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Löwenherz, Tuchfabrik

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1833 machte sich der aus Limburg stammende Kaufmann Hermann Löwenherz (1806–1866) mit der ersten Tuchfabrik in Wiesbaden selbstständig. Die erste Produktionsstätte der Tuchfabrik befand sich in der Saalgasse. 1837 richtete Hermann Löwenherz das Gesuch an die Behörden in Wiesbaden, im Nerotal eine Tuchfabrik gründen zu dürfen. Das Tal mit seinem Bachlauf schien ein guter Standort für sein Unternehmen zu sein. Mit Hilfe des Wassers wollte er unter anderem die Webstühle betreiben und die entstehenden Schadstoffe wegspülen. Unter Vorbehalten wurde ihm der Betrieb 1838 gestattet. Die Tuchfabrik sollte jedoch die Bewässerung der umliegenden Wiesen nicht gefährden, das Wasser durfte nicht verunreinigt und die Wolle nicht im Wasser des Bachs ausgewaschen werden. Im gleichen Jahr trat Hermanns jüngerer Bruder Samuel (1815–1878) als Teilhaber in die Fabrik ein.

Die Produktion in der Tuchfabrik entwickelte sich in den folgenden Jahren zunächst gut; die Zahl der Webstühle stieg von drei (1838) auf 16 (1842). Ende der 1840er-Jahre beschäftigte das Unternehmen bis zu 20 Arbeiter. Der Betrieb der Fabrik hatte jedoch auch Auseinandersetzungen mit den anderen Anliegern im Nerotal zur Folge, die den Brüdern Löwenherz neben der Verschmutzung des Wassers auch die Trockenlegung ihrer Wiesen vorwarfen.

Wirtschaftliche Probleme wie eine Umsatzkrise unter anderem aufgrund der englischen Konkurrenz verschlechterten Ende der 1840er-Jahre die Geschäfte. 1851 gründete daraufhin Samuel Löwenherz unter der Leitung Dr. Ernst August Genths in der umgebauten Walkmühle in unmittelbarer Nähe der Fabrikanlage die erste der Wiesbadener Kaltwasserheilanstalten. Im Zuge der Entwicklung zur Weltkurstadt und der steigenden Beliebtheit von Wasserkuren nahmen die Kurgäste das Angebot gern an. 1854 richtete Samuel Löwenherz zusätzlich ein öffentliches Freiluft-Schwimmbad ein, das erste der Stadt.

Das direkte Nebeneinander von Fabrik und Kuranstalt erwies sich auf Dauer jedoch als ungünstig. Schließlich kam es zur Aufteilung des Unternehmens. Hermann Löwenherz führte die Fabrik nun zunächst allein, dann unterstützt von seinem Sohn Bernhard, weiter und verlegte sie 1864 nach Biebrich. Das Unternehmen hatte zu diesem Zeitpunkt rund 50 Arbeiter, 1865 waren es sogar 70. In den folgenden Jahren jedoch gingen die Geschäfte immer schlechter, so dass das Unternehmen 1875 Konkurs anmelden musste und 1880 von der Chemischen Fabrik Kalle & Co. aufgekauft wurde. Samuel Löwenherz hingegen konnte seine Kuranstalt mit weiteren Angeboten vergrößern. Nach seinem Tod verkauften seine Töchter 1880 die Kaltwasserheilanstalt an den Arzt Gustav Lehr (1850–1892), der sie weiterführte.

Literatur

Dickel, Horst: Jude sein, Bürger sein – die Brüder Löwenherz in Wiesbaden. In: Diez/Dickel, Löwenherz [S. 77–98].

Spiegel, Margit: Wiesbadener Firmenbriefköpfe. Gebäudeansichten auf Geschäftsschreiben und Rechnungen. 50 weitere Kurzporträts von Unternehmen und Hotels, Bd. 2, Wiesbaden 2011 [S. 78–82].