Sprungmarken

Anton-Günther-Straße

Artikel

Im Wiesbadener Stadtteil Bierstadt wurde 1963 die Kleine Wilhelmstraße in Anton-Günther-Straße umbenannt. Der Volksdichter, Sänger und Komponist Anton Günther (1876-1937) wurde bereits 1960 als Namenspate für eine Verkehrsfläche in Bierstadt durch die sudetendeutsche Landsmannschaft dem dortigen Ortsbeirat vorgeschlagen. Die Umbenennung 1963 war eine von mehreren, die aufgrund doppelt vergebener Straßennamen in Bierstadt und Wiesbaden-Mitte erfolgte.


Anton Günther wurde am 5. Juni 1876 in Gottesgab (heute Boži Dar in der Tschechischen Republik) im Erzgebirge als Sohn des Weißwarenstickers und Zeichners Hans Günther geboren. In seinem Geburtsort besuchte Günther zunächst die Volksschule und wechselte 1888 an die Bürgerschule in Joachimstahl (Jachymov). Diese schloss er 1892 ab. Anschließend absolvierte er eine dreijährige Ausbildung zum Lithografen im sächsischen Buchholz. 1895 zog Günther nach Prag und war an der Hoflithographie-Anstalt A. Haase tätig.


Im gleichen Jahr begann er mit dem Verfassen eigener Heimatlieder in Mundart, die er in Prag auf Abendveranstaltungen aufführte. Darunter auch eines seiner bekanntesten Lieder mit dem Titel »Drham isʼ drham« (»Daheim ist daheim«). Aufgrund der großen Aufmerksamkeit, welche dieses Lied auslöste, begann Günther, seine Texte auf selbst gestalteten Postkarten zu drucken und diese im Selbstverlag herauszugeben. Durch diese Liedpostkarten erlangte der Sänger überregionale Bekanntheit.


Nach dem Tod seines Vaters kehrte Anton Günther 1901 in seinen Heimatort zurück und übernahm den landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern. Neben der Arbeit trat Günther weiterhin bei Liederabenden auf und schrieb weitere Lieder. Signifikant für Günthers Liedtexte ist ihr starker Bezug zur Heimat, dem Erzgebirge, weshalb sie nationalistische Elemente aufweisen. Die rund 200 von ihm komponierten Lieder wurden in Mundart verfasst und auf sogenannten Erzgebirgsabenden in ganz Sachsen von ihm vorgetragen. Günthers Texte waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg geprägt von einem starken deutschen Nationalismus.


In einem seiner bekanntesten Lieder »Deitsch on frei wollʼ n mer sei« [»Deutsch und frei wollen wir sein«] aus dem Jahr 1908 heißt es beispielweise: »…dennʼs is ja doch es beste, es allerhochste Gut, onnrer alten deitschen Haamit gilt dr letzte Troppen Blut. Deitsch on frei wollʼn mer sei on do bleibʼ mer ah derbei, weil mer Arzgebirger sei! « (Es ist ja doch das Beste, das allerhöchste Gut. Unserer alten deutschen Heimat gilt der letzte Tropfen Blut. Deutsch und frei wollen wir sein und da bleiben wir auch dabei, weil wir Erzgebirger sind.)
Günthers Heimat gehörte 1914 zu Österreich-Ungarn, weshalb der Volksdichter als österreichischer Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Während des Krieges verfasste Günther Marschlieder wie den »Landstrom-Marsch« und »Hurra! ʼs gieht lus«.
Infolge des Krieges, dem Zerfall der Habsburgermonarchie und der europäischen Nachkriegsordnung von Versailles gelang es der deutschsprachigen Minderheit nicht, „Deutschösterreich“ zu gründen. Die Tschechen besetzten die böhmischen Gebiete und verhinderten so die Teilnahme der bisher staatstragenden deutschsprachigen Gemeinschaft an der österreichischen Staatsgründung. Auch Anton Günthers Heimat wurde Teil der neu gegründeten Tschechoslowakei. Die deutschsprachige Gemeinschaft wurde in der Folge durch Gesetze und Verordnungen diskriminiert, was zu einer Radikalisierung des Verhältnisses zwischen Deutschen und Tschechen führte. Günther kann als literarischer Exponent der »heimattreuen«, deutschnationalen Strömung innerhalb der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei gelten. 1933 gründete sich als Folge der Versagung von Mitbestimmungs- und Selbstverwaltungsrechten der deutschen Gemeinschaft in der Tschechoslowakei eine sudentendeutsche Bewegung unter Konrad Hehnlein.
Gleichwohl wird Günther in der Literatur zumeist als »unpolitischer Künstler« dargestellt, der unter seiner Vereinnahmung durch die »heimattreue« Henlein-Bewegung und die Nationalsozialisten gelitten habe. Tatsächlich trat Anton Günther 1935 auf einer Wahlkampfveranstaltung für Konrad Henlein und seine nationalsozialistische Sudetendeutsche Partei auf.


Nach der Gründung der Tschechoslowakei fand das 1908 entstandene Lied »Deitsch on frei wollʼ n mer sei« besonders großen Anklang im sich verschärfenden Nationalitätenkonflikt.


Das Lied wurde in völkischen Gruppen, in der sudetendeutschen Henlein-Bewegung und von den Nationalsozialisten gleichermaßen verwendet. Insbesondere Stücke, in denen Günther die Heimat thematisiert, entwickelten sich in demonstrativ völkischer und nationalistischer Lesart zu einem aggressiven Bekenntnis.
Spätere Biografien vermuten, dass der Volkslieddichter wegen der Verwendung seiner Werke durch die NS-Bewegung und des so entstehenden Drucks auf ihn Suizid beging. Tatsächlich liegen die Ursachen für Günthers Freitod am 29. April 1937 im Unklaren. Offenbar litt der Sänger unter finanziellen Problemen und depressiven Verstimmungen.


Bis heute haben seine Lieder eine gewisse Popularität behalten. »Deitsch on frei wollʼ n mer sei« ist laut einem Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks bis heute die »heimliche Hymne des Erzgebirges», wurde aber auch von der nationalistischen NPD bei Wahlkampfauftritten genutzt. Im Erzgebirge und im Vogtland wurden zahlreiche Verkehrsflächen nach Günther benannt. Durch die Vertriebenenvertreter wurde die Erinnerung an Günther nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Westdeutschland wachgehalten.


Wegen des Auftritts Günthers auf einer Wahlkampfveranstaltung der Sudetendeutschen Partei 1935 und der damit öffentlichen Artikulation der nationalsozialistischen Ideologie sowie seines Bekenntnisses zu Konrad Henlein empfahl die auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung 2020 berufene Historische Fachkommission zur Überprüfung nach Personen benannter Verkehrsfläche, Gebäude und Einrichtungen der Landeshauptstadt Wiesbaden die Kontextualisierung der Anton-Günther-Straße.

Literatur