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Nassauischer Kunstverein (NKV) e.V.

Artikel

Am 16.07.1847 konstituierte sich die »Gesellschaft von Freunden der bildenden Kunst im Herzogtum Nassau«. Die Gründungsmitglieder kamen aus dem gehobenen Bürgertum. Vereinszweck sollte sein, den »Kunstsinn« in Wiesbaden zu vitalisieren. Darüber hinaus hatte die Gesellschaft, die sich bereits seit den 1850er-Jahren Nassauischer Kunstverein nannte, von Beginn an die Aufsicht über die öffentliche Kunstsammlung, die seit 1825 im Erbprinzenpalais deponiert war. Die Verhältnisse der Kunst in Wiesbaden waren sehr bescheiden. Ein auf Tradition basierendes Kunstleben hatte sich nicht entwickeln können. Wie sollte einem solchen Vakuum dieser Verein gerecht werden? Einerseits war er qua Satzung zur Organisation permanenter und wechselnder Ausstellungen verpflichtet, zu Vorträgen und Verlosungen, um der Kunst überhaupt ein Forum zu verschaffen, doch fehlte es an Impulsen, von aktuellen Kunstströmungen Notiz zu nehmen. Andererseits wurde dem Verein 1854 auch die Verwaltung der Kunstsammlung übertragen, die, Teil eines Kuriositätenkabinetts, bisher dem Bibliotheksdirektor unterstand. Die Galerie sollte konservatorisch kuratiert und sinnstiftend komplettiert werden: ein unrealisierbares Unterfangen. Bereits 1850 hatte man um fürstliche Patronage ersucht, die gewährt wurde und zugleich Observanz nach sich zog.

Nach der Annexion Nassaus durch Preußen erhielt die Kunstsammlung von 1884 an Dauerleihgaben aus Berliner Museen. Was als korrigierende Sanierung der Sammlung gedacht war, blieb ohne bemerkenswerten Effekt, bis 1900 die im Erbprinzenpalais untergebrachten Institutionen in städtische Regie übergingen. Im Jahr darauf erwuchs dem Nassauischen Kunstverein in der »Wiesbadener Gesellschaft für Bildende Kunst« eine Konkurrentin, die die bisherige Kunstpolitik aus ihrer Lethargie riss, da sie auf progressive Entwicklungen seismographisch zu reagieren verstand. Die Gründer der Gesellschaft propagierten das private Mäzenatentum und verstanden sich im Sinn des Kunsthistorikers und –pädagogen Alfred Lichtwark als Volksbildner.

Nachdem 1915 das sogenannte Neue Museum seine Pforten geöffnet hatte, fusionierten die beiden Vereine 1917 zu einer Interessengemeinschaft. Ein adäquates Domizil war erreicht, und der Sammler Heinrich Kirchhoff vertraute dem Haus sein hochkarätiges Kunstensemble an. Die Museumsausstellungen hatten grundsätzlich den Nassauischen Kunstverein zum Veranstalter und spiegelten während der 1920er-Jahre die moderne Kunstgeschichte fernab ihrer Zentren: Die Skala reichte von Willi Baumeister, Max Beckmann, Otto Dix über Lyonel Feininger, George Grosz, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Paul Klee bis Oskar Schlemmer und Kurt Schwitters. Durch die wiederholt auch Edmund Fabry und Otto Ritschl zu verdankenden erfolgreichen Ausstellungen des Nassauischen Kunstvereins, die mit Ankäufen verbunden waren, veränderte sich substanziell auch das Niveau der Gemäldegalerie.

1929 übernahm der Kunsthistoriker Eberhard von Schenk zu Schweinsberg die Leitung der Galerie und den Vorsitz des NKVs in Personalunion. Kaum hatte 1930 die weitsichtige Ausstellung des NKVs »30 Deutsche Künstler aus unserer Zeit« in Allianz mit der Sammlung Kirchhoff stattgefunden, brach die NS-Kulturbarbarei an. Auf Schenk zu Schweinsberg folgte 1935 (bis 1945) der Kunsthistoriker Hermann Voss. 1937 endete die Personalunion von Museum und Kunstverein: Das Museum wurde dem Reichserziehungsministerium unterstellt, der Kunstverein der Reichskammer der bildenden Künste. Nach Requirierung des Museums 1939 durch das Militär überließ man dem Nassauischen Kunstverein Räumlichkeiten in der Wilhelmstraße 12/Luisenstraße 1. 1949 übernahm der Jurist und intime Goethekenner Alfred Mayer (1888–1960) den Vorsitz unter der Devise kritischer Kontinuität und couragierten Wandels und erreichte 1951 die Rückkehr des Nassauischen Kunstvereins ins Museum.

Grundlegende Ausstellungen bewirkten, dass wieder ernsthaft vom Nassauischen Kunstverein gesprochen werden konnte. Man veranstaltete eine Gedächtnisausstellung für Jawlensky (1954), thematisierte die »Kunst am Rhein« (1953) sowie das Bekenntnis zur Abstraktion als Weltsprache unter dem Titel »Couleur vivante – lebendige Farbe« (1957) und präsentierte v. a. die »Moderne Kunst aus Wiesbadener Privatbesitz« (1957) mit imponierenden Arbeiten. 1973 wurde das Museum an das Land übereignet. Der darauffolgende Umzug des Nassauischen Kunstvereins 1979 in die Wilhelmstraße 15 bedeutete nicht nur eine räumliche Zäsur. Infolge der 68er-Revolte entstand ein anderes Kunstvereinsprofil. Der kritischen Betrachtung der Lebenswirklichkeit konnte nur ein sich stetig ausweitender Kunstbegriff entsprechen, der alle denkbaren Varianten von Videokunst, Performance, Installation, Concept Art u. a. miteinbezog.

Anspruch des Nassauischen Kunstvereins heute ist das absolute Offensein für die zahlreichen Formen zeitgenössischer, noch nicht etablierter Kunst und deren Vermittlung. Der Nassauische Kunstverein ist u. a. Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV). 2007 wurde ihm als Ausdruck »höchster Anerkennung« die Villa an der Wilhelmstraße auf 66 Jahre übereignet. In Kooperation mit der Landeshauptstadt Wiesbaden vergibt der Nassauische Kunstverein seit 2008 jährlich das Stipendium »FOLLOW FLUXUS – Fluxus und die Folgen«.

Literatur

Hildebrand, Alexander: Nass. Kunstverein. In: Kunstlandschaft Bundesrepublik. Geschichte, Regionen, Materialien, Stuttgart 1984 [S. 114 ff. u. 295 f.].

Hildebrand, Alexander: Der Bürger als Ästhet. 150 Jahre Nassauischer Kunstverein (Folge 1–12). In: Wiesbadener Kurier 16.07. – 29.12.1997.

Bildende Kunst in Wiesbaden. Von der bürgerlichen Revolution bis heute. Der Nassauische Kunstverein. Nassauischer Kunstverein e.V. (Hrsg.), Wiesbaden 1997.

Verweis

Nassauischer Kunstverein, Wilhelmstraße 15 wiesbaden.de/ Stadtarchiv Wiesbaden, Urheber: Annabelle Hagelstein
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