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Guthmann, Familie

Guthmann, Berthold

Rechtsanwalt, Vertreter der Wiesbadener "Reichsvereinigung der Juden"

geboren: 13.04.1893 in Eich (Rheinhessen)

gestorben: 20.11.1944 im KZ Auschwitz

Guthmann, Claire, geb. Michel

Mitbegründerin der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden nach 1945

geboren: 01.09.1894 in Gladenbach

gestorben: 26.06.1957 in Wiesbaden

Guthmann, Paul

geboren: 22.03.1922 in Wiesbaden

gestorben: 12.03.1945 im KZ Mauthausen

Opfermann, Charlotte, geb. Guthmann

Schriftstellerin

geboren: 01.04.1925 in Wiesbaden

gestorben: 22.11.2004 in Houston (Texas)

Artikel

Berthold Guthmann diente im Ersten Weltkrieg als Flieger in der Richthofen-Staffel, wurde mehrfach dekoriert und überlebte einen Abschuss. In Wiesbaden eröffnete er eine Anwaltskanzlei und engagierte sich in der SPD

 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gab Guthmann insbesondere juristische Hilfe bei Fragen der Auswanderung – in einer Reihe von Fällen sprang er persönlich ein, um illegale Flucht- und Grenzübertritte zu ermöglichen. In der Reichspogromnacht am 09./10.11.1938 überfiel ein SA-Trupp die Kanzlei und Privatwohnung der Familie, zerstörte Mobiliar, Bücher sowie anderen persönlichen Besitz, und Berthold Guthmann wurde wie fast alle jüdischen Männer aus Wiesbaden in das KZ Buchenwald verschleppt.

Seine Entlassung sechs Wochen später erfolgte, da Guthmann als »Rechtskonsulent« der jüdischen Gemeinde eine wichtige Rolle bei der »Entjudung« der Wirtschaft zukam. Tochter Charlotte musste in der Folge als Botin in »jüdischen Angelegenheiten« Nachrichten in das Gestapo-Quartier in der Paulinenstraße bringen. Zum »Jahrestag« der Reichspogromnacht verschleppte ein Trupp der SA Guthmann und seinen 17-jährigen Sohn Paul und verletzte sie mit Messerstichen. Der nach einem halben Jahr wieder genesene Guthmann musste weiterhin die Verbindung zur Verfolgerbehörde halten, bis hin zur bürokratischen, zwangsweisen Mitorganisation der anstehenden Deportationen der Wiesbadener Juden 1942. Von der letzten großen Deportation nach Theresienstadt am 01.09. blieb die Familie »zur Abwicklung der Auslöschung« der jüdischen Gemeinde vorerst zurückgestellt. Im November wurde sie nach Frankfurt gebracht, um dort an der »Abwicklung« des Gaus Hessen mitzuarbeiten; so musste Charlotte Guthmann unter anderem Listen von jüdischen Friedhöfen erstellen, die eingeebnet und zum Verkauf angeboten werden sollten.

Im Juni 1943 wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert. Claire Guthmann wurde gezwungen, an der Herstellung von Asbest-Isoliermaterial mitzuarbeiten. Charlotte hingegen »durfte« als Betreuerin im »Jugendheim« arbeiten. Mit Spielen, Erzählen und Theater versuchte sie die Kinder abzulenken und ihnen Mut zu machen. Ein Jahr später wurde der Vater nach Auschwitz deportiert und ermordet. Paul Guthmann wurde zu einem Arbeitseinsatz ins KZ Mauthausen verschleppt, der Einsatz im dortigen Steinbruch wurde als »Vernichtung durch Arbeit« bezeichnet. Er starb im März 1945.

Charlotte und ihre Mutter Claire Guthmann überlebten das Konzentrationslager und kehrten 1945 nach Deutschland zurück. Claire Guthmann entschied sich, in Wiesbaden zu bleiben, während ihre Tochter 1946 in die USA ging. Claire Guthmann engagierte sich in der Nachkriegszeit für die Neugründung der Wiesbadener Jüdischen Gemeinde, knüpfte Kontakte zu anderen KZ-Überlebenden und Glaubensgenossen der Region und war an der Gründung der örtlichen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit beteiligt. Sie starb 1957.

Ihre Tochter Charlotte, die in den 1950er-Jahren ihren Mainzer Jugendfreund Heinz Rudolf Opfermann geheiratet hatte, besuchte über 30 Jahre später auf Initiative des Aktiven Museums Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte ihre Heimatstadt, wo sie erstmalig vor Schülern über ihr Schicksal berichtete. In den Folgejahren war sie fast jährlich in hiesigen Schulen als Zeitzeugin tätig. Ihr letzter Wille war die Überführung auf den Mainzer Hauptfriedhof, um bei ihren Vorfahren beigesetzt zu werden.

Literatur

Filme von Lothar Bembenek: »Charlotte Opfermann, geb. Guthmann« (1986) und »Die Gespenster werd ich nicht mehr los« (1995).

Interview von Lothar Bembenek mit Charlotte Guthmann, abgedruckt in: Stationen, Bd. 3 der Reihe »Begegnungen«, hrsg. vom Förderkreis Aktives Museum, Wiesbaden 1993.

Opfermann, Charlotte: The Art of Darkness, Houston/Texas (University Trace Press) 2002.