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Wirtschaft

Interview Dr. Oliver Franz zum Innenstadt-Gipfel

Dr. Oliver Franz, der Bürgermeister und Wirtschaftsdezernent der Landeshauptstadt Wiesbaden, äußert sich im Interview zum Innenstadt-Gipfel am 1. und 2. Juli im RMCC zur Idee hinter der Veranstaltung.

Frage: Noch vor der Sommerpause veranstalten Sie am 1. + 2.Juli einen Innenstadt-Gipfel #RevivalCity im RheinMain CongressCenter. Was ist die Idee hinter der Veranstaltung?

Dr. Oliver Franz (OF): Die Innenstädte werden die Brennpunkte sein, wo die Folgen der Pandemie für alle spürbar werden. Hier drohen Leerstand und Jobverlust, wenn wir zu wenig unternehmen. Die nächste Pandemiewelle wird eine ökonomische sein. Wiesbaden ist eine europäische Stadt, in der das Herz der Stadtgesellschaft im Zentrum schlägt. Da  müssen wir einem Infarkt vorbeugen. Die Krise zeichnet sich schon länger ab. Sie ist auch das Ergebnis des Erfolges des Konzeptes City. Mit dem Erfolg stiegen die Kosten der zentralen Lage. Das zwang zu Optimierung und Effizienzsteigerung und hatte den Nebeneffekt, dass sich erfolgreiche Konzepte immer ähnlicher wurden und die von allen beklagten Monokulturen entstanden sind. Jetzt brauchen wir zur Re:Vitalisierung einen Re:Mix. Mangelnde Vielfalt macht krisenanfälliger. Das sehen wir jetzt auch in den Innenstädten. Dieses Problem haben alle erfolgreichen Innenstädte und deshalb macht es Sinn, eine bundesweite Konferenz zu organisieren, um Klarheit über mögliche Lösungsansätze zu gewinnen.

Frage: Wen erwarten Sie bei der Konferenz. Wer ist die Zielgruppe, die Sie im Auge haben?

OF: Letztlich geht das Thema alle an, denen die Lebensqualität ihrer Stadt wichtig ist, sei es aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen der persönlichen Work-Life-Balance. Es sind unser aller Gewohnheiten, die darüber mitentscheiden, wie es in einer Stadt zugeht. Die Digitalisierung ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Natürlich ist es bequem, sich alles nach Hause liefern zu lassen. Da wirkt die Digitalisierung zentrifugal, sie dezentralisiert alle Aktivitäten von der Arbeit bis zum Einkauf und in die Stadt muss keiner mehr, um einkaufen zu können. Beschaffung und Erlebnis gehen wie eine Schere auseinander. Zugleich brauchen wir die Innenstädte, weil sie die Bühnen unseres Lebens sind. Wir suchen Produkte, Kleidung, Schmuck, Design, mit denen wir uns anderen gegenüber positionieren wollen, sie sind Orte, sich zu zeigen, Rollen auszuprobieren und anderen zu begegnen. In die Innenstädte drängen die Bewohner der Schlafstädte, weil sie unter der Einsamkeit und Isolation leiden. Innenstädte sind Orte für Träume und Fantasien, des Wissenserwerbs und der Bildung, der kulturellen Identitätsfindung und Darstellung. Dafür braucht es Geschäfte und Plätze, aber auch kulturelle Einrichtungen. Die Konferenz richtet sich an alle, die professionell in der Innenstadt unterwegs sind: Die Händler und Dienstleister, die Architekten und Stadtplaner, die Kulturakteure und Designer, die Projektentwickler und die Immobilienwirtschaft, die Kommunalverwaltungen. Die Konferenz soll ein großer runder Tisch sein und viele Perspektiven auf das Thema einbringen.

Frage: Wie unterscheidet sich die Konferenz #RevivalCity von der Taskforce Innenstadt?

OF: Die Taskforce hat sich ursprünglich mit Sauberkeit und Sicherheit auseinandergesetzt und ist zu einem Ort geworden, wo konkrete Hilfsmaßnahmen für die Wiesbadener Innenstadt besprochen wurden. Es laufen ja auch schon die ersten Förderprogramme an, die Gelder vom Land Hessen bereitstellen, um konkret zu helfen. 

Der Innenstadt-Gipfel bringt Akteure mit anerkannten Experten zusammen, um von praktischen Beispielen aus anderen Städten zu lernen und ein wenig auch gegen den Tunnelblick zu arbeiten, der den Blick zu sehr verengt und vor lauter Problemen vielleicht naheliegende Lösungen zu wenig wahrnimmt. Eines der zentralen Probleme ist die Motivation der Bürger, in die Innenstadt zu gehen. Da müssen wir den Bürgern entgegenkommen. Es reicht eben leider nicht, die Angebote zu optimieren, sondern wir müssen die Nachfrage nach dem Innenstadt-Erlebnis fördern, indem die Aufenthaltsqualitäten verbessert werden. Natürlich ist es sinnvoll, wenn Händler auch ihre Homepage verbessern. Aber sie suchen doch in der Innenstadt ihre Kunden und nicht im Internet. Sonst wären sie doch gar nicht da wo sie sind. Also gibt es einiges zu besprechen und zu erfahren, was die Trendscouts dazu sagen, ob und inwieweit Digitalisierung gegen Digitalisierung hilft. 

Frage: Was wünschen Sie sich soll bei dem Innenstadt-Gipfel herauskommen?

OF: Mehr Zuversicht und Selbstbewusstsein! In der Pandemie ist die kommunale Ebene ins Hintertreffen geraten. Dabei lösen wir all die Probleme, über die auf Bundes- und Landesebene nur gesprochen werden kann. Leider galt die mediale Aufmerksamkeit in der Pandemie fast ausschließlich der Bundesregierung und den Ministerpräsidenten. Aber letztlich geht nichts ohne die kommunale Ebene. Wir haben die Kenntnis vor Ort, wir haben die Ämter und Mitarbeiter und kennen die Akteure, die man gewinnen muss. Die Konferenz soll die kommunale Ebene stärken durch den Erfahrungsaustausch, die berühmten 'best practices', wie sich schnell und in Eigeninitiative Probleme angehen lassen. Meine Lehre aus der Pandemie sind drei Punkte: Wir müssen die Geschwindigkeit unserer Lösungsansätze erhöhen, wir brauchen mehr Kooperation und weniger Konkurrenz und wir müssen unsere eigenen Ressourcen besser erkennen und erschließen, indem wir Stärken stärker machen.

Und dazu gehört unsere Gastgeberrolle, die wir in Wiesbaden kultivieren. Wir haben hervorragende Fazilitäten für Kongresse und Messen, wir haben Allianzen der Hotellerie und Gastronomie. Wir haben ein nagelneues RheinMain CongressCenter mitten in der Innenstadt. Mit diesen Pfunden sollten wir in der Krise punkten und sehen, welche Synergien wir mit den anderen Stadtakteuren mobilisieren können, um die hohe Lebensqualität durch die Krise zu bringen und vielleicht noch zu steigern. Krisen bringen auch Akteure zusammen, die bisher meinten, nichts miteinander anfangen zu können. Das lässt sich jetzt ändern und eröffnet neue Horizonte.