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Unterwegs im ... Stadtarchiv Wiesbaden

Das Stadtarchiv Wiesbaden ist das Gedächtnis der Landeshauptstadt und hält ihre Geschichte und Geschichten lebendig – zum Beispiel im Stadtlexikon. Leiter Dr. Peter Quadflieg über die Aufgaben des Stadtarchivs und mit welcher historischen Persönlichkeit er sich gerne mal austauschen würde.

Welche Dokumente sind im Stadtarchiv zu finden?

Dr. Peter Quadflieg im Stadtarchiv

Dr. Peter Quadflieg: Das Stadtarchiv Wiesbaden verwahrt als historisches Gedächtnis der Landeshauptstadt Wiesbaden Akten und Amtsbücher, Urkunden und Fotos, Plakate und Stiche, Flyer, Filme und Tonaufnahmen, Druckschriften und Bücher, aber auch rein digitale Unterlagen wie Daten aus Fachverfahren, digitale Bilder oder Dateien. Wir haben auch eine kleine Sammlung von Realien, also von Gegenständen. 


Unser ältestes Stück ist eine Urkunde aus dem Jahr 1351. Darin gestattet König Karl IV. der Gräfin Irmgard zu Nassau die Gründung und Befestigung einer Stadt auf Ihrem Gut in Sonnenberg.

Von wann stammt das älteste?

Dr. Peter Quadflieg: Unser ältestes Stück ist eine Urkunde aus dem Jahr 1351. Darin gestattet König Karl IV. der Gräfin Irmgard zu Nassau die Gründung und Befestigung einer Stadt auf Ihrem Gut in Sonnenberg. Schön ist, dass bei dieser Urkunde das Wachssiegel mit Seidenschnur noch erhalten ist. Wir zeigen die Urkunde gern bei Führungen und können den Besucherinnen und Besuchern vermitteln, wie eine mittelalterliche Urkunde ausgesehen hat.


Welche Aufgaben hat das Stadtarchiv?

Dr. Peter Quadflieg: Das Stadtarchiv Wiesbaden bewahrt Dokumente und Unterlagen auf, die von bleibendem historischen Wert sind, wichtige Ereignisse und Fakten dokumentieren oder die aus rechtlichen Gründen dauerhaft aufbewahrt werden müssen. 

Blick ins Magazin des Stadtarchivs mit Aktenschränken

Wir übernehmen Schriftgut von städtischen Dienststellen und aus dem privaten Bereich in Auswahl und verzeichnen dies in unserer Datenbank Arcinsys. Dadurch sind die meisten Unterlagen, die in unseren Magazinen lagern, im Internet für jeden nutzbar. Unsere Datenbank kann online (Öffnet in einem neuen Tab) nach Stichworten durchsucht werden.

Wir verpacken unsere Archivalien fachgerecht, um sie vor Schmutz und Temperaturschwankungen zu schützen und dadurch langfristig Schäden am Archivgut zu vermeiden. Im Lesesaal, am Telefon und auf schriftlichem Weg beraten wir Nutzerinnen und Nutzer zu allen Fragen der Stadtgeschichte und fertigen bei Bedarf Gutachten an, wenn unsere historische Expertise gefragt ist.

Durch Veranstaltungen und archivpädagogische Angebote für alle Altersgruppen vermitteln wir Stadtgeschichte zielgruppengerecht. Zudem wirken wir bei der Ausbildung des archivischen Nachwuchses mit, indem wir Praktika für Studierende anbieten und selbst in dem Beruf Fachangestellte/r für Medien und Informationsdienste (Öffnet in einem neuen Tab) ausbilden. Zu herausragenden historischen Ereignissen und Themen, wie dem Kriegsende 1945, organisieren wir Fachtagungen und publizieren Forschungsergebnisse in unserer Schriftenreihe und anderen Publikationen bzw. im Netz.


Wir haben auch viele Anfragen aus dem privaten Bereich, bei denen es oft um Familienforschung geht. Oder jemand erfragt Informationen zu dem Haus, in dem er wohnt.


Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen?

Dr. Peter Quadflieg: Die Anliegen unserer Nutzerinnen und Nutzer sind sehr unterschiedlich. Wir unterstützen die anderen Ämter und Dezernate der Stadt sowie Landes- und Bundesbehörden, wenn diese Informationen benötigen. Wir haben aber auch viele Anfragen aus dem privaten Bereich, bei denen es oft um Familienforschung geht. Oder jemand erfragt Informationen zu dem Haus, in dem er wohnt. Bei vielen anderen Anfragen geht es um Erbenermittlung oder Recherchen zur Beantragung der deutschen Staatsangehörigkeit. Forschungsanfragen von wissenschaftlichen Institutionen, Universitäten und Museum sowie Anfragen von Studierenden unterschiedlichster Fachrichtungen erhalten wir auch. Entweder beantworten wir diese Anfragen schriftlich oder beraten vor Ort im Lesesaal des Stadtarchivs.

Besonders gut überliefert ist die Zeit Wiesbadens als sogenannte Weltkurstadt Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.


Welche Ereignisse spiegeln sich besonders im Bestand wider?

Dr. Peter Quadflieg: Im Grund spiegelt sich die gesamte Stadtgeschichte seit der Frühen Neuzeit im Stadtarchiv wider. Besonders gut überliefert ist die Zeit Wiesbadens als sogenannte Weltkurstadt Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, aber auch die Nachkriegszeit ab 1945, in der sich die Konstituierung des Landes Hessen und der Weg Wiesbadens zur Landeshauptstadt nachzeichnen lässt. Wir haben auch interessante Quellen zur Eingemeindung heutiger Stadtteile, die zuvor unabhängig waren und die 1926, 1928, 1945 und 1977 zu Wiesbaden kamen. Zu diesem Thema werden wir im Herbst ein Buch mit Quellen aus unserem Archiv vorstellen.

Gibt es ein Dokument, das Sie besonders berührt?

Dr. Peter Quadflieg: Ein besondere Archivale, die wir 2002 als Depositum der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden bewahren, ist die sogenannte Gestapo-Kartei aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Kartei, die rund 1.000 Namen enthält, musste ab 1938 auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei von der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden geführt werden und diente letztendlich der Deportation und der Ermordung der Wiesbadener Jüdinnen und Juden. Sie enthält Angaben zur Familienzusammengehörigkeit, Daten zu Eheschließungen, Hinweise zu Wohnungswechseln und Emigrationen. Aus ihr gehen auch die Daten der Deportation hervor. Die Kartei ist vollständig erfasst und dient heute der Rekonstruktion der Lebenswege und der Umstände, unter denen dieser Menschen verschleppt und ermordet worden sind.


Ein besondere Archivale ist die sogenannte Gestapo-Kartei aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Kartei, die rund 1.000 Namen enthält, musste ab 1938 auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei von der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden geführt werden.


Wenn Sie ein Gespräch mit einer historischen Persönlichkeit aus Wiesbaden führen könnten - welche wäre es?

Dr. Peter Quadflieg: Dann würde ich mich wahrscheinlich für Carl Bernhard von Ibell (Öffnet in einem neuen Tab) entscheiden. Der aus Bad Ems stammende Jurist Ibell war von 1883 bis 1913 Oberbürgermeister von Wiesbaden und hat die Stadt maßgeblich in der Zeit ihrer Blüte um die Jahrhundertwende geprägt. In seine Zeit fielen richtungsweisende städtebauliche Entscheidungen und bedeutende historische Ereignisse. Ich glaube, dass es ein kontroverses Gespräch werden würde, da Ibell eine recht einseitige Politik für die Stadt betrieben und nicht immer die Zeichen der Zeit erkannt hat, aber der Austausch wäre sicherlich interessant. 

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