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Aus dem Nähkästchen

Walhalla früher & morgen

Mitten Herzen von Wiesbaden - im ehemaligen Walhalla - entsteht ein einzigartiger Kultur- und Begegnungsort. Projektleiterin Vanessa Remy verrät uns, wie er die Landeshauptstadt ab 2030 bereichern wird!

Fräulein Quellgeflüster: Was steckt hinter dem Namen "Walhalla"?
Vanessa: In der nordischen Mythologie bedeutet der Begriff "Halle der Gefallenen". Man ging davon aus, dass sich die im Krieg Gefallenen an diesem mythischen Ort versammeln, der vom Göttervater Odin regiert wird. Um 1900 wurden Varieté- und Volkstheater dann "Walhalla" genannt, auch um parodierend auf den mythologischen Ruhmestempel anzuspielen.


Einen solch einzigartigen und prägenden Kulturort hat nicht jede Stadt.


Vanessy Remy - Frau mit lockigen langen Haaren

Fräulein Quellgeflüster: Warum lohnt es sich, das Walhalla zu sanieren? 
Vanessa: Architektur prägt Atmosphäre, hat Einfluss auf das Lebensgefühl. Wiesbaden hat durch seine außergewöhnlich umfassend erhaltene Architektur des Historismus einen ganz eigenen Stil. Das Walhalla, ein Einzelkulturdenkmal, ist Teil dieser Besonderheit, Teil dieses prägenden Stadtbildes sowie des Lebens vieler Wiesbadenerinnen und Wiesbadener und damit Teil der sich fortschreibenden Geschichte der Landeshauptstadt Wiesbaden. Einen solch einzigartigen und prägenden Kulturort hat nicht jede Stadt. Durch das kulturelle und bauliche Entwicklungsprojekt überführen wir das Walhalla aus der historischen Nutzungsgeschichte heraus in einen zukünftigen Kulturort mit allen Anforderungen, die unsere Gesellschaft heute an Kulturorte und ihre Nutzung stellt. Deshalb lohnt sich die Sanierung im doppelten Sinne: Wir erhalten ein einmaliges historisches Gebäude, setzen es technisch auf aktuellen Stand und machen damit die Wiederbelebung durch einen heutigen programmatischen Ansatz möglich, der die ganze Stadtgesellschaft ansprechen wird.

Fräulein Quellgeflüster: In welchem Stadium befindet sich die Sanierung?
Vanessa: Im Walhalla findet gerade eine Schadstoffsanierung statt. Alle belasteten Materialien werden herausgenommen und fachgerecht entsorgt. Die Restauratoren haben alle Schäden kartiert und im Spiegelsaal beginnen sie nun, die Dispersionsfarbe aus den 70er Jahren abzunehmen. Diese Farbe versiegelt die Mauern, was für ein Gebäude in der Quellenstadt Wiesbaden eher ungünstig ist. Die Feuchtigkeit muss aus den Wänden heraus diffundieren können, damit das Mauerwerk trocken bleiben kann. Und im Juli wird eines der Seitenschiffe entlang des Festsaals abgetragen. Man möchte herausfinden, ob außer den historischen Giebeln noch weitere Überreste der historischen Fassade erhalten geblieben sind, die wiederum als Anhaltspunkt für die Gestaltung der neuen Fassaden dienen können. Wir feiern diesen Erfahrungsfortschritt am 15. September beim Aktionstag Walhalla, der rund um das Walhalla und in der Mauritius-Mediathek stattfinden wird.


Schon seit dem Vormittag des gestrigen Tages strömten Menschenmassen herbei, um das neuerstandene Wunderwerk zu schauen.

Rheinischer Kurier anlässlich der Eröffnung 1897

Fräulein Quellgeflüster: Wie muss man sich einen Abend im Walhalla im 19. Jahrhundert vorstellen?
Vanessa: Da zitiere ich aus dem Artikel des Rheinischen Kuriers, der anlässlich der Eröffnung am 17. September 1897 erschienen ist: "Schon seit dem Vormittag des gestrigen Tages strömten Menschenmassen herbei, um das neuerstandene Wunderwerk zu schauen. [...] Gegen 8 Uhr war der untere Saal gefüllt und kurze Zeit später gab es weder im Balkon noch in den Logen ein Ruheplätzchen – ausverkauft. [...] Einige Minuten nach 8 Uhr intonierte die Hauskapelle unter der Leitung des Kapellmeisters Herrn Zimmer den Walhalla-Festmarsch [...] Als erste auf der Bühne erschien Fräulein Emilie Robert als Konzertsängerin. Die Dame trug, durch den lebhaften Jubel veranlasst, drei Lieder mit gewinnender, angenehm berührender Stimme vor." Der Artikel ist noch sehr viel umfangreicher und ich empfehle einen Besuch im Stadtarchiv, wo weitere Dokumente vom Programm um 1900 erzählen. Übrigens bin ich noch immer auf der Suche nach den Noten dieses Walhalla Festmarschs, den Kapellmeister Zimmer für das Haus komponierte. Es wäre schön, ihn zur Wiedereröffnung 2030 spielen zu können! Für Hinweise bin ich dankbar.


Am 18. April 1946 feierte die jüdische Gemeinde Pessach im Walhalla, eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat!


Fräulein Quellgeflüster: Wie hat sich die Nutzung über die Jahre verändert? 
Vanessa: Ein erster Schritt zur Erarbeitung meines Nutzungskonzepts war, die unterschiedlichen Nutzungen von 1897 bis zu seiner Schließung 2017 in Erfahrung zu bringen. Was war möglich in diesen Räumen umzusetzen, wie war die Gesamtkonzeption der Nutzung über die verschiedenen Etagen und Räume des Hauses verteilt?

  • Es begann mit dem Varieté- und Theaterbetrieb, zu dem auch Operettenaufführungen gehörten, beispielsweise des jüdischen Wiesbadener Komponisten Heinz Lewin, der in der Shoah ermordet wurde. Am 18. April 1946 feierte die jüdische Gemeinde Pessach im Walhalla, eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat, als Steve Landau sie anlässlich meiner Aktion "Meine Walhalla Geschichte" einreichte.
  • Mit dem Bambikino wurden Filme nicht mehr nur im Festsaal, sondern auch im Keller gezeigt.
  • In den 50er Jahren war das Walhalla im Besitz eines Kochs aus Oberbayern, entsprechend gab es eine Bayerische Gastronomie samt Kegelbahn im Keller.
  • Ein Auftritt von Elvis ist überliefert, die Jazzszene tummelte sich hier. Mein Onkel legte im Big Apple auf, das 1975 eröffnet wurde und das Staatstheater nutze das Haus als Interimsspielort, was organisatorisch nicht so ohne weiteres über die Bühne ging, weil der Platz im Walhalla für eine Ensemblebetrieb mit Werkstätten nicht ausreicht. Da gibt es einen lebendigen Briefwechsel von Herrn Janowsky, dem damaligen Geschäftsführenden Intendanten - der übrigens auch meinen Debütvertrag im Wiesbadener Staatstheater damals unterschrieben hat - mit der damaligen Kulturdezernentin Margarete Goldmann, den man ebenfalls im Stadtarchiv nachlesen kann.
  • Mit Sigrid Skoetz wurde das Walhalla ab 2001 durch den Verein Walhalla-Theater belebt und erobert.
  • 2017 musste die Schließung aus Gründen des Brandschutzes erfolgen.

Die Eröffnung ist für 2030 geplant. Ziel soll sein, dass das Haus fachmännisch saniert und gleichzeitig ausgereift funktional ist.


Fräulein Quellgeflüster: Wann soll es eröffnet werden? Was sind besondere Herausforderungenß 
Vanessa: Die Eröffnung ist für 2030 geplant. Wenn ich zum Beispiel die Fachplanung Bühnen- & Veranstaltungstechnik nehme, dann besteht hier die Aufgabe darin, nicht einfach neue Scheinwerfer an eine vorhandene Halterung zu hängen und einzustöpseln, die gibt es nicht, sondern mit Fachplanern, Denkmalschutz, Architekten, der SEG und weiteren Beteiligten zusammen zu erarbeiten, wo im Festsaal trotz Rabitzdecke und Stuck die Technik so platziert werden kann, dass das Publikum später etwas sieht und die Audiotechnik zu einem guten Hörerlebnis beitragen kann. Und wie kann die Last, also das Gewicht der Technik, getragen werden, da ist der Fachplaner Statik gefragt. Kleinteilige Schritte werden durch viele Fachleute erarbeitet und dank der Projektstruktur, die in Gremien und Arbeitsgruppen entsprechende Runden zusammenkommen lässt, kommen wir sorgfältig planend Schritt für Schritt voran. Ziel soll es sein, dass das Haus später fachmännisch saniert und gleichzeitig ausgereift funktional ist. Und dann gibt es bei einer Sanierung im Bestand immer Überraschungen – auch gute! Zum Beispiel wurde gerade entdeckt, dass das historische Bühnenportal, zumindest teilweise, hinter einer Verschalung erhalten geblieben ist. Nun wird es Stück für Stück freigelegt und der Raum bekommt eine weitere Qualität.


Mit diesem vielfältigen Programm wird das Walhalla die Antwort auf die Frage sein: Wie kann die notwendige Transformation, wie kann die Belebung unserer Innenstadt gelingen?


Fräulein Quellgeflüster: Wie soll das Walhalla künftig genutzt werden?
Vanessa: Der Kulturbeirat hat in seinem Manifest ausdrücklich den Wunsch geäußert, dass alle Sparten im Programm berücksichtigt werden sollen. Nun bietet das Walhalla unterschiedlichste Räumlichkeiten an, sowohl was die Atmosphäre betrifft, als auch die Kapazitäten und das sind ideale Voraussetzungen für einen Festivalspielort, der sich mit allen Sparten beschäftigen wird. Veranstaltungen wie Tanz, Theater, Performance, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen sind geplant. Das Walhalla wird sowohl Mutterort mit eigenen Festivalformaten, als auch eine von vielen anderen Spielstätten bestehender Festivals sein.

Das Walhalla ist dabei als Ort der Kooperation geplant. So wird die benachbarte Mauritius-Mediathek eine Bibliothek der Dinge im Erdgeschoss realisieren, wo auch Gastronomie und Dritter Ort geplant sind. Der Begriff "Dritter Ort" kommt aus der Soziologie und heißt zunächst einmal nur, dass man weder zu Hause ist (Erster Ort), noch auf der Arbeit oder in der Schule (Zweiter Ort) sondern sich an einem Dritten Ort des Aufenthalts befindet, einem nachbarschaftlichen Treffpunkt, im Wohnzimmer der Stadtgesellschaft. Hier kann man konsumfrei am Laptop arbeiten, lesen, chillen und das Handy aufladen, sich verabreden.

Ein weiterer grundsätzlicher programmatischer Ansatz ist jener der Bildung. Sie zu fördern und Kindern sowie Jugendlichen ebenso wie jungen aufstrebend Künstlerinnen und Künstlern einen Ort zum Wachsen anzubieten, ist eine weitere Aufgabe des zukünftigen Kulturortes.

Und Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, ihn zu nutzen. Beispielsweise kann ein Tanz- und Bewegungsraum gebucht werden für Yoga-Stunden, in Zusammenarbeit mit der Gastronomie können Tanztees stattfinden oder eine Riesling-Weinprobe. Und das Walhalla wird vor die Tür gehen. Die Steuerungsgruppe, unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters, hatte noch einmal auf diese Aufgabe hingewiesen. So kann ein Open-Air-Kino oder ein Sommer-Konzert auf dem Mauritiusplatz stattfinden. Mit diesem vielfältigen Programm wird das Walhalla die Antwort auf die Frage sein: Wie kann die notwendige Transformation, wie kann die Belebung unserer Innenstadt gelingen?


Das Walhalla setzt sofort Phantasie frei, man kommt als Künstlerin, als Kulturmensch sofort ins Ideen entwickeln, ins Entwerfen, ins Planen – das ist fast ein bisschen magisch und einfach zauberhaft.


Fräulein Quellgeflüster: Was fasziniert Dich persönlich an diesem Ort? 
Vanessa: Sobald ich das Walhalla betrete, der Festsaal mich umgibt, spielt sich vor meinem Inneren Auge ab, wie dieser Kulturort mit Leben erfüllt sein wird. Das Regiepult im hinteren Zuschauerbereich, Saallicht, ein munteres Stimmengewirr beim Einnehmen der Plätze, die Stille in der Dunkelheit, bevor sich der Vorhang beiseiteschiebt und den Blick auf die wohltemperiert erleuchtete Bühne freigibt, die ersten Töne, Schritte, Worte ... Das Walhalla setzt sofort Phantasie frei, man kommt als Künstlerin, als Kulturmensch sofort ins Ideen entwickeln, ins Entwerfen, ins Planen – das ist fast ein bisschen magisch und einfach zauberhaft. Dass ich einen Kulturort als Kulturmanagerin für die Landeshauptstadt Wiesbaden neu entwickeln kann ist eine wirklich großartige Aufgabe, die mich mit Freude und Dankbarkeit für das Vertrauen erfüllt. Und der übergeordnete Sinn und Zweck, vom Stärken der Demokratie mit den Mitteln der Kultur, Öffnen eines Kulturortes für die ganze Stadtgesellschaft über das Anschieben einer Transformation der Innenstadt und damit auch Anteil haben an einer Wirtschaftsförderung, das macht meine Aufgabe verantwortungsvoll und erfüllend.


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