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Kultur

Geheimnis der süß duftenden Blume

Kurier-Serie "Stadtteile sagenhaft" - 6. Folge: Liebesgeschichte von der Sonnenberger Burg, vom 13. November 2004 - Von Kurier-Mitarbeiterin Eva Wodarz-Eichner

Ein trauriges Burgfräulein, Gespenster im Schloss - auch in Wiesbaden und seinen Stadtteilen sollen sich "sagenhafte" Geschichten zugetragen haben. Der Kurier stellt sie in loser Folge vor. Der sechste Teil der Serie führt nach Sonnenberg.
 
Schon seit langer, langer Zeit erzählte man sich, dass im Sonnenberger Burgberg ein Zwergenvolk haust, das unermessliche Reichtümer hüten soll: Von riesigen Truhen, voll mit Gold, Silber und Edelsteinen, wird erzählt, und von einem wunderschönen jungen Mädchen, das die Zwerge vor Ur-

Sonnenberg zeiten gefangen genommen haben. Sie altert nicht, aber sie kann sich auch ihres Lebens nicht freuen, weil sie Tag für Tag und Nacht für Nacht am Spinnrad sitzen und für die Zwerge feines Leinen spinnen muss. Doch alle sieben Jahre darf sie für einen Tag den dunklen Burgberg durch ein geheimes Tor verlassen und das Sonnenlicht sehen - und nur an diesem Tag kann sie aus dem Bann der Zwerge erlöst werden.

Auch ein junger Hirte, der täglich rund um die Sonnenberger Burgruine seine Herde weidete, hatte als Kind von dieser Sage gehört. Irgendwann hatte er aus Langeweile begonnen, die geheime Pforte zum Zwergenland zu suchen, aber weil er sie nie gefunden hatte, langweilte ihn die Suche und er gab sie auf. Eines Tages lagerte der Hirte wieder mit seiner Herde am Sonnenberger Burgberg, als er plötzlich durch das Meckern seiner Ziegen aufgeschreckt wurde: Vor ihm stand das schönste Mädchen, das er jemals gesehen hatte - und so viel er auch fragen mochte, wer sie sei und woher sie komme, sie antwortete nicht. Aber sie bedeutete ihm mit einer graziösen Bewegung, ihr zu folgen - dabei fiel ihr eine wunderbar süß duftende Blume aus dem Haar. Der Hirte hob sie auf und steckte sie sich an den Hut, und ihr Duft strömte ihm lieblich in die Nase.

Er folgte der Fremden ganz nah an die Burg heran, bis sie vor einem dichten Gebüsch an einer Mauer standen. Das Mädchen zog ein paar Zweige zur Seite, und der junge Hirte glaubte, seinen Augen nicht zu trauen: Eine Pforte war da, mit einem verwitterten Schloss, das jetzt geöffnet am Türriegel hing. Wie oft hatte er hier schon gesucht, und immer hatte sich das Tor zum Zwergenland vor seinen Augen verborgen. Das Mädchen öffnete die Tür und bedeutete dem Hirten zu folgen - tief hinein in den Berg, durch lange, dunkle Gänge, die sich im Innern des Felsens immer weiter verzweigten.

Plötzlich tat sich vor ihnen eine riesige Schatzkammer auf, die von 1000 Kerzen erhellt schien: Gold, Silber und Edelsteine gleißten und lockten, und das fremde Mädchen bedeutete dem Hirten, sich reichlich von allem zu nehmen. Und während er sein Glück kaum fassen konnte und sich die Taschen mit den Kostbarkeiten füllte, fiel sacht die Blume des Mädchens von seinem Hut herab. "Vergiss das Beste nicht!", mahnte das Mädchen, und der Hirte erschrak. Er stopfte sich noch mehr Edelsteine in den Hut, doch wieder sagte sie: "Vergiss das Beste nicht!" Er füllte auch den Hut mit dicken Goldmünzen, und zum dritten Mal sprach sie: "Vergiss das Beste nicht!" Ihre Stimme war kaum zu hören, denn sie war von Tränen erstickt, und aus der Tiefe des Berges hörte der Hirte ein dumpfes Grollen. Ihn packte kaltes Entsetzen, und schwer beladen mit seinen neuen Reichtümern rannte er die dunklen Gänge zurück.

Er fand die Pforte und war froh, dem unheimlichen Berg entronnen zu sein. Doch als er draußen die Taschen leerte, konnte er suchen, so lange er wollte, er fand nichts als welkes Laub. Die Pforte zum Zwergenreich war verschwunden, und plötzlich erfasste ihn ein tiefer Schmerz: Er war dazu ausersehen gewesen, das Mädchen zu erlösen - er hätte sie befreien können, wenn er statt der Schätze nur ihre Blume mitgenommen hätte.

Immer wieder wanderte er zum Burgberg, suchte nach der Pforte mit dem verwitterten Schloss und rief verzweifelt nach dem fremden Mädchen, doch es war vergebens. Der Fluch der Zwerge hatte ihn getroffen, sein Herz war gebrochen, und es dauerte nicht lange, bis er starb - im nächsten Sommer weidete ein anderer Hirte das Vieh im Schatten der Burg.

Diese Sage gibt es in ähnlicher Form auch von anderen Burgen und Burgbergen. Ganz und gar einmalig aber dürfte die Geschichte sein, die von einen Sonnenberger Pfarrer noch heute erzählt wird: Der Pfarrer war gestorben und die ganze Gemeinde war auf den Beinen, um ihm das letzte Geleit zu geben. Während sich der Trauerzug durch die Straßen und Gassen Sonnenbergs schlängelte, läutete die Kirchturmglocke ihrem Pfarrer einem Abschiedsgruß.

Plötzlich verstummte die Glocke. Keiner konnte es sich erklären, und erst, als ein paar Männer auf den Kirchturm stiegen und die Glocke untersuchten, wusste man, warum sie nicht mehr läuten konnte: Sie war geborsten - über 250 Jahre hatte sie treu ihren Dienst getan, doch mit dem Tod des Pfarrers war auch ihr Leben erloschen. Die Männer schleppten die schwere Glocke aus dem Turm, brachten sie auf den Friedhof und setzten sie dem Pfarrer aufs Grab: Dort bleibt sie bis in die Ewigkeit mit ihm verbunden.

Quelle: Wiesbadener Kurier

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