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Feuerwehr Wiesbaden

Der Brandverlauf im Detail

Hier findet man alle wichtigen und detailierten Informationen zum Großeinsatz im Januar und Februar 1971.

Die Firma Linde Hausgeräte GmbH lag in einem gemischten Wohn- und Industriegebiet unmittelbar am Floßhafen (einem Seitenarm des Mains) und befasste sich mit der Herstellung von Kühlmöbeln. 

Bei dem eigentlichen Brandobjekt handelt es sich um einen Komplex von rd. 20.000 m² Grundfläche, bestehend aus einem ein bzw. zweigeschossigen Hallentrakt B 1 und einem sechsgeschossigen Lagergebäude B 7. Die Gebäude wurden für die Endmontage, Fertigstellung, Verpackung und Lagerung sowie Versand genutzt. Der gesamte Baukörper war in Stahlbetonskelettbauart erstellt. Funktionsfähige Brandabschnitte waren nicht vorhanden. Ein besonderer Gefahrenpunkt war der im Zentrum der Halle B 1 gelegene Gasraum, in dem 30 Acetylen-, 37 Sauerstoff-, Formiergas (H2N2) und 20 Stickstoff-Flaschen lagerten. Hinzu kam, dass über die verschiedenen Produktionsanlagen im Bau B 1 acht Sauerstoff-, acht Azetylen-, 19 Stickstoff- und drei Formiergasflaschen verteilt waren.

Die für den ersten Abmarsch alarmierten Kräfte (18 Mann der Berufsfeuerwehr Wiesbaden, haupt-sächlich von der Feuerwache West ("Feuerwache 1") sowie elf Mann der Freiwilligen Feuerwehr Mainz-Kostheim) stellten fest, dass der gesamte Komplex weitgehend verqualmt war. Die Erkun-dung unter schwerem Atemschutz gestaltete sich aufgrund der erheblichen Verqualmung (Sicht-weite unter einem Meter) und der Großräumigkeit des Gebäudes sehr schwierig. Teilweise gingen die Trupps unter schwerem Atemschutz bis zu drei Fangleinenlängen in das Gebäude vor. Nach annähernd einstündiger Erkundung wurde der Brandherd in der Mitte des Gebäudes B 1 entdeckt.

Das zwar noch auf einen bestimmten Bereich begrenzte Feuer hatte aber durch eine lange Vor-brenndauer und nur geringe Wärmewegführung einen erheblichen Intensitätsgrad erreicht. Die an-fänglich im Innenangriff eingesetzten Rohre mussten zurückgenommen werden, da eine im Be-reich des Brandherdes vorhandene Holzbohlenzwischendecke zusammenbrach und den Brand derart anfachte, dass er auf weitere, durch Hitze und Brandgase aufbereitete Hallenteile über-sprang. Zudem zerknallten jetzt auch die ersten Gasflaschen und bildeten damit eine weitere Ge-fahrenquelle.

Mit der immer stärker werdenden Intensivierung des Brandes wurde die Alarmstufe erhöht. Damit wurden bereits in der ersten Stunde des Einsatzes (zwischen 22.30 und 23.30 Uhr) alle damals 13 Freiwilligen Feuerwehren der Stadt an die Brandstelle beordert. Die Alarmierung erfolgte durch Si-rene. Auch Wehren, wie die FF Kastel, bei der die Alarmierung fehlschlug, wurden aufmerksam und ordneten sich dem Einsatz zu. Auch die dienstfreien Beamten der Berufsfeuerwehr wurden zum Dienst einbestellt. Zur Hilfe eilte auch die Berufsfeuerwehr der Stadt Mainz.

Weitere Feuerwehren, auch aus dem Umland, wurden an die Einsatzstelle gerufen. Außerdem waren Einsatzkräfte der Werkfeuerwehr Opel Rüsselsheim sowie aus dem Main-Taunus-Kreis und dem Kreis Groß-Gerau im Einsatz. Alle diese Einsatzkräfte wurden im Außenangriff einge-setzt. Zu einem gezielten Innenangriff kam es nur im Lagerhaus B 7, da nach Aussagen der Be-triebsleitung hier keine Gasflaschen lagerten, die die Löschkräfte gefährden konnten.

Die Berufsfeuerwehr Mainz erhielt als Einsatzbereich die Westseite, während die Berufsfeuerwehr Wiesbaden die Nord- und Ostseite übernahm. An der Südseite waren neben Kräften der beiden Berufsfeuerwehren vornehmlich Freiwillige Feuerwehren eingesetzt, die auch einen Teil der Was-serförderung über elf TS 8/8 aus dem Floßhafen übernahmen. Insgesamt waren zur Bekämpfung des Brandes 56 Fahrzeuge mit 284 Mann eingesetzt.

Am frühen Morgen des Sonntag, 24. Januar, gegen 5.30 Uhr, war das Feuer soweit unter Kontrolle, dass die BF Mainz und die auswärtigen Freiwilligen Feuerwehren abgezogen werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt drang Technischer Amtmann Kurt Windrich von der Südseite her in das Gebäu-de ein, da er nicht nur die noch vorhandenen Brandnester ablöschen wollte, sondern – was als wahrscheinlicher angenommen werden muss – in der Phase des nunmehr niedergekämpften Brandes die Explosionsgefahr, die vom Gasflaschenlager ausging, durch die Vornahme mehrerer Rohre zur Kühlung derselben endgültig beseitigen wollte.

Zum Zeitpunkt des Einsturzes waren im Bereich der eingestürzten Hallenteile im Erdgeschoss zwei Trupps der BF Wiesbaden und im ersten Obergeschoss zwei Trupps der FF Schierstein im Einsatz.
Gegen 5.55 Uhr stürzte plötzlich ein Teil des an der Südseite befindlichen zweigeschossigen Ge-bäudes auf einer Länge von ca. 50 m und einer Breite von ca. 30 m bis auf die Grundmauern in sich zusammen und begrub drei Beamte der Berufsfeuerwehr Wiesbaden und drei Freiwillige Feu-erwehrmänner unter sich. Sechs weitere Feuerwehrleute wurden bei dem Einsturz verletzt und sofort ins Krankenhaus abtransportiert.

Zwei Feuerwehrleute der BF Wiesbaden und ein Freiwilliger Feuerwehrmann wurden sofort geortet. Ein weiterer Verschütteter konnte sich unmittelbar nach dem Einsturz selbst aus den Trümmern befreien. Für die drei georteten Männer wurde sofort Rettungsmaßnahmen eingeleitet und die Suche nach den zwei weiteren Vermissten aufgenommen. Beim Vordringen zu zwei der Verschütteten mussten von der Seite Höhlungen in den Trümmerberg geschaffen werden, ohne dass das Hangende durch standfesten Ausbau gehalten werden konnte, da weder Zeit noch entsprechendes Material für einen sicheren Ausbau vorhanden waren. Nach gefahrvollem Einsatz konnten zwei Mann lebend gerettet werden.

Für drei Mann kam jede Hilfe zu spät. Sie konnten teilweise erst nach tagelangen Bergungsarbeiten unter Einsatz schweren Gerätes nur noch tot geborgen werden. Dies waren:

Kurt Windrich, Technischer Amtmann, BF Wiesbaden, 53 Jahre, Albert Scheurich, Oberfeuerwehrmann, BF Wiesbaden, 27 Jahre, Karl-Heinz Bremser, Feuerwehrmann, FF Schierstein, 16 Jahre.

Der im Innern des Lagerhauses weiterschwelende Brand konnte nur noch im Außenangriff aus sicherem Abstand mit Wasserkanonen bekämpft werden, da Sachverständige des Bauaufsichts-amtes Einsturzgefahr für das Gebäude feststellten. Obwohl der Brand im Erdgeschoss des Lager-gebäudes erloschen schien, geriet am 26.01. gegen 2:00 Uhr das erste Obergeschoss und in der Folge auch alle weiteren Geschosse in Brand. Daraufhin wurden umfassende Brandschutzmaß-nahmen, die vor allem dem Schutz der Nachbarschaft dienten, erneut und verstärkt eingeleitet.

Da es notwendig war, sich nur außerhalb des Trümmerschattens vom Brandobjekt zu bewegen, kamen für eine wirkungsvolle Brandbekämpfung ausschließlich Geräte mit einer erheblichen Wurfweite in Frage.

Insgesamt waren 12 trag- oder fahrbare Wasserkanonen, zwei Großtanklöschfahrzeuge und eine Gelenkbühne der BF Frankfurt sowie zwei Drehleitern mit jeweils einem Monitor und das Feuer-löschboot der BF Frankfurt mit drei Monitoren im Einsatz. Trotz der ungeheuren Wassermenge (mehr als 30 m³/min), die auf das Brandobjekt geschleudert wurden, konnte der Brandverlauf nur geringfügig beeinflusst, das heißt in den Randzonen eingedämmt werden, da die Wurfweite der Was-serkanonen und Monitore nicht ausreichten.

Im Verlauf des Einsatzes wurden mehrere hundert Rettungskräfte eingesetzt, dabei über 200 gleichzeitig. Am 26. Januar 1971 waren es von der Feuerwehr 230 Mann mit circa 50 Fahrzeugen. Die Anzahl der Rettungsdienstmannschaften kann nicht mehr festgestellt werden, ebenso die Ein-satzkräfte des THW und der Polizei sowie der Baufirmen, die zur Bergung und Räumung der ein-gestürzten Gebäude tätig waren können nur geschätzt werden. 

Der Gesamtschaden wurde auf circa 145 Millionen D-Mark geschätzt.

Folgende Feuerwehren waren am Brandort im Einsatz

  • Wiesbadener Berufsfeuerwehr und Freiwillige Feuerwehren vollständig. Es wurde Generalalarm ausgelöst.
  • Mainz: FF Weisenau, FF Hechtsheim, FF Finthen, FF Mombach, FF Mainz Stadt, FF Gonsenheim, FF Bretzenheim.
  • Landkreis Mainz: FF Budenheim.
  • Landkreis MTK: FF Hochheim, FF Flörsheim.
  • Landkreis GG: Werkfeuerwehr Opel Rüsselsheim, FW Rüsselsheim, FF Gustavsburg, FF Gins-heim, FF Bischofsheim, FF Raunheim.
  • Stadt Frankfurt: Mit Feuerlöschboot, Tanklöschfahrzeugen und Gelenkmast.