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Carl-Bosch-Straße (Biebrich)

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Die Stadtverordnetenversammlung beschloss am 3. Dezember 1964 im Baugebiet östlich des Parkfeldes in Biebrich eine Straße nach dem Chemiker und Nobelpreisträger Carl Bosch (1874-1940) zu benennen. Damit folgte die Stadtverordnetenversammlung dem Vorschlag der Deputation für Straßenbenennungen, die für Verkehrsflächen des Baugebietes in Absprache mit dem Ortsbeirat Biebrich den Chemiker als Namensgeber vorgeschlagen hatte.

Carl Bosch wurde am 27. August 1874 in Köln geboren. Nach dem Abschluss an der dortigen Oberrealschule absolvierte er ein praktisches Jahr in der schlesischen Hüttenindustrie. Anschließend studierte er Hüttenkunde und Maschinenbau an der Technischen Hochschule Charlottenburg (heute Berlin). Ab 1896 studierte Bosch Chemie an der Universität Leipzig und schloss sein Studium 1898 mit der Promotion ab.

Ein Jahr später trat Bosch in die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen ein. 1909 erhielt er den Auftrag, ein von Fritz Haber entwickeltes Verfahren zur Herstellung von Stickstoffdünger für den BASF-Konzern anzuwenden. Für die Entwicklung dieses Verfahrens, welches als Haber-Bosch-Verfahren bezeichnet wurde, wurde Carl Bosch zusammen mit Friedrich Bergius mit dem Chemienobelpreis des Jahres 1931 ausgezeichnet.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges machte Bosch 1914 dem Kriegsministerium das sogenannte Salpeterversprechen. In der Folge wurde die Produktion von Düngemitteln auf Salpeter umgestellt, das zur Herstellung von Sprengstoffen notwendig war. Bosch wurde 1916 ordentliches Vorstandsmitglied der BASF und drei Jahre später zum Vorstandsvorsitzenden ernannt.

Bei den Friedensverhandlungen von Versailles, an denen der Industrielle als Sachverständiger teilnahm, avancierte er zum Verhandlungsführer auf deutscher Seite und verhinderte die Zerschlagung der deutschen chemischen Industrie.

Auf Boschs Betreiben hin schlossen sich 1925 acht Chemieunternehmen zur Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG (I.G. Farben) zusammen, deren Vorstandsvorsitzender Bosch wurde. Der Interessengemeinschaft gehörte auch die Chemische Fabrik Kalle & Co. mit Sitz in Biebrich an.

Die NSDAP zeigte sich Ende der 1920er Jahre aufgeschlossen für die Forschungen der I.G. Farben. Bosch bewilligte eine Spende von 400.000 RM in den Wahlkampffonds der NSDAP und der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

Nach der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten 1933 und langen Verhandlungen unterzeichneten die I.G. Farben und das Deutsche Reich den sogenannten Benzin-Vertrag. Bosch führte seine Tätigkeit als Chemieindustriefunktionär auch unter den Vorzeichen des jungen »Dritten Reiches« fort. So war er Mitglied des kurzlebigen Generalrates der Deutschen Wirtschaft 1933. Zudem wurde Bosch Mitglied des Senats des Reichsstandes der Deutschen Industrie und Vorsitzender der Fachgruppe Chemische Industrie in der Wirtschaftsgruppe Chemie.

Bei einem ersten Treffen zwischen Hitler und Bosch im Mai 1933 sprach Bosch die Judenverfolgung an, weil er dadurch die Zukunft der deutschen chemischen und physikalischen Forschung in Gefahr sah. Nach dem Treffen lehnte Hitler Bosch als Sprecher des Generalrates der Deutschen Wirtschaft ab. Bei der ersten und einzigen Sitzung dieses Rates hatte sich Bosch zur Wahl als Ratssprecher bereiterklärt, nachdem sich kein anderer Kandidat gefunden hatte.

Boschs Verhältnis zum NS-Regime blieb ambivalent. Er befürwortete wirtschaftliche Maßnahmen und Ansichten, kritisierte gleichzeitig die Zwangsmaßnahmen gegen Juden und setzte sich persönlich für jüdische Kollegen ein.

Bosch zog zunächst keine persönlichen Konsequenzen aus der von ihm kritisierten Politik, obwohl die politische Entwicklung in Deutschland und die steigende Kriegsgefahr den Unternehmer in Depressionsschübe und Alkoholsucht stürzten.

Aufgrund vermehrter Kritik am NS-Regime musste er 1939 schließlich viele seiner Ämter abgeben. Er unternahm einen Suizidversuch, der scheiterte. Carl Bosch starb am 26. April 1940 in Heidelberg. Nach Bosch sind zahlreiche Straßen und Gebäude, u. a. Schulen, sowie ein Mondkrater benannt.

Wegen der Unterstützung des NS-Regimes durch die Genehmigung von Spenden an die NSDAP als Vorstandsvorsitzender der I.G. Farben und die gleichzeitig selbst erlittene Schädigung durch das NS-Regime empfahl die auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung 2020 berufene Historische Fachkommission zur Überprüfung nach Personen benannter Verkehrsfläche, Gebäude und Einrichtungen der Landeshauptstadt Wiesbaden die Kontextualisierung der Carl-Bosch-Straße.

Literatur