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Literaturhaus Villa Clementine

Podcast: Zoë Beck: Die Lieferantin / Brixton Hill / Paradise City

Im Auftrag des Literaturhauses und des Fördervereins Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine hat die Schauspielerin Alexandra Finder Texte der ehemaligen Krimistipendiatin Zoë Beck gelesen, die außerdem in einem Interview mit Alexander Pfeiffer mehr über die Hintergründe von "Paradise City" berichtet.

Deutscher Krimipreis, Radio-Bremen-Krimipreis, Friedrich-Glauser-Preis - sie zählt als Krimiautorin zu den besten im deutschen Sprachraum. Und: 2019 war Zoë Beck die Krimi-Stipendiatin der Landeshauptstadt Wiesbaden. Sie ist darüber hinaus ein literarisch-mediales Multitalent. Sie übersetzt, sie führt Regie bei der Synchronisation von Kino- und Fernsehfilmen. Und sie verlegt - nicht ihre eigenen Werke, sondern die von Autorinnen und Autoren aus anderen Kulturkreisen.

Ihre eigenen Thriller schweben auf gar nicht romantische Weise auf dem Plateau eines quirligen Lebensgefühls und blicken in die dabei unvermeidlichen Abgründe. Sie verfügt über ein sicheres Gefühl dafür, wie sich in ihren Protagonistinnen aktuelle politische Verhältnisse verdichten können. Zoë Beck stattet sie nicht als Heldinnen aus. Das Schicksalhafte wird dosiert eingeführt. Der Leser wird immer wieder beiläufig überrascht.

Die Lieferantin

"Die Lieferantin" spielt in "einer nicht wirklich fernen Zukunft", wie es Zoe Beck ausdrückt. Großbritannien in einem totalitär anmutenden technischen und politischen Setting. Schauplätze sind London und Edinburgh. Einige Frauen haben sich ein Start-up ausgedacht: Drogenlieferung per Darknet und Minidrohne. Dass dies der Schutzgeldmafia nicht gefällt, liegt auf der Hand. Der Kampf zwischen den alten, maskulinen und den neuen femininen "Geschäftsmodellen" wird brutal. Und dabei wird die Verstrickung von höchster Politik bloßgelegt.

Die Hauptfiguren haben alle, jede auf ihre Art, Drogenerfahrungen. Rechtsanwältin Catherine Wiltsmith steht an der Spitze einer Kampagne gegen die Verschärfung der Drogengesetzgebung im UK. Ellie Johnson hat ihren Bruder vor fünf Jahren durch eine Überdosis verloren und Morayo Humphries, genannt Mo, Spezialistin für Drohnen-IT, raucht selbst Heroin.
Es gibt eine Konstante, die Zoë Becks Bücher durchzieht. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre weiblichen Hauptfiguren mit Kompetenz ausstattet. Gefühle, Gedanken, Durchsetzungskraft. Männer sind in diesen Handlungen oft hilfreich und meist auch mehr als nur Stichwortgeber oder Mobiliar, aber ihre Handlungsmuster sind tradiert und erwartbar.

Brixton Hill

Ihr Krimi "Brixton Hill" spielt im Frühjahr 2013 in London. Cameron ist gerade britischer Premierminister, Maggie Thatcher liegt im Sterben. Riots auf den Straßen Londons beherrschen die Öffentlichkeit. Emma Vine - eine aus Sicht ihrer Dynastie missratene Bankierstochter, die sich als Eventmanagerin durchs Leben schlägt - ist im Laufe des Buches mal mordverdächtig, mal selbst tödlich bedroht. Statt ihrer wird es ihren Zwillingsbruder erwischen. Emma, „Em“, nimmt den Kampf auf, ohne zu wissen wogegen.

Turbulent die Handlung, in der sich die Motive um drei Morde in Emma Vines engstem Bekanntenkreis immer weiter verengen. "Brixton Hill" ist temporeich und gibt uns doch, weil der Text mit Klischees sparsam umgeht, immer wieder die Chance, Emma Vine mit all ihren Schwächen liebzugewinnen. Zoë Beck hat einen Krimi geschrieben, der alles hat, was ein guter Krimi braucht: Treibende Handlung, Einbettung in einen politischen Kontext, Empathie mit der Heldin - und am Ende bekommt auch die Gerechtigkeit noch ein Licht gesetzt.

Paradise City

Das jüngste Werk Zoë Becks - Paradise City - entwickelt geradezu prophetische Qualitäten. Der Thriller spielt in Deutschland, auch wenn der Titel "Paradise City" nicht darauf verweist. Die Handlung nimmt uns mit in die Mitte des 21. Jahrhunderts. Die Küsten sind überschwemmt, die großen Pandemien überstanden, weite Teile des Landes sind entvölkert. Berlin — eine Kulisse für Touristen, deutsche Hauptstadt ist Frankfurt. So steht es im Klappentext, der übrigens vor Corona entstanden war. Die Investigativjournalistin Liina bekommt einen Auftrag, dessen Sinn sie nicht versteht. Aber sie führt ihn aus, sie beschafft sich die Informationen in der Uckermark. Dafür schlüpft sie, wenn nötig, auch in die Identität von Wissenschaftlerinnen. Sie gerät in Bedrohung und muss dabei feststellen, dass diese ganz dicht bei Liina selbst, in ihrem Privatleben, angesiedelt ist.

"Paradise City" nimmt uns mit in unsere Fantasien von der Welt, die wir zu erwarten haben, wenn alle drängenden Probleme, Klimawandel, Pandemien, Migration, gelöst zu sein scheinen. Interessant auch: Von Geld ist wenig bis gar nicht die Rede in dieser fulminant entworfenen Fiction-Skizze. Und: Männer spielen da auch mit, aber sie bleiben Randfiguren, das Mobiliar in den konsequent feministisch entworfenen Bühnenbildern.

Text: Armin Conrad

Gelesene Textstellen mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlags.

Der Förderverein Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine e.V. dankt dem Ortsbeirat Nordost für seine Unterstützung.

Interview über "Paradise City"

Der Wiesbadener Journalist und Autor Alexander Pfeiffer spricht im Audio-Interview mit der Autorin über die Entstehung von "Paradise City".

Über Alexandra Finder

Alexandra Finder arbeitet seit 2008 als freischaffende Schauspielerin an Theatern und für Filmproduktionen. Davor war sie festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Wiesbaden unter der Intendanz von Manfred Beilharz. Als Gast spielte sie unter anderem am Deutschen Theater in Berlin und dem Schauspiel Frankfurt. Dabei verbindet sie eine enge Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Jürgen Kruse. Für ihre Hauptrolle in dem Kinofilm "Die Frau des Polizisten", der seine Weltpremiere 2013 auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig hatte, erhielt sie mehrere Preise.