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Stadtlexikon Wiesbaden

Bierbrauer, Carl Wilhelm

Bildhauer

Bierbrauer, Carl Wilhelm

geboren: 8. August 1881 in Bierstadt
gestorben: 23. Oktober 1962 in Wiesbaden


Details

Carl Wilhelm (Willy) Bierbrauer war durch den frühen Tod seiner von der Landwirtschaft lebenden Eltern Vollwaise geworden und wuchs in Bierstadt bei der Großmutter auf. Bereits in jungen Jahren wurde seine künstlerische Begabung offenkundig. Seine Ausbildung absolvierte er von 1900 bis 1904 in Frankfurt bei den Professoren Ferdinand Luthmer (1842 – 1921), Direktor der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums, und Friedrich Christoph Hausmann (1860 – 1936), Leiter der Modellierklasse an der Kunstgewerbeschule und von 1892 bis 1905 der Bildhauerklasse am Städelschen Kunstinstitut.

Nachdem Bierbrauer sich bereits 1906 mit einem Fries an der Fassadengestaltung des Landeshauses beteiligt hatte, unternahm er 1909 eine Studienreise nach Italien, wo er sich mit der Tradition der europäischen Bildhauerei auseinandersetzte. Wieder in Wiesbaden, entstand der einen Trauerzug darstellende Fries im Portikus der 1911 eingeweihten Trauerhalle des Südfriedhofs, ein frühes Hauptwerk, das Bierbrauer selbst als eines seiner bedeutendsten Werke empfand. Es folgten das Gutenberg-Denkmal der Nassauischen Landesbibliothek und für den zwischen 1914 und 1916 errichteten Erweiterungsbau der Nassauischen Landesbank, heute Nassauische Sparkasse, zwölf überlebensgroße Porträtmedaillons verdienter Persönlichkeiten.

1915 entwarf Bierbrauer im Auftrag des Wiesbadener Kreiskomitees vom Roten Kreuz den „Eisernen Siegfried“. Die ausgeführte und bis heute erhaltene, fast vier Meter hohe Nagelstatue aus Lindenholz stand von 1915 bis 1918 in einem Pavillon auf dem Bowling Green. Patriotisch gesonnene Bürger konnten hier gegen eine Spende zugunsten der Kriegskasse Nägel unterschiedlich teuren Materials einschlagen. Die Aktion soll 2,5 Millionen Goldmark erbracht haben.

Über Wiesbaden hinaus bekannt wurde Bierbrauer zum einen durch häufige erfolgreiche Wettbewerbsbeteiligungen. So reichte er 1932 einen Entwurf zu dem in Bad Berka bei Weimar geplanten, aber nicht ausgeführten Reichsehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ein, der unter insgesamt 1828 eingegangenen Vorschlägen zu den 20 prämierten und zur weiteren Bearbeitung vorgeschlagenen gehörte. Zum anderen trugen zahlreiche monumentale Ehren- und Denkmäler sowie Grabmäler und realistisch-lebensnahe Porträtbüsten und Skulpturen zu seinem Erfolg bei. Es entstanden u. a. das Kriegerdenkmal in Usingen (1924), das so genannte Denkmal der Arbeit (1932) am Loreleiring in Wiesbaden und der Löwenbrunnen in Idstein (1937).

Bierbrauer, immer bestrebt, den Vorstellungen seiner Auftraggeber zu entsprechen, auch in der Wahl des Stils, konnte während des nationalsozialistischen Regimes offenbar erfolgreich weiterarbeiten. Wie einem Artikel des Nassauer Volksblattes vom 7.8.1941 anlässlich des 60. Geburtstages von Bierbrauer zu entnehmen ist, schätzte man „im Gesamtwerk eine stark formbewahrende Haltung in klassischem Sinne, eine gegnerische Einstellung zu den ‚Ismen‘ der letzten Jahrzehnte, zum Expressionismus und seinen krankhaften Auswüchsen“. Und so mangelte es Bierbrauer auch in dieser Zeit nicht an Aufträgen. Es entstand die Anlage des Ehrenmals in Idstein (1941), dessen Sockel noch existiert, dessen martialische Figurengruppe aber unmittelbar nach Kriegsende demontiert und zerschlagen wurde. Ebenso fertigte er Bauplastik wie die beiden monumentalen Adler für den Militärflugplatz Erbenheim und die ehemalige Thingstätte auf der Loreley sowie mehrere „Führer- und Hindenburg-Büsten“ (Nassauer Volksblatt, 7.8.1941).

Eine Hitler-Büste Bierbrauers stand in der Brunnenkolonnade (Wiesbadener Tagblatt, 26.4.1937), eine weitere überlebensgroße aus Bronze im Kurhaus und auch die Städtische Galerie besaß eine. (Nassauer Volksblatt, 7.8.1941). Von Bierbrauer stammt allerdings auch die überlieferte Totenmaske Alexej von Jawlenskys (1941).

In die Nachkriegsjahre datieren u. a. eine bronzene Goethe-Büste (1949) und eine im Auftrag des Magistrats geschaffene Marmorbüste des Freiherrn vom Stein (1952, seit 1962 im Hessischen Landtag; Abguss von 1963 im neuen Rathaus).

Bis zu seinem Tod war Bierbrauer in der Kunstszene Wiesbadens präsent. Von 1913 bis 1933 unterrichtete er an der seit 1918 städtischen Handwerker- und Kunstgewerbeschule (1934 geschlossen, 1947 wiedereröffnet, seit 1949 Werkkunstschule). Darüber hinaus setzte er sich für die Belange und die Förderung Wiesbadener Künstler ein, war Mitglied der 1925 von Otto Ritschl gegründeten Freien Künstlerschaft Wiesbaden und Mitbegründer des Rings Bildender Künstler, dessen Erster Vorsitzender er 1949 wurde. Im selben Jahr wurde er anlässlich seines 50jährigen Künstlerjubiläums auch zum Ehrenvorsitzenden des Nassauischen Kunstvereins e. V. ernannt, der in den Jahren 1954 und 1961 zwei Ausstellungen seiner Werke im Museum Wiesbaden ausrichtete. Anlässlich seines 75. Geburtstages 1956 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Carl Wilhelm Bierbrauers Grab befindet sich auf dem Wiesbadener Nordfriedhof.

Literatur