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Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der Juden in Wiesbaden von 1933–1945

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Über 3.000 Juden und Jüdinnen lebten gegen Ende der Weimarer Republik in Wiesbaden. 1933 ging die NSDAP zunächst daran, die jüdische von der übrigen Bevölkerung zu separieren und sozial zu isolieren. Am 01.04.1933 begann mit dem von der NSDAP inszenierten Boykott jüdischer Geschäfte sowie jüdischer Ärzte und Rechtsanwälte die erste groß angelegte antijüdische Aktion. Vor zahlreichen Wiesbadener Geschäften wurden Schilder mit der Aufschrift »Kauft nicht bei Juden« angebracht.

Der Hass auf Juden, der immer stärker durch die Parteipropaganda und in Wiesbaden schon vor 1933 durch den »Nassauer Beobachter« (später »Nassauer Volksblatt«), einer Zeitung im Stil des »Stürmers«, geschürt wurde, führte schon früh zu Misshandlungen und Morden: Am 27.03.1933 wurde der Inhaber des »1. Seidenladens in Wiesbaden, Wilhelmstraße 20« Salomon Rosenstrauch von der SA überfallen und misshandelt. Bei einem zweiten Überfall in seinem Geschäft am 22.04.1933 erlitt er einen tödlichen Herzanfall. An demselben Tag wurde der Milchhändler Max Kassel durch Schüsse in den Rücken in seiner Wohnung in der Webergasse 13 getötet. Die brutalen Morde, über die 1933 noch in den Wiesbadener Tageszeitungen berichtet wurde, wenn auch verschleiernd, gingen über in die lautlosere Phase der Entlassung von Juden (und politischen Gegnern) aus dem Öffentlichen Dienst aufgrund des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 07.04.1933.

Auch an den Schulen wirkte sich der Antisemitismus aus. Alfred Milmann, der die Mittelschule am Riederberg besuchte, berichtete, dass bereits 1934 eine Trennung der jüdische Schüler von den übrigen Schülern vorgenommen worden sei. Bis zu seiner Auswanderung mit seinen Eltern besuchte Alfred Milmann daraufhin die jüdische Volksschule Wiesbadens, die 1936 in Baracken in der Mainzer Straße errichtet wurde. Die Ausgrenzung von jüdischen Jugendlichen war bereits schrittweise durch den Ausschluss aus »deutschen« Vereinen (Gleichschaltung) und das Verbot von nicht-zionistischen Jugendgruppen und jüdischen Sportvereinen erfolgt. Zionistische Organisationen, die auf die Auswanderung nach Palästina orientiert waren und zunehmenden Zulauf hatten, durften hingegen im nicht-öffentlichen Bereich weiterwirken. Eine Sondergenehmigung für Sportaktivitäten erhielt nur die Jugendabteilung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten.

Mit den Nürnberger Gesetzen 1935 wurden allen Juden die staatsbürgerlichen Rechte entzogen und Eheschließungen zwischen Juden und sogenannten Ariern verboten. Selbst die Beschäftigung von »arischen« Hausangestellten konnte zu KZ-Haft für beide Seiten führen. Das Nürnberger »Reichsbürger- und Blutschutz-Gesetz«, mitformuliert von dem Wiesbadener Dr. Wilhelm Stuckart, gaben dem Ausgrenzungs- und Verfolgungsprozess die »rechtliche« Grundlage. Nicht nur die Großunternehmen wie die IG-Farben oder die Dresdner Bank haben von Zwangsarbeit oder Arisierungen profitiert, auch kleine Wiesbadener Firmen oder auch die Stadtverwaltung, die Juden zu Straßenarbeiten einsetzte. Den größten Anteil an arisiertem Vermögen zog das Finanzamt ein, doch kam ein erheblicher Teil den ganz normalen Bürgern des Reiches zugute, oft über die NS-Volkswohlfahrt.

Die Zwangsarisierungen wurden 1937 zur Hauptstoßrichtung der antijüdischen Maßnahmen – vor allem um die Juden zur Auswanderung zu zwingen. 1938 wurden zudem ständig neue Gesetze und Verordnungen erlassen, die jede noch verbliebene Wirtschaftstätigkeit von Juden zunichtemachte. Die Wiesbadener Firma Steinberger & Vorsanger erlebte durch die Boykottmaßnahmen zunächst heftige Einbußen. Am 07.03.1938 wurde die Firma arisiert. Die Folge der Enteignungen war eine rasche Verarmung der jüdischen Bevölkerung. Die Wiesbadener SA führte ihre Gewaltaktionen parallel dazu weiter. Die zunehmende Mittellosigkeit machte die Auswanderung für die Mehrheit der jüdischen Familien immer schwieriger, immer weniger Länder nahmen zudem Juden auf und schlossen ihre Grenzen.

Die Wiesbadener Synagoge am Michelsberg wurde in der sogenannten Reichskristallnacht vollständig niedergebrannt, die Altisraelitische Synagoge in der Friedrichstraße im Inneren geschändet. Auch jüdische Geschäfte wurden verwüstet. Fast alle jüdischen Männer wurden in der Pogromnacht verhaftet, so auch der pensionierte Wiesbadener Rabbiner Dr. Paul Lazarus und, wie der zum Vertreter der Juden bestellte »Rechtskonsulent« Dr. Guthmann, in der Regel im KZ Buchenwald mehrere Monate interniert. In den Vororten Biebrich und Schierstein folgten der Zerstörung der Synagogen brutale Übergriffe auf private Wohnungen. Die Enteignungen wurden als »Entjudung der Wirtschaft« gefeiert und waren weitgehend abgeschlossen, als 1941 die letzte Phase der Verfolgung einsetzte.

Mit den ersten größeren Deportationen begann die Phase der Vernichtung. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung war durch das Kriegsgeschehen weitgehend absorbiert; das plötzliche Verschwinden ganzer Familien in der Nachbarschaft, die zuerst in sogenannten Judenhäusern ghettoisiert wurden, nahm man ohne Protest hin. Ab 01.09.1941 mussten alle Juden einen gelben Stern auf ihrer Kleidung tragen. Wer ihn nicht sichtbar trug, seinen Zwangsvornamen Sara oder Israel verschwieg oder gegen eine der vielen Judenverordnungen wie das Verbot des Betretens des Kurparks oder des Haltens von Haustieren verstieß und denunziert wurde, dem drohte die Einweisung in ein KZ.

Im Januar 1942 lebten noch rund 1.000 jüdische Frauen und Männer in Wiesbaden. Ungefähr die gleiche Anzahl hatte auswandern und einige wenige illegal über die Grenze fliehen können. Fast alle Zurückgebliebenen wurden in drei großen Deportationen im März, im Juni und im September 1942 von der Schlachthoframpe des Hauptbahnhofs aus in die Vernichtungslager verbracht. Am 10.06.1942 wurden vor allem Familien aus Wiesbaden nach Sobibor oder Majdanek deportiert. »In den Osten evakuiert«, stand auf den Karteikarten der Gestapo zu lesen, mit denen diese penibel versuchte, jeden Juden und jede Jüdin der Stadt zu erfassen. Diese Deportation traf die Jüdische Gemeinde in ihrem Kern, es wurden gezielt ganze Familien auf die Deportationsliste gesetzt. Zurück geblieben sind vor allem ältere Menschen und Juden bzw. Jüdinnen, die in einer sogenannten Mischehe verheiratet waren, oder Frontkämpfer, die als Soldaten für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten. Vor der letzten großen Deportation am  01.09.1942 haben sich 40 Frauen und Männer jüdischer Herkunft das Leben genommen. Noch im März 1945, als Auschwitz bereits befreit worden war, wurde aus Wiesbaden eine Gruppe sogenannter Mischlingskinder mit ihrem jüdischen Elternteil nach Theresienstadt verschleppt.

Die Zahl der Wiesbadener Holocaust-Opfer, d. h. von Juden und Jüdinnen, die von Wiesbaden aus deportiert oder in Wiesbaden geboren, aber aus einer anderen deutschen oder ausländischen Stadt deportiert und in einem Vernichtungslager ermordet wurden, inklusive jener, die aufgrund der Verfolgung oder der bevorstehenden Deportation Selbstmord begingen, liegt bei mindestens 1.500 Menschen – darunter mindestens 120 jüdische Kinder und Jugendliche.

Literatur

Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main 2005.

Bembenek, Lothar/Ulrich, Axel: Widerstand und Verfolgung in Wiesbaden 1933–1945. Eine Dokumentation. Hrsg.: Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden – Stadtarchiv, Gießen 1990.

Bembenek, Lothar/Dickel, Horst: Ich bin kein deutscher Patriot mehr, jetzt bin ich Jude. Die Vertreibung jüdischer Bürger aus Wiesbaden 1933 bis 1947, Wiesbaden 1991.

Bembenek, Lothar: Politverbrecher. SA-Morde an Wiesbadener Bürgern (1933). In: Fuchs, Verbrechen und Schicksale [S. 99–112].

Graffiti zur Deportation der Juden an der Viehrampe des Schlachthofs wiesbaden.de/ Stadtarchiv Wiesbaden, F000-14175, Urheber: Werner Kaltefleiter
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