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Stadtlexikon Wiesbaden

Igstadt

Igstadt, ein Bauerndorf, entwickelte sich von seiner ersten urkundlichen Erwähnung im 13. Jahrhundert zu einem beliebten Vorort Wiesbadens, der 1928 eingemeindet wurde.

Details

Die Anfänge des Dorfes Igstadt dürften bis in die urkundenlose Zeit der fränkischen Landnahme im 6. und 7. Jahrhundert zurückreichen. Der Ortsname leitet sich vermutlich von einem fränkischen Grundherrn „Igo“ oder ähnlichen Namens ab. Ein burgähnliches, befestigtes Gehöft auf der Anhöhe über dem Wäschbachtal, an einer Fernstraße gelegen, könnte den Kern für weitere Ansiedlungen und schließlich für die Dorfentstehung gebildet haben. Im Jahr 1947 wurde bei einem Scheunenbau ein Gräberfeld mit wenigstens zwölf Bestattungen angeschnitten, das aufgrund seiner Lage und der wenigen sichergestellten Grabbeigaben in die vorchristliche Zeit zu datieren ist. Die damals und bis heute nicht erfolgte archäologische Untersuchung dieser Gräber könnte sicher zur genaueren Datierung der frühen Ortsgeschichte beitragen.
Igstadt im Panorama.
Igstadt im Panorama.© Dr. Hartmut Essig

Bei den ersten beiden derzeit bekannten urkundlichen Ortsnennungen in den Jahren 1241 und 1251 geht es nicht um Igstadt selbst, vielmehr werden Igstadter, darunter der Dorfpfarrer Arnoldus und der Schultheiß, als Zeugen für Rechtsgeschäfte in Nachbargemeinden genannt. Für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts liegen schon mehr als zwanzig Urkunden vor, in denen vor allem das Mainzer Altmünster-Kloster in Erscheinung tritt. Ebenfalls schon im 13. Jahrhundert werden das Mainzer Domkapitel und das St.-Peter-Stift zu Mainz mit kleinerem Grundbesitz in Igstadt genannt. Diese Urkunden, vor allem aber das Vorhandensein eines Dorfpfarrers und damit einer Kirche sowie eines Schultheißen belegen, dass das Dorfleben zu dieser Zeit schon in vollem Gange war, also die Dorfentstehung wesentlich früher anzusetzen ist.

Größter Grundherr und zugleich Ortsherr, dem die Vogteirechte und die Kollatur (Einsetzung der Geistlichen) zustanden, war das Altmünster-Kloster mit ursprünglich über 400 Morgen eigenen Landes. Wie dieses im 8. Jahrhundert gegründete Mainzer Nonnenkloster zu seinem Igstadter Besitz kam, ist unbekannt. Eine Schenkungsurkunde oder ein vergleichbares anderes Dokument dürfte für immer verloren sein, konnte doch das Kloster selbst in einem Besitzverzeichnis von 1735 nur angeben, dass es in Igstadt „von ohnerfindtlichen Jahren“ einen freien Hof sowie den großen und kleinen Zehnten „in würcklichem besitz“ gehabt habe.

Die ersten überlieferten Besitzverzeichnisse datieren zu Anfang des 14. Jahrhunderts. Einen Hof mit ca. 130 Morgen Land in Igstadt erhielt das Kloster Gnadenthal (bei Camberg) von dem hier und in Nachbargemeinden begüterten Ritter Dehrn im Jahr 1305. Einem Zinsbuch des Klosters aus dem Jahr 1380 sind die Größe der einzelnen recht kleinen Grundstücke und zu ihrer Lokalisierung die Namen der Grundstücksnachbarn zu entnehmen. Zu dieser Zeit gab es demnach noch weiteren adeligen Grundbesitz in Igstadt, der später nicht mehr belegt ist. Beide Klöster bewirtschafteten ihre Güter nicht oder allenfalls für kurze Zeit selbst, sondern verpachteten sie an Igstadter Bauern. Die Erbpachtverträge mit den Vorfahren teilweise heute noch ortsansässiger Familien können vom 14. bis ins 19. Jahrhundert nahezu lückenlos verfolgt werden. Außerdem verfügten weitere Mainzer Klöster und Mainzer Stifte über Grundbesitz und Einkünfte in Igstadt.

Die Nonnen des Altmünster-Klosters übertrugen schon vor der urkundlichen Zeit die Ausübung der weltlichen (Vogtei-)Macht den Grafen von Ziegenhain, die ihrerseits verschiedene Ritter mit der Igstadter Vogtei belehnten. Die meisten frühen, auf Igstadt bezogenen Urkunden aus dem 13. Jahrhundert befassen sich mit Rechtsstreitigkeiten zwischen dem Altmünster-Kloster und den Herren von Bigen als Ortsvögten, die ihre Igstadter Einkünfte, wie damals weithin üblich, als Sicherung für Kreditaufnahmen verpfändeten. Die Eppsteiner Herren besaßen über Igstadt zwar die Oberhoheit durch das Mechthildshäuser Hoch(Blut-)Gericht (Mechthildshäuser Gericht), jedoch hier keine eigene Grundherrschaft. Nach dem Aussterben der Ziegenhainer im Jahr 1454 fiel diese Grafschaft im Erbgang an die Landgrafschaft Hessen, die nun auch die Igstadter Vogtei für sich beanspruchte.

Nach dem Verkauf der später so genannten „Ländchen“-Orte (Ländchen) einschließlich Igstadt durch Gottfried IX. von Eppstein an Hessen im Jahr 1492 und der gut 40 Jahre später folgenden Einführung der Reformation verdrängten die Landgrafen von Hessen-Marburg bzw. Hessen-Kassel das Altmünster-Kloster immer weiter aus seinen hoheitlichen Rechten in Igstadt. Als 1532 der katholische Pfarrer starb, verweigerte der hessische Amtmann von Eppstein die Nachbesetzung durch das Altmünster-Kloster. Ab dieser Zeit übte nur noch dieser Amtmann die Herrschaftsrechte in Igstadt aus; außerdem kassierte er, abgesehen vom Zehnten, alle bisherigen, mit der Ortsherrschaft verbundenen Abgaben an das Kloster. Altmünster konnte weiterhin über seinen Grundbesitz verfügen, verlor aber alle übrigen Rechte im Ort. Selbst die Klage des Klosters vor dem Reichskammergericht in Speyer (1580), die vom Mainzer Erzbischof tatkräftig unterstützt wurde, änderte nichts an den tatsächlichen Machtverhältnissen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts lebten in Igstadt 71 Familien.

Im Dreißigjährigen Krieg erging es Igstadt nicht besser als vielen Nachbargemeinden. Zwischen 1620 und 1634 folgten die Einquartierungen dicht aufeinander, überdies mussten Lebensmittel und Fourage an entferntere Truppenteile geliefert und namhafte Beträge für (zweifelhafte) Schutzbriefe und Schutzwachen sowie für Lieferungen nach Mainz und in den Rheingau aufgebracht werden. Die Dorfbewohner wurden beraubt, gebrandschatzt und ermordet. So ist einem Bericht an den hessischen Landgrafen zu entnehmen, dass plündernde Soldaten der Pfarrersfrau im Beisein ihres Mannes den Kopf abschlugen. Zwischen 1624 und 1634 waren die Kriegskosten in Igstadt auf 15.475 Gulden angestiegen, ganz abgesehen von den erheblichen Flurschäden, die das Militär angerichtet haben dürfte. 1637 hatte Igstadt noch neun „Haußgeseß" und 16 „junge Leut" und 1643 sind in einer Einwohnerliste neben dem Pfarrer, dem Gerichtsschreiber und fünf „Wittiben" noch 13 Bewohner namentlich genannt. Sieben Jahre nach Kriegsende, 1655, waren wieder 28 Höfe bewirtschaftet, aber die Mehrzahl der Hofreiten, nämlich 31, lag immer noch brach. Auch der Altmünsterhof mit der Zehntscheune war abgebrannt und das Altmünster-Kloster verringerte die Kornpacht mit der Auflage an die Pächter, die Gebäude wieder herzurichten. Zwischen 1670 und 1672 konnten das Pfarrhaus und 1677 die kurz zuvor abgebrannte Pfarrscheune neu gebaut werden.

Zwei ortsgeschichtlich wichtige Quellen beginnen in den 80er-Jahren des 17. Jahrhunderts, nämlich die Aufzeichnungen über die Gemeinderechnungen, die nahezu komplett bis zur Eingemeindung Igstadts nach Wiesbaden 1928 vorhanden sind sowie die Protokolle über die Besetzung der Gemeindeämter, die bis ca. 1900 reichen.

In den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts waren auf Anweisung des seit 1651 hessen-darmstädtischen Landesherrn auch im „Ländchen“ neue Lager(Grund-)bücher, Feldmess- und Gewannbücher sowie Zehntregister anzulegen. In Igstadt wurden 60 Hofreiten mit 53 Häusern (einschließlich zwei Schmieden, einem Brauhaus und fünf Keltern) sowie 15 „ledige“ Hofreiten statistisch erfasst. Trotz erheblicher Belastungen im Zusammenhang mit den Truppenbewegungen der vielen Kriege des 18. Jahrhunderts, die hier zwar keine Kämpfe, aber Einquartierungen und drückende Kontributionen mit sich brachten, konnte Igstadt in den Jahren zwischen 1726 und 1728 seine baufällige und zu klein gewordene Kirche durch eine neue ersetzen. Das Mainzer Altmünster-Kloster schenkte dank der ökumenischen Einstellung seiner Äbtissin Maria Fides Peetz seiner ehemaligen, aber lange schon protestantischen Patronatskirche zur Einweihung ein wertvolles barockes Kruzifix, das heute noch über dem Altar steht.

Das Zeitalter der Aufklärung brachte nicht nur eine ökumenische Denkweise, sondern auch die Kameralistik hervor. Schon 1735 hatte der Verwalter des Altmünster-Klosters sein Compendium Bilhildis, dem Wichtiges für die Ortsgeschichte Igstadts zu verdanken ist, verfasst. In den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts war es auch in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt Mode geworden, umfangreiche Statistiken für "Seelen- und Viehtabellen" zu erstellen. Den Tabellen aus dem Jahr 1775 ist für Igstadt zu entnehmen, dass 350 Einwohner in 87 Haushalten lebten, darunter fünf ledige Personen mit eigenem Haushalt, fünf Wittmänner und 16 Wittweiber. Die Söhne und Töchter waren in fünf Altersgruppen zwischen bis zu fünf und bis zu 30 Jahren eingeteilt. Selbst vier Ledige bei den Eltern wurden ermittelt, aber nur vier Knechte und neun Mägde. Es gab 76 Hofreiten, ein Pfarr-, Rat-, Schul-, Hirten- und Backhaus, zwei Pforten, 1812 Morgen Ackerland, 76 Morgen Weingärten, 187 Morgen Wiesen, 240 Morgen Wald, 125 Morgen Buschwerk, 25 Pferde, 31 Ochsen, 130 Kühe, 19 Rinder, 373 Schafe und 180 Schweine. Ebenfalls dem Zeitgeist geschuldet ist die Aufhebung des Altmünster-Klosters, dessen Vermögen der Mainzer Fürstbischof Friedrich von Erthal der Not leidenden Mainzer Universität zukommen lassen wollte. Der Igstadter Besitz des Klosters ging allerdings im Wesentlichen in die landesherrlichen Domänen, zunächst der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, später des Herzogtums Nassau über.

Die Zeit zwischen 1792 und 1814 war für Igstadt und die Nachbargemeinden nochmals von schweren Kriegslasten als Folge der Kämpfe um die Festung Mainz in den Revolutionskriegen überschattet. Im Gesamtzeitraum von 1792 bis 1806 waren für Igstadt Kriegslasten in Höhe von über 26.000 Gulden aufgelaufen. Besonders schlimm war die Zeit, als die geschlagene französische Armee im Spätjahr 1813 plündernd in das damals französische Mainz zurück strömte, gefolgt von preußischen und anderen deutschen Verbänden, die auch im Rhein-Main-Gebiet zum Angriff auf Frankreich in der Silvesternacht 1813/1814 Aufstellung nahmen. Wegen der ganz massiven Einquartierungen von teilweise 950 Mann mit rund 1000 Pferden beliefen sich die Kriegslasten für Igstadt in dieser kurzen Zeit sogar auf über 47.000 Gulden.

Das 19. Jahrhundert brachte in Igstadt wie in ganz Nassau tief greifende Änderungen der alten Agrarstrukturen. Überfällig war die Abschaffung aller „mittelalterlichen“ Abgaben wie Fastnachtshühner, Weidhämmel, Jagdthaler, Schützenkorn und dergleichen mehr, aber auch die Aufhebung der Grundlasten und des Zehnten; sie wurden abgelöst durch ein neues (modernes) Steuersystem mit Grundsteuern, Gewerbe- und Einkommensteuern.

Wichtig für die landwirtschaftliche Ertragssteigerung waren neue Techniken der Bodenbewirtschaftung und eine große Flurbereinigung (so genannte Konsolidation). Igstadt wuchs von rund 480 Einwohnern im Jahr 1817 auf rund 750 Einwohner am Ende des 19. Jahrhunderts. Schon Mitte des Jahrhunderts hatte die Gemeinde eine große Ortserweiterung mit rund 50 Bauplätzen auf rund 25.000 Quadratmetern Fläche geplant, die allerdings nicht realisiert wurde. Das Dorf erhielt eine neue Schule (1821), einen größeren Friedhof am Ortsrand (1857), vor allem aber den Anschluss an die Bahnstrecke von Wiesbaden nach Niedernhausen (1879).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Igstadt noch ein Bauerndorf mit rund 760 Einwohnern im Umland der Weltkurstadt Wiesbaden. Elektrisches Licht gab es ebenso wenig wie eine Abwasser-Kanalisation, das Trinkwasser wurde aus Brunnen geschöpft und die Straßen waren geschottert. Am Ende des Jahrhunderts zählte Igstadt, längst zum Stadtteil von Wiesbaden mit moderner Infrastruktur geworden, rund 2100 Einwohner, aber nur noch sechs landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe. Schon zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg hat sich in Igstadt einiges bewegt. Nachdem 1901 der schadhafte Kirchturm erneuert worden war, folgten 1904 die Innenrenovierung des Kirchenschiffes und der Bau einer neuen Orgel. Im Jahr 1910 konnte die Gemeinde ihre erste eigene Wasserversorgungsanlage in Betrieb nehmen. Am Wickerbachtal westlich der Kreisstraße Igstadt-Medenbach wurde das Wasserwerk und am Ortsrand, im Distrikt "Vorm Graben", der 27 Meter hohe Wasserturm errichtet. Schon im folgenden Jahr kam die Stromversorgung durch eine Zehn-Kilovolt-Freileitung und eine Transformatorenstation an der Breckenheimer Straße. Mit dem Ausbau des Ortsnetzes und der Einrichtung einer Straßenbeleuchtung wurde begonnen. Und ein Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhielten die Igstadter noch ein neues, heute hübsch und etwas nostalgisch anzuschauendes Bahnhofsgebäude.

Der Erste Weltkrieg forderte auch in Igstadt Opfer; von den Kriegsteilnehmern aus dem Ort kehrten 38 Männer nicht mehr in die Heimat zurück. Ein Gedenkstein vor der Friedhofspforte trägt ihre Namen. Nach Kriegsende war nicht nur die Stadt Wiesbaden von fremden Truppen besetzt, in Igstadt gab es ebenfalls Einquartierungen, zuerst französische (bis Mitte September 1919), dann britische (auch Schotten). Im April 1924 wurde als Reaktion auf den allgemeinen Wohnungsmangel der Verein „Siedlervereinigung Eigenes Heim Igstadt b. Wiesbaden e.V." gegründet. Er unterstützte seine Mitglieder, 19 Bauwillige, in allen Phasen des Hausbaus, vom Grundstückskauf über die Planungsausführung bis zur Finanzierung. So entstanden in den folgenden Jahren an der damaligen Friedrich-Ebert-Straße, vorher Schafsweide am Wäschbach und heute Florian-Geyer-Straße, 16 Doppelhaushälften und drei Einzelhäuser. Als besonderes Ereignis des Jahres 1927 verzeichnet die Ortschronik den Kauf und die Weihe neuer Kirchenglocken. Im Jahr 1928 wurde Igstadt zusammen mit den Nachbargemeinden Erbenheim, Bierstadt und Kloppenheim aufgrund eines Reichsgesetzes nach Wiesbaden eingemeindet. Dafür mussten die Igstadter allerdings kämpfen, sah der Gesetzesentwurf doch die Einbeziehung Igstadts in den neuen Main-Taunus-Kreis vor. Nicht nur die engen wirtschaftlichen Verbindungen mit Wiesbaden, angefangen von den Arbeitsplätzen bis hin zu Fragen der Straßenbau- und -unterhaltungslasten, sondern die starke Orientierung fast sämtlicher Lebensbereiche dorthin veranlassten die Bürgerschaft zu Protestversammlungen und -resolutionen. Letztlich gelang es Bürgermeister Müller und Lehrer Schimmel durch Gespräche mit Abgeordneten in Berlin “in letzter Minute”, d.h. kurz vor der zweiten Lesung des Gesetzes, die Eingemeindung nach Wiesbaden (Eingemeindungen) zu erreichen

Die Zugehörigkeit zur Großstadt brachte manchen Vorteil, z.B. den Anschluss an die städtische Gasversorgung und den Ersatz der Pflichtfeuerwehr durch eine Freiwillige Feuerwehr. Eine Busverbindung nach Wiesbaden bestand schon seit 1927. Im Jahr 1929 erhielt Igstadt seinen ersten Sportplatz, und der letzte Wingert (Weinberg) wurde gerodet. Der erste Kindergarten wurde 1934 im Obergeschoss des Rathauses eingerichtet. In den 1930er-Jahren hatte Igstadt noch 44 Milch produzierende landwirtschaftliche Betriebe. Der aufkommende Nationalsozialismus fand, wie in den Nachbardörfern, so auch in Igstadt schon früh Anhänger. Im Jahr 1927 versammelten sich erste Nationalsozialisten in einem Igstadter Wirtshaus, 1930 bildete sich eine Zelle der NSDAP, die sich bis 1938 zu einer Ortsgruppe entwickelt hatte. Mehrere jüdische Familien in Igstadt mussten ihre Häuser verkaufen und den Ort verlassen. Da die Zeit von Anfang der 1930er-Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ortsgeschichtlich derzeit noch nicht genügend aufgearbeitet ist, muss eine tiefer greifende Darstellung einer späteren Veröffentlichung vorbehalten bleiben. Von dem Bombenangriff auf Wiesbaden in der Nacht vom 2. auf 3. Februar 1945 war auch Igstadt betroffen; ein Wohnhaus mit Gaststätte sowie mehrere Scheunen wurden zerstört. Während des Krieges kamen 88 Igstadter ums Leben.

Die unmittelbare Nachkriegszeit brachte auch für Igstadt beengte Wohnverhältnisse sowie Einschränkungen und Knappheiten aller Art. Aber in den 1950er-Jahren war wie andernorts eine neue Entwicklung spürbar. Die Bevölkerungszahl, die kurz vor dem Krieg noch mit 1092 Personen angegeben worden war, hatte sich bis 1950 auf 1477 und bis 1965 auf 1642 Einwohner erhöht - nicht zuletzt durch den Zuzug von Heimatvertriebenen. Auch der in Königsberg geborene Bildhauer Horst Panknin fand mit seiner Familie 1960 in Igstadt eine neue Heimat.

Der Straßenverkehr nahm so sehr zu, dass das alte Rathaus im Jahr 1957 wegen Verkehrsbehinderung abgerissen werden musste, da Busse und LKWs Schwierigkeiten hatten, Igstadt zu passieren. Schon 1954 war das neue Schulgebäude bezogen worden; 1958 stand ein neues Feuerwehrhaus an der Stelle des alten, zu klein gewordenen. Das Vereinsleben blühte mit Neu- und Wiedergründungen auf, nicht zu vergessen die Igstadter Kerb, die wiederum ausführlich gefeiert wurde. Handel und Gewerbe florierten in Igstadt, wobei vor allem der Einzelhandel und das Gastgewerbe mit kleinen Unternehmen vertreten waren, die heute nahezu vollständig verschwunden sind. Neben acht Gasthäusern gab es nicht weniger als sechs (meist kleine) Lebensmittel- bzw. Gemischtwarengeschäfte (sog. Kolonialwarenläden), zwei Bäcker und drei Metzger.

Schon Ende der 1950er-Jahre begann die Erschließung neuer Baugebiete. Nicht nur an den Ortsrändern setzte Igstadt zu (und das im Vergleich mit Nachbarorten und zur Freude der Einheimischen in moderater Weise), sondern vor allem im Ortskern tat sich Erfreuliches: Seit 1984 betrieb der Ortsbeirat die Sanierung des Ortskerns, der 1988 unter Denkmalschutz gestellt und im folgenden Jahrzehnt gründlich erneuert wurde, sowohl durch die Herrichtung alter, halb verfallener Bauernhäuser als auch durch Bauverdichtung in den landwirtschaftlich nicht mehr genutzten Hofreiten. Der Ortsbeirat war seit 1949 so zusammengesetzt, dass die SPD neun Mal, die CDU drei Mal und die FDP ein Mal den Ortsvorsteher stellten. An der Wiesbadener Stadtpolitik waren 15 Stadtverordnete bzw. Stadträte aus Igstadt beteiligt. Heute wird die fruchtbare Igstadter Gemarkung von nur noch wenigen Vollerwerbslandwirten bewirtschaftet. Im Jahr 2009 registrierte die Statistik 177 angemeldete Gewerbebetriebe am Ort, überwiegend kleine Unternehmen, auch aus den “modernen” Dienstleistungsbereichen. Die meisten Einwohner fanden ihren Arbeitsplatz in Wiesbaden und dem übrigen Rhein-Main-Gebiet. Gemessen an den Wiesbadener Durchschnittswerten ist hier die Arbeitslosenquote nur halb so hoch, die Altenquote niedriger und die Kinderquote höher. Igstadt ist und bleibt ein beliebter und begehrter Wohnort auf luftiger Höhe im Osten der Landeshauptstadt Wiesbaden.

Literatur


Die evangelische Kirche in Igstadt. Dr. Hartmut Essig
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