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Residenztheater

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1892 eröffnete in Wiesbaden das erste Privattheater in einem Hintergebäude in der Bahnhofstraße. Mit Operetten, Lustspielen und Possen stellte es sich auf den Geschmack des Publikums ein und sah sich als schlichtere Ergänzung zum Hoftheater. 1895 übernahm Hermann Rauch die Leitung und führte es als »Residenztheater« fort. Aus dem »Operettentheater« machte er eine »künstlerische Institution« mit Stücken zeitgenössischer Dramatik. Hier wurden den Zuschauern Dramen geboten, die bis 1918 nicht hoftheaterfähig waren, z. B. von Ibsen, Hauptmann, Sudermann, Strindberg oder Wedekind. Rauch verhalf so den »Modernen« zu Durchbruch und Erfolg in Wiesbaden. Am 01.09.1910 eröffnete Rauch für das Residenztheater ein eigenes Haus auf dem ehemaligen Kasernengelände zwischen Luisenstraße und Schwalbacher Straße. Heute steht hier das Luisenforum.

Zeitweise gab es jeden Samstag eine Premiere. Breite Teile des Wiesbadener Publikums nahmen die Ergänzung des Theaterlebens an. So gewann das Residenztheater eine bedeutsame Rolle im Kulturleben der Stadt. Unter anderem standen berühmte Schauspieler wie Adele Sandrock, Sarah Bernhardt, Heinrich George und Hans Albers auf der Bühne.

Infolge des Ersten Weltkriegs schwand das Publikum, die finanziellen Belastungen wurden unüberbrückbar. Theaterdirektor Rauch gab auf und verkaufte das Theater. Das Haus verkam zu einem Amüsierbetrieb. 1922 gliederte der Intendant Carl Hagemann, der sich neben dem »Großen Haus« eine Bühne für das Sprechtheater wünschte, das Residenztheater dem Staatstheater als »Kleines Haus« an. Die erste Vorstellung fand am 04.02. des gleichen Jahres statt. Der Spielplan konzentrierte sich auf zeitgenössische Dramatik, unterbrochen hin und wieder durch Spielopern oder Operetten. 1934–43 übernahm erneut eine Privatdirektion den Spielbetrieb. Ab dem 01.09.1943 war das Theater dann wieder als zweite Bühne dem damaligen »Deutschen Theater« angegliedert. Bei dem Fliegerangriff in der Nacht zum 03.02.1945 zerstörten Bomben die Schauspielbühne im ehemaligen Residenztheater.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging aus dem ehemaligen Theater das Kino »Residenz« hervor.

Literatur

Kopp, Klaus: Bildung des Bürgers – Arbeiterbildung. In: Volkshochschule, Bildung für alle [S. 80].

Jung, Wolfgang: »Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie!«. In: Volkshochschule, Bildung für alle [S. 103 f.].

Steiner-Rinneberg, Britta: Das Residenztheater, Wiesbadens erstes »Kleines Haus«. In: Wiesbadener Leben 5/1992 [S. 29 f.].