Sie waren Luxus pur und hatten jede Menge prominente Gäste – die Wiesbadener Grand Hotels des 19. Jahrhunderts! Gästeführerin Dagmar Binder bietet zu diesem Thema eine Führung an. Ein Gespräch über Wiesbadens Zeit als Weltkurstadt, berühmte Gäste und beliebte Zeitvertreibe.
Das Palast-Hotel war ein luxuriöses Grand Hotel mit illustren Gästen
Fräulein Quellgeflüster: Wer traf sich im 19. Jahrhundert in Wiesbaden? Dagmar: Im Laufe des 19. Jahrhunderts änderte sich die gesundheitliche Motivation für eine Kur häufig hin zu einem kulturellen Erlebnis. Man brauchte Zeit – musste also nicht arbeiten – und man brauchte Geld – für eine Kutsche, das Hotel. So trafen sich in angesagten Kurorten elitäre Gruppen.
Wenn die Kaiser kommen, dann kommen natürlich auch die Adligen und Reichen aus ganz Europa.
Fräulein Quellgeflüster: Was war das Besondere an Wiesbaden? Dagmar: Bis 1866 war Wiesbaden die Residenzstadt des Herzogtums Nassau – und dann fiel es an Preußen. Tja, und wenn die Kaiser kommen, dann kommen natürlich auch die Adligen und Reichen aus ganz Europa. Zuerst kam Wilhelm I. und dann sein Enkel. Kaiser Wilhelm II. verbrachte 20 Jahre - meist mehrere Wochen im Mai – in der Stadt. Er liebte Wiesbaden und Wiesbaden liebte ihn.
Fräulein Quellgeflüster: Wie entwickelte sich Wiesbaden zur Weltkurstadt? Dagmar: Um 1800 hatte die Stadt nicht einmal 3.000 Einwohner, 1905 waren es bereits 100.000. Nun hatte Wiesbaden 200.000 Kurgäste jährlich. Unvorstellbar! Damit konnte es sich "Weltkurstadt" nennen. Und für die "erlesenen Gäste" gab es hier mehr als 50 Grand Hotels! Deutschlandweit einzigartig, wenn man die Anzahl in Bezug zur Einwohnerzahl setzt.
Fräulein Quellgeflüster: Welche Rolle hat der Kurbetrieb gespielt? Dagmar: In Wiesbaden gab es keine Industrie und kaum Gewerbe. Eigentlich gab es nur die Hotellerie und die Gastronomie. Und nach dem großen Einbruch der Gästezahlen durch den 1. Weltkrieg bekam Wiesbaden ein Problem. Aber das ist eine andere Geschichte ...
Dagmar bietet verschiedene Führungen an - auch zu den Wiesbadener Grand Hotels
Fräulein Quellgeflüster: Das Kurhaus war das gesellschaftliche Zentrum ... Dagmar: In unserem wunderschönen Kurhaus – laut Aussage von Kaiser Wilhelm II. "das schönste Kurhaus der Welt" – gibt es keine Badeeinrichtungen. Es diente als Gesellschaftshaus lediglich dem "Amüsement" mit Sälen für Bälle, Konzerte und Geselligkeit. Es gab Lesezimmer, in denen täglich alle 76 Tageszeitungen auslagen und ein Schreibzimmer im Renaissance-Ambiente – der Salon Ferdinand Hey’l. Ansichtskarten schreiben war Kult unter den Kurgästen, täglich verschickten sie Stapel davon. Die Reichspost beförderte bis zu eineinhalb Millionen Postkarten täglich!
Ansichtskarten schreiben war Kult unter den Kurgästen!
Fräulein Quellgeflüster: Was waren die besten Adressen der Stadt? Dagmar: Besonders interessant finde ich die Geschichte des Palast Hotels am Kranzplatz – auch wenn es schon lange kein Grand Hotel mehr ist. Das Besondere fängt schon mit der Jugendstilarchitektur an. Das hat sich vorher niemand im Kurviertel getraut, da Kaiser Wilhelm II. den Jugendstil verabscheute. Deshalb haben wir hier häufig den sogenannten "Wiesbadener Jugendstil" bei Hotels – im unteren Bereich wilhelminisch und erst oben Jugendstilelemente. Alle, die mehr wissen möchten – es gibt so viel zu erzählen – können gerne einmal bei einer meiner Touren dabei sein (Öffnet in einem neuen Tab).
Fräulein Quellgeflüster: Welcher Gast hat besonders für Furore gesorgt? Dagmar: Ach, da gab es so viele! Ich nehme einfach nochmals Bezug zum Palast Hotel. Unser Staatstheater hatte Enrico Caruso für den 1. Oktober 1908 für eine Aufführung von Verdis Oper "Rigoletto" als Herzog von Mantua gebucht: für 10.000 Goldmark, heute etwa 100.000 Euro! Am Tag davor hatte er bereits die größte Suite im Palast Hotel gebucht. Und zur Stimmübung ist er auf den Balkon hinausgetreten. Die Menschen strömten auf den Kranzplatz um sich das anzuhören – und die Damen fielen reihenweise in Ohnmacht ...
Quellgeflüster-Tipp: Dagmar Binder bietet verschiedene spannende Führungen an (Auf des Kaisers Pfaden, Auf Goethes Spuren) und natürlich auch eine zum Thema Grand Hotels. Alle Infos gibt's hier (Öffnet in einem neuen Tab)!
Luxushotels - vier exklusive Adressen
Palast-Hotel
Das Palast-Hotel war ein luxuriöses Grand Hotel mit illustren Gästen
Das ehemalige Hotel mit seiner eleganten Jugendstilfassade wurde zwischen 1903 und 1905 auf den Überresten einer römischen Thermenanlage errichtet – eine Entdeckung, die beim Abriss zweier älterer Badehäuser für den Neubau des Palasthotels zutage kam. Mit 150 Zimmern, einem reizvollen Innenhof und einer für die damalige Zeit erstklassigen Ausstattung stand es auf einer Stufe mit renommierten Häusern wie dem "Hotel Rose" oder dem "Schwarzen Bock".
Doch der Glanz währte nur kurz: Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs blieben die Kurgäste aus und das Hotel wurde als Lazarett genutzt. Nach Kriegsende übernahmen die amerikanischen Streitkräfte das Gebäude. In den Jahren 1977/78 schließlich wurde es in eine moderne Wohnanlage umgebaut. Von außen ist das Haus fast unverändert, im Inneren zeugen nur noch wenige Details wie das prächtige Treppenhaus und der Wintergarten mit Jugendstilverglasung von der einstigen Glanzzeit (reinschauen erlaubt).
Prominente Gäste: Enrico Caruso – weltberühmter italienischer Tenor, der am Fenster seiner Suite spontan ein Liedeinlage gegeben haben soll
Der Name des Hotels geht auf seine Pächterin Margarethe zur Rose zurück. In seiner Blütezeit verfügte das Haus über rund 200 Salons und Schlafzimmer sowie 55 Badezimmer. Die großzügige Badeanlage wurde direkt vom Kochbrunnen gespeist, und im Innenhof befand sich – le dernier cri – eine große Tennishalle. Bereits 1828 zählte das Hotel Rose zu den vier größten und vornehmsten Bade- und Gasthäusern Wiesbadens. Heute ist in den historischen Räumen die Hessische Staatskanzlei untergebracht.
So oder so ähnlich könnte das Hotel Viktoria ausgesehen haben
1845 öffnete das Luxushotel an der Wilhelmstraße seine Pforten – genau an der Stelle, an der heute das Museum Reinhard Ernst zu finden ist. Es bot 70 elegante Zimmer und Salons sowie zahlreiche Bäder, die von einer eigenen Thermalquelle gespeist wurden. Ein besonderes Highlight war die 1877 errichtete Rollschuhbahn – die zweite ihrer Art im Deutschen Reich. 1887 wurde das Haus erweitert: Über 120 luxuriöse Zimmer, prächtige Gesellschaftsräume und ein Speisesaal für 500 Gäste machten das Hotel Viktoria zu einem der führenden Häuser Wiesbadens. Beim verheerenden Bombenangriff vom 2. auf den 3. Februar 1945 wurde das Hotel vollständig zerstört und nicht wieder aufgebaut.
Prominente Gäste: Fjodor M. Dostojevski - der sich 1866 beim Roulette in der Wiesbadener Spielbank ruinierte. Daraufhin musste er seinem Verleger kurzfristig einen Roman liefern. Entstanden ist "Der Spieler", in dem er seine Spielsucht literarisch verarbeitete.
Hotel Schwarzer Bock - Deutschlands ältestes Grandhotel
Das Ingelheimer Zimmer im Hotel Schwarzer Bock
Das traditionsreiche Hotel - heute Radisson Blu Schwarzer Bock - gilt als ältestes Grandhotel Deutschlands. Wie viele andere Badehotels wurde es aus praktischen Gründen direkt an einer Thermalquelle errichtet. Der Volksmund erzählt, dass der erste Besitzer der Bürgermeister Philipp zum Bock war – und weil er schwarze Haare hatte, nannte man sein Haus "Zum Schwarzen Bock".
Der zweifehlsohne berühmteste Raum im Hotel ist das "Ingelheimer Zimmer" mit seinen kostbaren Holzvertäfelungen, die aus dem Ingelheimer Schloss stammen und auf ungewöhnliche Weise - durch eine Wette - ihren Weg ins Hotel fanden.
Johann Wolfgang von Goethe reiste mehrfach zur Kur nach Wiesbaden. Auch auf seiner Rheinreise mit seinem Freund Herder machte er hier Station und berichete in seinen Tagebuchaufzeichnung vom Kurpark und den heißen Quellen.
Kaiser Wilhelm II. war ein häufig gesehener Gast in Wiesbaden und hatte großen Einfluss auf die Entwicklung zur Weltkurstadt. So unterstützte er unter anderem den Bau des Kurhauses und des Hessischen Staatstheaters.
1884 bewohnte Elisabeth von Österreich, Sisi, 60 Zimmer (!) im Hotel Vier Jahreszeiten und erhielt zum Empfang von Hotelier Wilhelm Zais ein Bouquet aus Veilchen, wie das Neuigkeits-Welt-Blatt in Wien berichtete.
Zar Nikolaus II. und seine Frau Alexandra Fjodorowna kurten mehrmals in Wiesbaden und nahmen in dieser Zeit an den Gottesdiensten in der russisch-orthodoxen Kirche auf dem Neroberg teil. Viele andere russische Aristokraten taten es ihnen nach - besonders beliebt waren die Wintermonate. Der weltberühmte italienische Tenor Enrico Caruso war 1908 zu Gast im Palast-Hotel und gab dort am Fenster spontan eine Gesangseinlage.
Franz Liszt und Richard Wagner waren eng mit dem Wiesbadener Musikleben verbunden; Liszt gab mehrfach Konzerte.
Der preußische Politiker und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck erholte sich in Wiesbaden immer wieder von den politischen Strapazen, insbesondere zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges.
Baden, promenieren, amüsieren - ein Tag als Kurgast
Im 19. Jahrhundert war ein Kuraufenthalt lang und ritualisiert. Vier bis sechs Wochen galt als eher kurzer Aufenthalt bei leichten Beschwerden. Der "klassische" Kuraufenthalt dauerte sechs bis zwölf Wochen. Sehr wohlhabende Gäste, Adelige oder chronisch Kranke blieben oft mehrere Monate. Viele Gäste kamen jedes Jahr wieder, oft zur gleichen Zeit und wohnten monatelang in immer demselben Hotel oder einer gemieteten Wohnung.
Der Tag begann früh mit der Trinkkur an den Thermalquellen, gefolgt von Bädern und ärztlich verordneten Anwendungen. Nach dem Mittagessen standen Ruhe, Spaziergänge und gesellschaftliche Begegnungen auf dem Programm. Abends besuchten die Gäste Konzerte, Theater oder gesellschaftliche Veranstaltungen.
Wegen der langen Aufenthalte war es wichtig, dass sich die Kurgäste gut unterhalten fühlten. So gab es tägliche Konzerte im Kurhaus oder im Kurpark, Kutschfahrten durch den Park, Bootsfahrten auf dem Weiher, es wurden Picknicks, Vorträge und Lesungen angeboten. Bälle, Soiréen und Empfänge boten Gelegenheit zum Tanzen sowie zum "Sehen und Gesehenwerden". Roulette und Kartenspiele galten als mondäne Abendunterhaltung.
Eine Kur in Wiesbaden war ein echtes Gesamterlebnis!