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Heidenmauer

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Die Heidenmauer in der Wiesbadener Innenstadt verläuft auf 520 m nachgewiesener Länge zwischen der Straßenecke Schulberg/Hirschgraben von Nordwesten nach Südosten bis zur Marktkirche auf dem Schlossplatz, mit einem Knick auf Höhe der Langgasse, und ist das einzige sichtbare römische Monument der Stadt, von dem zwei kurze Stücke von etwa 50 m Länge beiderseits des Römertors oberirdisch erhalten sind.

Die Mauer wurde von der älteren Forschung im Zusammenhang mit der Erweiterung des Mainzer Brückenkopfes unter dem weströmischen Kaiser Valentinian I. (Flavius Valentinianus 321–17.11.375, Kaiser 364–375) gesehen. Als militärisches Bauwerk wurde sie einerseits als Sperrmauer gedeutet, wobei vorausgesetzt wurde, dass sie aufgrund des zum Teil sumpfigen Geländes nicht umgangen werden konnte, andererseits wurde davon ausgegangen, eine Umgehung sei auf jeden Fall möglich gewesen, so dass sie als Teil einer großen Befestigungsanlage, die nicht mehr vollendet werden konnte, gedeutet wurde.

Seit etwa zehn Jahren entwickelt der Wiesbadener Architekt Martin Lauth eine Theorie, nach der die Heidenmauer Teil eines Aquäduktes sein soll, über den Frischwasser aus dem Taunus in die Stadt geleitet wurde. Er veranlasste eine 14C-Analyse an im Mörtel geborgenen Holzproben beim Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der Christian-Albrechts-Universität Kiel, die ein kalibriertes Alter von 214–344 n. Chr. im 2-σ-Bereich erbrachte, d. h. mit 95,4 %iger Wahrscheinlichkeit ist der Teil der Mauer, aus dem die Probe entnommen wurde, älter als valentinianisch. Es ist bekannt, dass die Heidenmauer auf unbestimmbar älterem Mauerwerk errichtet wurde, jedoch ist die erste naturwissenschaftliche Datierung der Heidenmauer ein bedeutendes neues Ergebnis. Bei seiner Argumentation geht Lauth von völlig logischen Möglichkeiten aus und versucht, seine Grundannahme Heidenmauer = Aquädukt durch zahlreiche Beispiele zu erhärten. Er verfolgt die nassauische Wasserversorgung des 19. Jahrhunderts theoretisch in der Literatur und praktisch in den Wäldern um Wiesbaden in der Annahme, die nassauischen Fürsten hätten noch bestehende römerzeitliche bzw. spätantike Wasserführungen genutzt und dadurch die vorhandenen Reste zerstört. Weitere, mit wasserbautechnischer Begründung geforderte Einrichtungen auf dem Schulberg müssten dieser Annahme zufolge durch den Bau eines Bunkers im 20. Jahrhundert zerstört worden sein.

Beim jetzigen Stand der Dinge muss konstatiert werden, dass keine der drei Theorien archäologisch ausreichend belegt ist. Margot Klee sah jüngst (2014) die Heidenmauer weiterhin in einem militärischen Kontext.

Literatur

Baartz, Dietwulf; Hermann, Fritz-Rudolf (Hrsg.): Die Römer in Hessen 2. Aufl. Stuttgart 1989, s. v. Wiesbaden (Baatz) [S. 485–494].

Czysz, Walter: Wiesbaden in der Römerzeit, Stuttgart 1994 [S. 220–225].

Klee, Margot: Sperrmauer oder Aquädukt. Zur Deutung der Heidenmauer in Wiesbaden. In: Nassauische Annalen 125/2014 [S. 1–20].

Lauth, Martin: Wiesbaden – Die Stadt des Wassers. Ein Beitrag zur Heidenmauer in Wiesbaden und zur Wasserversorgung in der Römerzeit. In: Nassauische Annalen 122/2011 [S. 1–53].

Heidenmauer mit Römertor, ca. 1900 wiesbaden.de/ Stadtarchiv Wiesbaden, F000-12931, Urheber: unbekannt
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