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Historismus

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Den Begriff Historismus für die Kunst des 19. Jahrhunderts hat erstmals 1938 Hermann Beenken für die Wiederaufnahme historischer Stile in Neuromanik, Neugotik, Neurenaissance und Neubarock verwandt. Die Entwicklung des Historismus lässt sich in folgende sechs Stilphasen unterteilen: Auf den Klassizismus (um 1789–1835) folgten der sogenannte romantische (um 1835–66) und der gründerzeitliche Historismus (um 1866–88) sowie der Späthistorismus (um 1888–1910) und etwa zeitgleich zu Letzterem der Jugendstil (um 1895–1910) und der Neoklassizismus (um 1910–25).

Die einzelnen Phasen des Historismus lassen sich in Wiesbaden besonders gut nachweisen, da die Stadt wie kaum eine andere vom Historismus geprägt wurde und erhalten blieb. Zwar ist der Stadtgrundriss im Historischen Fünfeck älter und geht wohl noch auf den der römischen Zivilsiedlung zurück, die Bebauung jedoch stammt zum großen Teil aus dem 19. Jahrhundert Entscheidend sind die 1834–1914 erschlossenen Stadterweiterungsgebiete, in denen außer anspruchsvollen Mietwohnungen auch weitläufige Villengebiete für die Oberschicht der nassauischen und preußischen Gesellschaft entstanden. Das um 1800 errichtete Rosella-Palais in Mainz-Kastel, ein langgestreckter klassizistischer Wohnbau, ist ein frühes Beispiel für den neuen Baustil.

Bedeutende Baumeister des Klassizismus in Wiesbaden waren Christian Zais, Carl Florian Goetz und Friedrich Ludwig Schrumpf. Mit dem 1813–20 von Zais erbauten Erbprinzenpalais entstand ein kristallinisch klarer Kubus unter weitgehendem Verzicht auf Ornamentik, mit Säulen als einzigem Schmuck. Zais zugeschrieben und erhalten geblieben ist ferner nur noch das sogenannte Schenck’sche Haus in der Friedrichstraße. Wie Zais war auch Goetz wesentlich an der Entstehung des Historischen Fünfecks und dessen Bebauung beteiligt, für die er Modellhäuser in verschiedenen Varianten entwarf, wie die Friedrichstraße 5 und Luisenstraße 3 bis 11. Schrumpf schuf 1829 mit der ersten katholischen Pfarrkirche am Luisenplatz einen klassizistischen Bau. Damit dieser als Kirche zu erkennen war, setzte er dem würfelförmigen Baukörper an den Ecken zwei niedrige Türme auf. Der bereits 1831 eingestürzte Bau glich dem zuvor (1823–26) von Schrumpf erbauten Jagdschloss Platte.

Um 1835 ging der strenge Klassizismus in den sogenannten romantischen Historismus über. Der Auftrag für den Neubau der Kirche St. Bonifatius ging 1844 an Philipp Hoffmann. An Stelle von Spitzbögen verwendete er wie die meisten Architekten des romantischen Historismus Rundbögen, weshalb man diese Stilphase des Historismus auch Rundbogenstil nennt. Erst mit der reichen, fünfteiligen Turmgruppe der Marktkirche (1852–62) wandte Carl Boos die Gotik bewusst an. Im Profanbau bedeutete das Ministerialgebäude in der Luisenstraße den Beginn des romantischen Historismus. Die italienische Frührenaissance diente jetzt als Vorbild. Für die Dauer des romantischen Historismus war in Wiesbaden das Ende des Herzogtums Nassau 1866 entscheidend.

Der gründerzeitliche Historismus, dessen Bezeichnung auf die Gründung des Deutschen Reiches 1871 zurückgeht, fiel mit der Regierungszeit Wilhelms I. zusammen. Für die immer aufwendigeren Bauten mit malerisch gestalteten Fassaden unter Abkehr von der bis dahin geltenden strengen Symmetrie ist die ehemalige Kaiser-Wilhelms-Heilanstalt am Schlossplatz ein erstes Beispiel, ein spätes Werk Hoffmanns (1868–71). Zum ersten Mal ist die Fassade am Schlossplatz nicht mehr symmetrisch komponiert, sondern dem hohen Turm auf der Ecke zur Mühlgasse mit seinen ganz verschiedenen Vorbauten antwortet zum ehemaligen Kavalierhaus hin nur ein schmaler, schwacher Risalit mit rundbogiger Einfahrt.

Nach 1866 wurden größere Bauvorhaben zunehmend auch auswärtigen Architekten überlassen. So wurde der Auftrag zur Errichtung des neuen Rathauses 1883 an Georg von Hauberrisser vergeben, der sich auf die Erbauung von Rathäusern spezialisiert hatte. In Wiesbaden wählte er den Stil der deutschen Renaissance, und bis zur Kriegszerstörung waren die fünf Fassaden des unregelmäßigen Polygons von malerischer Wirkung, besonders die asymmetrische Südfront zum Dern’schen Gelände, hervorgerufen durch die unterschiedliche Dicke der Ecktürme. Neben der deutschen Renaissance wurde im gründerzeitlichen Historismus vielfach die italiensiche Hochrenaissance als Vorbild gewählt, so bei der Villa Clementine (1878–82) mit ihren ganz unterschiedlichen Fassaden zur Wilhelmstraße und zum Warmen Damm und der Abkehr von der bis dahin üblichen regelmäßigen Würfelform.

Der Späthistorismus begann mit dem Regierungsantritt von Kaiser Wilhelm II. 1888 und dominierte die Architektur in Wiesbaden bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa schwang sich der Historismus in einer Pracht liebenden Gesellschaft aus altem Adel und neureichen Industriellen zu höchster Vollendung auf. Jetzt wurde auch der bis dahin verachtete Barock wieder hoffähig. Nach Wiesbaden gelangte er durch den Bau des Königlichen Hoftheaters. Typische Zeugnisse sind auch das ehemalige Hotel Rose am Kochbrunnen, das Hotel Nassauer Hof am Kaiser-Friedrich-Platz, das prächtige Wohn- und Geschäftshaus Wilhelmstraße 12/Luisenstraße 1 sowie der neue Hauptbahnhof.

Das neue Kurhaus von Friedrich von Thiersch ist ein Beispiel für den Stilpluralismus nach der Jahrhundertwende. Er markiert ebenso wie der Jugendstil und der Neoklassizismus das Ende des Historismus und den Übergang zur Baukunst des 20. Jahrhunderts. Sind das sogenannte Weiße Haus des Architekten Josef Beitscher in der Bingertstraße 10 und das Haus Emser Straße 39 dem Jugendstil verpflichtet, so ist der Neoklassizismus in Wiesbaden vertreten durch die Sektkellerei Henkell & Co., die Landesbibliothek und das Museum Wiesbaden. Vergleicht man das 1820 fertig gestellte Erbprinzenpalais mit dem Wohn- und Geschäftshaus Wilhelmstraße 12/Luisenstraße 1 aus der Zeit um 1900, wird der starke Wandel in der Entwicklung des Historismus deutlich. Dass dieser sich die historischen Stile in der Reihenfolge ihrer Entstehung von der griechischen Antike bis zum Barock zum Vorbild nahm, geschah nicht mit dem Ziel, die abendländische Kunstgeschichte nachzuvollziehen, sondern in dem Bestreben, mit zunehmendem Wohlstand von der Askese des Klassizismus zu wachsender Plastizität, Monumentalität und Schmuckfreudigkeit zu gelangen.

Literatur

Beenken, Hermann: Der Historismus in der Baukunst. In: HZ, Bd. 157, 1938 [S. 27–68].

Pevsner, Nikolaus: Möglichkeiten und Aspekte des Historismus. Versuch einer Frühgeschichte und Typologie des Historismus. In: Historismus und bildende Kunst (Studien zur Kunst des 19. Jh.s. Bd. 1), München 1965 [S. 13–24].