang des Grabens wurden Iffenbäume (Flatterulmen) gepflanzt. Nordenstadt hatte zwei Ortszugänge, die Oberpforte im Norden und die Unterpforte im Süden sowie ein kleines Pförtlein im Westen. 1530 wird nach Einführung der Reformation durch den hessischen Landgrafen Philipp den Großmütigen Johann Georg Gockel erster evangelischer Pfarrer in Nordenstadt. 1592 hatte Nordenstadt 78 Herdstätten (Familien); es war das größte Dorf im Mechtildshauser Gerichtsbezirk. Doch Mitte des Dreißigjährigen Krieges lebten, bedingt durch die Kriegswirren, nur noch 46 Einwohner im Dorf.

Die 1718 abgebrochene alte evangelische Pfarrkirche wurde als »Jesushaus« unter der Leitung von Baumeister Johann Jakob Bager dem Älteren neu aufgebaut und 1721 feierlich geweiht. Sie besteht heute noch. Bemerkenswert im Innern ist das großformatige Ölgemälde, das mächtige Altarkreuz, die Kanzel mit Pinienzapfen sowie der von Johann Daniel Schnoor errichtete reich verzierte Epitaph für die Familie Lersner vom Nordenstadter Junkernhof. Die Orgel aus dem Jahre 1886 ist ein Werk der Romantik und stammt vom Igstadter Orgelbauer Heinrich Voigt. Den 1734 durch Blitzschlag zerstörten Kirchturm baute man 1738 auf den alten Fundamenten wieder auf.

Im Rahmen des Reichsdeputationshauptschlusses erhielt 1803 Fürst Karl Wilhelm zu Nassau-Usingen als Entschädigung das Ländchen und somit auch Nordenstadt. Doch das 1806 neugegründete Herzogtum wird bereits 1866 von den Preußen annektiert und Nordenstadt damit »preußisch«, dann in weiteren Verwaltungsreformen »hessisch« und später dem Landkreis Wiesbaden zugeordnet. 1928 nach Auflösung des Landkreises wurde Nordenstadt verwaltungsmäßig dem »Main-Taunus-Kreis« zugeschlagen.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts hielt die Technik ihren Einzug in Nordenstadt: 1892 erste offizielle Verkehrsverbindung mittels »Ländchen-Pferde-Omnibus« für die Strecke Wallau – Nordenstadt – Erbenheim; 1896 Errichtung einer Post-Agentur; 1903 Anschluss an das Wallauer Telefonnetz; 1909/10 Ausbau des örtlichen Wassergewinnungs- und Wasserleitungsnetzes. 1911/12 erhielt Nordenstadt endlich elektrischen Strom. Im Zweiten Weltkrieg wurde Nordenstadt von Zerstörungen weitgehend verschont, doch die Gemeinde betrauerte 29 Kriegsopfer. 1946 fanden ca. 400 Heimatvertriebene aus den früheren deutschen Ostgebieten in Nordenstadt eine neue Bleibe. 1963 erhielt Nordenstadt einen Anschluss an den Rhein-Main-Schnellweg, eine autobahnähnliche Straßenverbindung zwischen Wiesbaden und Frankfurt. Erst 1989 entstand allerdings der »Nordenstadter Knoten«, eine Zu- und Abfahrt der A 66.

1965 erfolgte die Weihung der neu erbauten katholischen Christ-König-Kirche (Architekt Paul Johannbroer) im Nordteil des Dorfes, denn seit 1946 standen der katholischen Bevölkerung nur Notkirchen zur Verfügung. 1975/76 folgten der Beginn bzw. die Fertigstellung von kommunalen Baumaßnahmen wie Grundschule, der Mehrzweckhalle »Taunushalle« sowie von Sportstätten. Nordenstadt wurde an das ESWE-Autobusnetz der Stadt Wiesbaden angeschlossen und 1977 erfolgte die Eingemeindung in die Landeshauptstadt Wiesbaden. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten stieg die Bevölkerungszahl des Ortes sprunghaft an. Sie beträgt heute rund 8.000 Einwohner. Der früher markante Streuobstwiesen-Kranz musste stattlichen Wohnsiedlungen weichen. Viele kommunale Einrichtungen fördern das immer noch weitgehend dörfliche Zusammenleben. Dieses ist in einem Vereinsring eingebunden, der 23 Ortsvereine umfasst. Die »Historische Werkstatt Nordenstadt – Verein für Heimatgeschichte« unterhält in der Turmstraße in einem Fachwerkhaus von 1667 ein sehens- und liebenswertes Heimatmuseum, das in seinen Präsentationen Geschichte, Kultur und Alltag des früheren Dorflebens zeigt. Im Obergeschoss befindet sich das Standesamt.

Zur Erinnerung an die Deportation der Nordenstadter Juden in Konzentrationslager im Jahr 1943 und auch zur steten Mahnung befinden sich vor dem alten Rathaus in der Stolberger Straße 15 Edelstahl-Stelen mit den Namen der ehemaligen jüdischen Mitbürger. Darüber hinaus wurden ab 2008 in mehreren Straßen sogenannte Stolpersteine zur Erinnerung an die hier wohnenden jüdischen Familien eingelassen.

Das Nordenstadter Wappen von 1972 zeigt in Silber zwischen zwei roten Zahnrädern einen breiten roten Schräglinksbalken, belegt mit einem aufgeschlagenen silbernen Buch.

Literatur

Bethke, Gerd: Main-Taunus-Land, Hofheim 1996.

Gehring, Andreas (Red.) u. a.: Nordenstadter Einblicke I, Wiesbaden 1988.

Henche, Albert: Der ehemalige Landkreis Wiesbaden, Wiesbaden 1930.

Kurz, Ekkehard: Nordenstadter Chronik, Wiesbaden-Nordenstadt 2001.

Kurz, Ekkehard: Heute ist morgen schon gestern, Wiesbaden 2011.