Vielfältige Milieustrukturen im Stadtgebiet und in der digitalen Welt
Die Wiesbadener Stadtgesellschaft ist vielfältig: Wie unterschiedlich die verschiedenen Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger ausgeprägt sind, zeigen zwei aktuelle Veröffentlichungen des Amtes für Statistik und Stadtforschung zu den sozialen und digitalen Milieus in Wiesbaden.
Grundlage beider Analysen ist das vom Sinus-Institut entwickelte Milieumodell, das insgesamt zehn soziale Milieugruppen definiert, die sich anhand der beiden Dimensionen sozioökonomischer Status und subjektiver Grundorientierung gruppieren. Aufbauend darauf beschreiben die digitalen Milieus, wie Menschen digitale Angebote nutzen, welche Kompetenzen vorhanden sind und wo Hürden oder Vorbehalte bestehen.
Die beiden Stadtanalysen zeigen deutlich, dass sich die verschiedenen Milieugruppen räumlich sehr unterschiedlich über das Wiesbadener Stadtgebiet verteilen. Unterschiede, die bereits auf Ebene der Ortsbezirke sichtbar werden, treten auf Ebene der kleinräumigeren Planungsräume noch deutlicher hervor.
Einige Ergebnisse aus der Analyse der sozialen Milieus: Die von Sinus als „Leitmilieus“ bezeichneten Gruppen – Konservativ-Gehobene, Postmaterielle und Performer – ähneln sich stark in ihren sozioökonomischen Ressourcen und weisen auch ähnliche sozialräumliche Muster auf. Sie konzentrieren sich vor allem in gehobenen Wohnlagen mit hoher Eigentumsquote, vergleichsweise hoher Kaufkraft und stabilen Haushaltsstrukturen. Besonders ausgeprägt sind diese Milieus beispielsweise in Teilen von Nordost, Sonnenberg sowie in einzelnen dörflichen Vororten wie Frauenstein, Naurod oder Heßloch. In einigen Planungsräumen stellen diese drei Milieus zusammen deutlich mehr als die Hälfte aller Haushalte.
Demgegenüber finden sich die von Sinus als „Zukunftsmilieus“ bezeichneten Expeditiven und Neo-Ökologischen verstärkt in urbanen und innenstadtnahen Quartieren. Die Expeditiven stehen für einen kosmopolitischen, stark trendorientierten Lebensstil und sind insbesondere in Gebieten wie Adolfsallee, Luxemburgplatz, Rheinstraße/Dotzheimer Straße, Rheingauviertel oder Westend überdurchschnittlich vertreten. Das Neo-Ökologische Milieu ist ähnlich zukunftsorientiert wie die Expeditiven, legt dabei noch mehr Wert auf nachhaltige Lebensweise und entsprechende gesellschaftliche Transformation. Sie erreichen ihre höchsten Anteile ebenfalls vor allem in innenstadtnahen Quartieren.
Im Rahmen der kommunalen Daseinsvorsoge von besonderem Interesse sind die Prekären, da sie durch eine Häufung sozialer Benachteiligungen und Ausgrenzungen geprägt sind. Mit 7 Prozent stellen sie in Wiesbaden insgesamt eine relativ kleine Milieugruppe, weisen aber eine auffällige räumliche Konzentration in wenigen Gebieten auf: Nach dem Sinus-Modell gehören 15 Prozent der Haushalte im Schelmengraben sowie jeweils 13 Prozent in Bergkirchenviertel, Klarenthal-Nord und Bleichstraße diesem Milieutyp an, während im übrigen Stadtgebiet meist nur geringe Anteile von wenigen Prozent erreicht werden.
Die sozialräumliche Vielfalt Wiesbadens wird besonders innerhalb größerer und heterogener Ortsbezirke wie Biebrich deutlich. Dort unterscheiden sich die einzelnen Planungsräume erheblich hinsichtlich ihrer Milieustruktur. Während in Gebieten wie Gräselberg, Parkfeld oder Teilen von Biebrich-Mitte eher traditionell orientierte und sozioökonomisch schwächere Milieus stärker vertreten sind, dominieren in gehobenen Wohnlagen wie Adolfshöhe, Rosenfeld oder Am Hohen Stein eher Konservativ-Gehobene, Postmaterielle und Performer.
Die räumlichen Muster der sozialen Milieus stehen in engem Zusammenhang mit weiteren Strukturmerkmalen wie Alters- und Haushaltsstruktur, Wohneigentum, Mietniveau oder SGB-II-Bezug. Gleichzeitig zeigen die Analysen, dass sozialstrukturelle Unterschiede allein nicht ausreichen, um die Vielfalt der Lebenswelten in Wiesbaden zu beschreiben.
Dies wird auch in der ergänzenden Analyse der digitalen Milieus sichtbar. Sie betrachtet die Bevölkerung, die regelmäßig das Internet nutzt, und unterscheidet sechs unterschiedliche digitale Lebenswelten – von souveräner und explorativer Nutzung digitaler Angebote bis hin zu Gruppen mit deutlichen Zugangs- oder Kompetenzhürden.
Auch die digitalen Milieus weisen charakteristische räumliche Verteilungsmuster auf. Die Gruppe der „Selektiven“ bildet in vielen Ortsbezirken die größte Gruppe. Sie nutzt digitale Angebote bewusst und eher zurückhaltend, verfügt zugleich aber über hohe Medienkompetenz und einen souveränen Umgang mit analogen wie digitalen Informationsquellen. Besonders häufig findet sich dieses Milieu in suburban geprägten Wohnlagen mit höherem Durchschnittsalter und hoher Eigentumsquote. Die „Explorativen“ dominieren dagegen stärker in urbanen, innenstadtnahen Quartieren mit jüngerer Bevölkerung, hoher Mobilität und geringem Eigentumsanteil. Die „Versierten“ sind vergleichsweise gleichmäßig über das Stadtgebiet verteilt und prägen zahlreiche stabile Wohngebiete.
Milieus mit größeren digitalen Hürden – insbesondere die „Bemühten“ und „Ambivalenten“ – treten verstärkt in sozioökonomisch heterogenen oder belasteten Quartieren auf. Häufig bestehen dort geringere Kaufkraft, höhere Anteile von Haushalten mit Migrationshintergrund sowie stärker mietgeprägte Wohnstrukturen. Das zahlenmäßig kleinere Milieu der „Spaßorientierten“ konzentriert sich dagegen eher in innenstadtnahen Gebieten mit hoher Fluktuation.
Insgesamt gehören rund 45 Prozent der Bevölkerung digitalen Milieus an, die digitale Angebote nur eingeschränkt nutzen oder diesen eher vorsichtig gegenüberstehen. In mehreren Ortsbezirken stellen diese Gruppen sogar die Mehrheit. Die Analysen verdeutlichen damit, dass analoge Informations- und Serviceangebote in vielen Teilen Wiesbadens weiterhin eine wichtige Rolle spielen bzw. der möglichst barrierefreie Zugang zur digitalen Welt weiterhin auch von städtischer Seite unterstützt werden darf, um soziale Teilhabe auch in der digitalen Welt zu ermöglichen.
Die beiden Veröffentlichungen machen insgesamt deutlich, dass sich soziale und digitale Lebenswelten in Wiesbaden kleinräumig stark unterscheiden. Teilweise können sich direkt benachbarte Quartiere sowohl sozialstrukturell als auch hinsichtlich ihrer Wertorientierungen und digitalen Lebensweisen deutlich voneinander unterscheiden. Die Analysen liefern damit wichtige Hinweise für eine zielgerichtete Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern sowie für die bedarfsgerechte Planung kommunaler Angebote und Maßnahmen.
Die Wiesbadener Stadtanalysen 140 „Soziale Milieus in Wiesbaden - Vielfalt und Schwerpunkte im Stadtgebiet“ sowie 141 „Digitale Milieus - Verteilung im Wiesbadener Stadtgebiet“ können unter wiesbaden.de/statistik (Öffnet in einem neuen Tab) oder wiesbaden.de/stadtforschung (Öffnet in einem neuen Tab) kostenfrei als Publikation heruntergeladen werden.
Fragen beantwortet das Amt für Statistik und Stadtforschung unter (0611) 315691 oder amt-fuer-statistik-und-stadtforschungwiesbadende.
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Herausgeber dieser Pressemitteilung ist das Pressereferat der Landeshauptstadt Wiesbaden, Schlossplatz 6, 65183 Wiesbaden, pressereferatwiesbadende. Bürgerinnen und Bürger können sich bei Fragen an das zuständige Dezernat oder Amt wenden.



