Stadtarchiv veröffentlicht Quellen zur Geschichte der Eingemeindungen
Band 19 der Reihe „Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden“ präsentiert erstmals eine umfangreiche Quellenschau zu den Eingemeindungen der 1920er und 1970er Jahre.
Vor genau 100 Jahren begann mit der Eingemeindung von Biebrich, Schierstein und Sonnenberg eine Entwicklung, die Wiesbaden bis heute prägt: Mit den drei Orten wurden erstmals größere selbstständige Gemeinden in den Stadtkreis eingegliedert. 1928 folgten Bierstadt, Dotzheim, Erbenheim, Frauenstein, Georgenborn, Heßloch, Igstadt, Kloppenheim und Rambach. Rund 50 Jahre später kam es dann erneut zu einer Eingemeindungswelle im Zuge der hessischen Gebietsreform. Band 19 der Schriftenreihe nimmt diese unterschiedlichen Phasen der Stadtgeschichte anhand von Dokumenten aus dem Stadtarchiv in den Blick.
„Unter dem Titel ‚Wiesbaden grüßt seine neuen Bürger. 100 Jahre Eingemeindungen nach Wiesbaden‘ hat das Stadtarchiv Quellen zusammengestellt, die einen unmittelbaren Blick auf die Vorgänge rund um die Eingemeindungen ermöglichen. Sie lassen dabei sowohl die Perspektive der aufnehmenden Stadt Wiesbaden als auch diejenige der eingemeindeten Gemeinden sichtbar werden“, freut sich Kulturdezernentin Dr. Patricia Becher. „Die Quellenedition zeichnet die Transformation Wiesbadens von der mondänen Weltkurstadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts hin zur facettenreichen hessischen Landeshauptstadt nach“, so Dr. Becher.
Nicht fehlen dürfen natürlich auch Dokumente zur Angliederung der vormals zu Mainz gehörenden AKK-Vororte 1945 sowie die einzige Ausgliederung aus dem Stadtkreis (1939 wurde das 1928 zuerst eingemeindete Georgenborn Teil des Untertaunuskreises).
„Die Publikation versteht sich ausdrücklich nicht als klassische historische Abhandlung. Angesichts der sehr unterschiedlichen Quellenlage zu den einzelnen Stadtteilen wäre eine solche Darstellung weder sinnvoll noch der Vielfalt des Themas angemessen gewesen“, sagt der Leiter des Stadtarchivs Wiesbaden und Herausgeber Dr. Peter Quadflieg. „Stattdessen versammelt der Band aussagekräftige Dokumente, die die jeweils aktuelle Gesetzeslage, öffentlich geführte Diskussionen und klassisches Verwaltungshandeln zeigen“, erläutert Dr. Quadflieg. Die Quellen zeigen, wie intensiv um die Eingemeindungen gerungen wurde. Dabei ging es keineswegs ausschließlich um die Frage kommunaler Eigenständigkeit. Immer wieder standen konkrete Interessen im Mittelpunkt der Verhandlungen. So forderten die einzugemeindenden Gemeinden finanzielle Ausgleichsleistungen, die Übernahme von Personal und kommunalen Spitzenbeamten sowie Sonderregelungen für die neu hinzugekommenen Stadtbezirke wurden zum Teil leidenschaftlich diskutiert. Auch Fragen der städtebaulichen und infrastrukturellen Entwicklung spielten eine wichtige Rolle. Damit macht der Band deutlich, dass Eingemeindungen nicht nur Verwaltungsakte waren; sie waren politische Aushandlungsprozesse, in denen unterschiedliche Interessen aufeinandertrafen.
Besonders aufschlussreich sind die unterschiedlichen Vorgänge, wie Eingemeindungen zustande gekommen sind. Neben den Angliederungen der 1920er und 1970er Jahre werden auch die besonderen Entwicklungen rund um Mainz-Amöneburg, -Kastel und -Kostheim sowie Georgenborn dokumentiert. Um die zuvor Mainz zugehörigen Ortsteile wurde lange gestritten. Wechsel an den Stadtspitzen ließen die Diskussionen um eine Rückabwicklung des Befehls der Militärregierung zur Eingliederung von AKK in den Regierungsbezirk Wiesbaden immer wieder aufflammen. Ein Rechtsgutachten 1954, das ebenfalls Eingang in die Quellenedition fand, sollte eine endgültige Klärung herbeiführen. Die Diskussionen hielten jedoch bis weit in die 1980er Jahre an.
Über die Jahrzehnte hinweg lassen sich erstaunliche Parallelen erkennen. Immer wieder stellte sich die Frage, welche Vorteile die bereits eingegliederten Gemeinden aus dem Zusammenschluss ziehen konnten und welche Bedingungen für die Aufgabe ihrer kommunalen Eigenständigkeit ausgehandelt wurden. Der Band weist anhand der zahlreichen Beispiele ein historisches Spannungsverhältnis aus, in dem die Vertreterinnen und Vertreter der eingemeindeten Orte vielfach versuchten, möglichst konkrete Vorteile für ihren eigenen Stadtbezirk zu sichern. Aus heutiger Sicht erscheint dies als Kirchturmdenken. Doch das Verhalten erklärt sich aus der jeweiligen historischen Situation und dem ungleichen Kräfteverhältnis zwischen der Stadt Wiesbaden und den eingemeindeten Gemeinden.
Die Quellenedition ist ein vielfältiges Panoptikum der überlieferten Dokumente zur Eingemeindungsgeschichte Wiesbadens. „Die Quellen zeigen, dass Eingemeindungen weit mehr waren als die Veränderung von Verwaltungsgrenzen“, erklärt Dr. Patricia Becher. „Sie erzählen von unterschiedlichen Interessen, von Verhandlungen und Konflikten, aber auch davon, wie aus ehemals selbstständigen Gemeinden Bestandteile einer Stadtgesellschaft wurden, die durch ihre ganz eigene kulturelle Identität Wiesbaden zu einer spannenden und lebenswerten Großstadt machen“, fasst Dr. Becher zusammen.
Mit Band 19 legt das Stadtarchiv nicht nur eine Publikation zum historischen Jubiläum vor, sondern stellt ein Kaleidoskop der Stadtgeschichte zur Verfügung, das historisch gewachsene Strukturen sichtbar macht, die bis heute Wiesbadener Identitäten prägen. Die ausgewählten Dokumente laden dazu ein, die Geschichte der Eingemeindungen aus nächster Nähe zu betrachten und bekannte Entwicklungen aus der Perspektive der damaligen Akteure neu zu entdecken.
Bibliografische Angaben:
Peter Quadflieg (Hg.): „Wiesbaden grüßt seine neuen Bürger“. 100 Jahren Eingemeindungen nach Wiesbaden, Wiesbaden 2026, 480 S., ISBN 978-3-9825083-4-4, 34,99 Euro.
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