Angriffsziel Pride - Queerfeindlichkeit als rechtsextreme Brückenideologie
27.05.2026, 19:30 Uhr
Queerfeindlichkeit hat sich in den letzten Jahren zu einem zentralen Mobilisierungsthema der extremen Rechten entwickelt. Von Russland über Ungarn bis in die USA mobilisieren autoritäre und rechtsextreme Akteur*innen gegen „Gender“, Transrechte und queere Sichtbarkeit.
Queerfeindlichkeit funktioniert als Brückenideologie. Sie ermöglicht es extrem rechten Strömungen ihre jeweiligen Weltbilder mit einem gemeinsamen Feindbild zu verbinden. Dabei reicht die politische Mobilisierung weit in die gesellschaftliche Mitte hinein: Trans- und Queerfeindlichkeit sind tief in der Gesellschaft verankert. Gewalttätige Angriffe auf CSDs gehen häufig von einem jungen, aktionsorientierten Neonazi-Spektrum aus. Die ideologischen Brandbeschleuniger dazu liefern christlich-fundamentalistische Akteure, die eine angeblich gottgewollte Geschlechterordnung verteidigen, völkisch-nationalistische Rechtsextreme, die die Familie als „Reproduktionsort der Nation“ propagieren, und rechtslibertäre, verschwörungsideologische Milieus, die queere Sichtbarkeit als Ausdruck eines angeblich übergriffigen Staates darstellen. Im parteipolitischen Raum werden solche Narrative auch durch Akteur*innen der AfD aufgegriffen und verbreitet.
CSDs stehen für die Vielfalt in einer offenen Gesellschaft - deshalb werden sie angegriffen: Von der Abschaffung des §175 bis zur Ehe für alle: In der Gleichberechtigung wurden viele rechtliche Fortschritte erreicht. Doch Sichtbarkeit und gesellschaftliche Anerkennung queerer Menschen bleiben weiter umkämpft. Der Philosoph Theodor W. Adorno sagte, eine freie Gesellschaft sei eine, „in der man ohne Angst verschieden sein kann“. CSDs sind mehr als Feiern der Vielfalt: Sie sind Orte demokratischer Selbstvergewisserung.
An der Frage, wie eine Gesellschaft mit queerem Leben und dem Aufbrechen starrer Geschlechterrollen umgeht, zeigt sich, wie offen und liberal die Gesellschaft ist. Deswegen ist die Verteidigung dieser Offenheit nicht nur eine Aufgabe der queeren Community – sondern muss ein Anliegen aller Demokrat*innen sein.
Wir fragen Ronja Pohl, Mitautorin des Sicherheitsreports der Amadeu Antonio Stiftung zu rechtsextremen Angriffen auf CSDs: Wie stark werden die CDSs tatsächlich bedroht? Welche Akteur:innen mobilisieren mit welchen Zielen gegen Pride-Veranstaltungen? Welche Gegenstrategien haben sich bewährt bzw. werden noch benötigt? Außerdem diskutieren wir mit einer Vertreterin vom Queeren Zentrum Wiesbaden: Wie äußert sich die zunehmende queerfeindliche Mobilisierung in Hessen? Welche Erfahrungen macht das Queere Zentrum in seiner Beratungsarbeit? Warum sind CSDs heute unbedingt weiterhin wichtig?
Ronja Pohl studierte Internationale Beziehungen (M.A.) und ist als Fachreferentin für Bedrohungsmanagement im Kompetenzzentrum Rechtsextremismus und Demokratieschutz der Amadeu Antonio Stiftung tätig. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Analyse rechtsextremer Angriffe auf die demokratische Zivilgesellschaft, Online-Mobilisierung und Queerfeindlichkeit.
Eintritt kostenfrei, Spenden erbeten.
Bildcopyright: Moment mal! e.V.
Hinweise
Christopher Street Days (CSDs) stehen für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung queerer Menschen, werden aber zunehmend Ziel rechtsextremer Angriffe: Mindestens 110 von 245 CSDs in Deutschland waren 2023 betroffen.