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Kultur

Maifestspiele

Als die Wiesbadener Kaiserfestspiele 1896 "Auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät" im neu erbauten Theater am Warmen Damm eröffnet wurden, galt es, der Nebenresidenz des Kaisers hauptstädtischen Glanz zu verleihen. Hofstaat, diplomatisches Corps, Aristokratie und Großbürgertum suchten nach Stätten zur Repräsentation: Die Kunst der Bühne bot ihnen Anlässe, sich in großer Abendgarderobe zu zeigen, was allerdings die Beachtung der höfischen Kleideretikette voraussetzte. Strenge Maßstäbe sahen nämlich für die Herren "Smoking-Zwang" vor, und nur die korrekte Einhaltung eines Mindestdekolletés - dies eine Marotte des Kaisers - gestattete der Damenwelt angeblich den Eintritt: Kolportiert wurde gar in ironischer Überzeichnung, die Garderobenfrauen hätten Zentimetermaß und Schere zur Hand, um der Vorschrift nicht entsprechende Kleidungsausschnitte zu erweitern. Vom Glanz der Perlen und Diamanten, der Orden und Diademe schwärmten die Augenzeugen noch Jahrzehnte später. Kurzum: Die gesellschaftliche Elite der wilhelminischen Ära feierte ihr Fest.

Auf der Bühne gab es große Opern, im Schauspiel pompöse Klassikeraufführungen. Enrico Caruso, der übrigens eine abendliche Gage von 10.000 Goldmark erhielt (heute entspräche dies dem stolzen Betrag von mehr als 100.000 Euro), trat zum Beispiel in seiner weltberühmten Rolle als Herzog von Mantua in Verdis "Rigoletto" auf. Wilhelms II. Vorliebe für überwuchernde Theatralik und szenischen Luxus prägten den ganzen Wiesbadener Theaterstil der damaligen Zeit, der - wie auch immer man ihn heute beurteilen mag - großen Anklang fand, weil er dem Bedürfnis nach Luxus und Genussfreude entgegenkam.

Der Stil der bis 1914 veranstalteten Kaiserfestspiele konnte nach dem Ersten Weltkrieg unter den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen der Weimarer Republik keine Fortsetzung finden - das neue Konzept zielte auf ein Volks- und Kulturtheater und sollte als klare Absage an ein nur auf äußerliche Wirkung bedachtes, elitäres Pomp- und Prunktheater verstanden werden. Unter Intendant Paul Bekker entwickelte sich mit der Wiederaufnahme der Maifestspiele 1928 eine Festspielidee, die sich bis zum heutigen Tag fortgesetzt hat: Die hervorragenden Aufführungen des Jahres sollten zusammen mit Neuinszenierungen in einer kurzen Festspielzeit im Mai präsentiert werden. Hierbei sollte insbesondere das zeitgenössische Musiktheater eine besondere Förderung erfahren. Zu Beginn der dreißiger Jahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage zusehends, was auch im Kulturbereich eine drastische Einsparungswelle ins Rollen brachte. Noch einmal fanden 1932 groß angelegte Maifestspiele statt. Bekker musste wegen seiner jüdischen Abstammung 1933 seinen Posten aufgeben und emigrierte im folgenden Jahr über Frankreich in die USA. Verbittert und verarmt nahm er sich 1937 in New York das Leben.

Um "die Kunst wieder zum Volk und das Volk zur Kunst" zu führen, machte Goebbels 1935 auch aus dem Wiesbadener Theater ein "Deutsches Theater", das seinem Ministerium unterstand. Die letzten Maifestspiele fanden im gleichen Jahr statt; der Spielplan insgesamt wurde "gereinigt", die Klassiker - sofern sich an ihnen "deutsches Wesen" demonstrieren ließ, blieben erlaubt. 

"Fenster zum Osten" – Völkerverständigung bereits während des Kalten Krieges

Die dritte Phase der Wiesbadener Maifestspiele begann am 28. August 1949 - dem 200. Geburtstag Goethes -, als der damalige Oberbürgermeister Redlhammer die Neubegründung der Maifestspiele als Europäisches Opernfest verkündete. Völkerverständigung durch die internationale Sprache der Musik war die neue Parole. Die weltoffene Atmosphäre der Stadt, die verkehrsgünstige Lage, das wieder hergerichtete Festspielhaus waren damals überzeugende Argumente, eine neue Tradition zu begründen.

Ensemble-Gastspiele sollten einen Beitrag leisten, die europäischen Nationen aus Ost und West wieder mit deutscher Kultur und Kunst zu versöhnen. Die Maifestspiele wurden bald ein "Fenster zum Osten", die völkerverbindende Grundidee der neuen Maifestspiele fand bereits in der Phase des Kalten Krieges ihre praktische Umsetzung. 1967 dann gab es das erste Gastspiel des Bolschoi-Balletts im Wiesbadener Opernhaus. Glanzvolle Spitzenleistungen von Solisten und Ensembles aus aller Welt geben seitdem einem interessierten und sachkundigen Publikum Einblick in das Theaterleben und in die künstlerische Arbeit, die jenseits unserer Grenzen geleistet wird. 

Maifestspiele - damals wie heute kultureller Höhepunkt im Leben der Stadt

So bleibt es nicht aus, dass die Maifestspiele nicht nur die traditionelle Form der Bühnenkunst zeigen, sondern auch Raum schaffen für die Versuche junger Künstlerinnen und Künstler, die Ausdrucksmöglichkeiten zeitgenössischen Schaffens darzustellen. Der höfische Glanz der Kaiserzeit ist verschwunden, die Faszination der Internationalen Maifestspiele für die Besucherinnen und Besucher einer neuen demokratischen Gesellschaft aber ist geblieben. Die Internationalen Maifestspiele sind noch immer ein Höhepunkt im kulturellen Leben der Landeshauptstadt Wiesbaden.

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