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Pressemitteilung der Landeshauptstadt Wiesbaden

„Unter den Eichen“: Neue Dauerausstellung in KZ-Gedenkstätte eröffnet

Nach dreijähriger Schließung wurde die Gedenkstätte „Unter den Eichen“ am Dienstag, 12. Mai, mit einer Gedenkstunde wiedereröffnet. Dank Unterstützung aus Luxemburg hat nun auch das sechste Opfer des Bombenangriffs auf das Wiesbadener KZ-Außenlager am 18. Dezember 1944 ein Gesicht erhalten. Bisher fehlte die Abbildung des 26-jährigen Alphonse Weber. Das Foto wird nun in die Dauerausstellung eingearbeitet.

Aufgrund des wechselhaften Wetters wurde die Eröffnung kurzfristig von der Gedenkstätte in die Räumlichkeiten der Hochschule RheinMain verlegt.

Auf dem heutigen Campus „Unter den Eichen“ hatte sich das Wiesbadener Außenlager befunden. Es wurde am 20. März 1944 eingerichtet. Die SS hatte 57 Männer aus dem SS-Sonderlager/KZ Hinzert angefordert. In einem weiteren Transport kamen im September weitere 19 Männer hier an. Im Wiesbadener Außenlager waren zum Zeitpunkt seiner stärksten Belegung rund 100 Häftlinge vorwiegend aus Luxemburg, aber auch aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden interniert. Sie mussten für die SS Zwangsarbeit leisten und unter anderem einen Bunker unterhalb des Reit- und Turnierplatzes „Unter den Eichen“ bauen. Er ist das letzte erhaltene bauliche Zeugnis, das an das Wiesbadener Außenlager erinnert.

Das Lager befand sich in unmittelbarer Nähe zum Reit- und Turnierplatz. In diesem Bereich entstand später der Campus „Unter den Eichen“ der Hochschule RheinMain. Deshalb war es der Hochschule ein Anliegen, sich an der Wiedereröffnung zu beteiligen, betonte Hochschulkanzlerin Dr. Tina Klug. Die SS hatte das Areal Anfang 1944 genutzt, um hierhin mit ihren Wiesbadener Dienststellen auszuweichen. Man erhoffte sich am Stadtrand mehr Schutz vor alliierten Luftangriffen als in den Häusern Uhlandstraße 4 und 5, in denen die Dienststellen des Höheren SS- und Polizeiführers Rhein/Westmark untergebracht waren. Zum Bau dieser Ausweichstellen hatte die SS Häftlinge aus dem SS-Sonderlager/KZ Hinzert im Hunsrück angefordert.

Die neue Dauerausstellung erzählt die Geschichte des Wiesbadener Außenlagers. Das Gedenken an die Häftlinge steht im Mittelpunkt, die Ausstellung hat sich aber auch zum Ziel gesetzt, das oberhalb der Gedenkstätte gelegene Areal einzuordnen. Das Stadtarchiv konnte bei seiner intensiven Konzeptions- und Forschungsarbeit auf umfangreiche Interviews mit Überlebenden des Wiesbadener Außenlagers zurückgreifen. Die Erkenntnisse über das Lagerleben und die Häftlingsgemeinschaft waren für die Entwicklung der Schau essenziell. „Wenn wir uns [den] Alltag im Lager vorstellen, dann müssen wir uns von jeder Idee eines normalen, selbstbestimmten Lebens verabschieden. Der Alltag war geprägt von Willkür, Gewalt und systematischer Entwürdigung“, beschrieb Sylvie Lucas, Botschafterin des Großherzogtums Luxemburg, in ihrer Ansprache während der Gedenkstunde treffend die hoffnungslose Situation der Häftlinge. Die Botschafterin sieht in historischen Orten wie der Gedenkstätte „Unter den Eichen“ einen Auftrag. Es reiche nicht, sie zu erhalten. „Wir müssen sie verstehen. Wir müssen sie in unsere Gegenwart übersetzen und an zukünftige Generationen weitergeben“, sagte sie. Den Kern der Erinnerungsarbeit sieht die Botschafterin in der Achtung vor den Opfern und der Vermittlung der Wahrheit über das Geschehene.

Nicolas Bergeret, Generalkonsul der Französischen Republik, betonte in seiner Ansprache, dass „Geschichtsfälscher Bilder und Texte manipulieren und Gedenkstätten instrumentalisieren, um das Gift der Spaltung, des Konflikts und der Lüge zu verbreiten.“ Gedenken als Zeichen der Verantwortung, historische Orte und Dokumente als Zeugnisse der Geschichte könnten hierzu ein Gegengewicht bilden. Der Generalkonsul hob Gedenkstätten und Archive als Einrichtungen hervor, die Revisionisten und Geschichtsfälschern widersprechen können. Damit seien sie nicht der Vergangenheit, sondern der Gegenwart zugewandt. Mit der Wiedereröffnung der Gedenkstätte „Unter den Eichen“ sende die Landeshauptstadt Wiesbaden eine starke Botschaft: „Vergessen ist keine Option“, sagte Bergeret weiter.

Die Gedenkstunde schloss Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl. Er wies auf die Herausforderungen mit dem Verlust der Zeitzeugen hin und betonte, dass „ein zeitgemäßes Gedenken nicht nur einer ehrenden Würdigung der Opfer, sondern auch der Benennung sowohl der Verbrechen, die hier vor Ort begangen wurden, als auch der Täterschaft“ bedürfe. „Heute sollten aber vor allem die Opfer im Mittelpunkt stehen“, sagte der Kulturdezernent weiter. Dr. Schmehl bedankte sich bei allen, die zum Gelingen der neuen Dauerausstellung beigetragen haben und lud die Anwesenden ein, ihn zur Kranzniederlegung in die Gedenkstätte zu begleiten.

An der Wiedereröffnung der Gedenkstätte hatten auch Vorstandsmitglieder der „Fédération des Enrôlés de Forces, Victimes du Nazisme“ um ihren Präsidenten Joseph Lorent teilgenommen. Die Fédération setzt sich für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Luxemburg ein und pflegt unter anderem eine Online-Datenbank, in der Biografien von Betroffenen aufbereitet sind. Enthalten sind unter anderem verschiedene Dokumente, die die Verfolgung belegen. Kurz nach der Wiedereröffnung erreichte das Stadtarchiv die Information aus Luxemburg, dass die Fédération über eine Abbildung des sechsten KZ-Häftlings aus Luxemburg verfügt, der bei einem Bombenangriff auf das Lager „Unter den Eichen“ am 18. Dezember 1944 getötet worden war. Die Porträts und Kurzbiografien der Todesopfer sind zentraler Bestandteil der Dauerausstellung. Bereits im Zuge der Forschungsarbeit für die Neugestaltung der Ausstellung war die Hoffnung groß, auf ein Foto von Alphonse Weber zu stoßen. Dafür hatte das Stadtarchiv unter anderem Kontakt zur Gemeinde in Luxemburg aufgenommen, in der Weber geboren worden war. Dank des Engagements der Fédération konnte diese Leerstelle in der Dauerausstellung nun gefüllt werden. Die Tafel befindet sich aktuell in der Gestaltung und wird in den kommenden Wochen ergänzt.

Die Gedenkstätte ist immer samstags von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Rundgänge können beim Stadtarchiv Wiesbaden unter stadtarchivwiesbadende oder telefonisch unter (0611) 314740 angefragt werden. Weitere Informationen stehen auf der städtischen Website unter www.wiesbaden.de/kultur/stadtgeschichte/gedenkstaette-unter-den-eichen (Öffnet in einem neuen Tab) zur Verfügung.

Bilder

Von links nach rechts: Dr. Hendrik Schmehl, Kulturdezernent der Landeshauptstadt Wiesbaden, Joseph Lorent, Präsident der „Fédération des Enrôlés de Forces, Victimes du Nazisme“, Dr. Peter Quadflieg, Leiter des Stadtarchivs Wiesbaden, I.E. Sylvie Lucas, Botschafterin des Großherzogtums Luxemburg, Christine Lorent-Freilinger, „Fédération des Enrôlés de Forces, Victimes du Nazisme“, Nicolas Bergeret, Generalkonsul der Französischen Republik, Sofia Karipidou, stv. Stadtverordnetenvorsteherin der Landeshauptstadt Wiesbaden, Dr. Stefan Korbach, MdB, und Alexander Hofmann, MdL.
Von links nach rechts: Dr. Hendrik Schmehl, Kulturdezernent der Landeshauptstadt Wiesbaden, Joseph Lorent, Präsident der „Fédération des Enrôlés de Forces, Victimes du Nazisme“, Dr. Peter Quadflieg, Leiter des Stadtarchivs Wiesbaden, I.E. Sylvie Lucas, Botschafterin des Großherzogtums Luxemburg, Christine Lorent-Freilinger, „Fédération des Enrôlés de Forces, Victimes du Nazisme“, Nicolas Bergeret, Generalkonsul der Französischen Republik, Sofia Karipidou, stv. Stadtverordnetenvorsteherin der Landeshauptstadt Wiesbaden, Dr. Stefan Korbach, MdB, und Alexander Hofmann, MdL.

Herausgeber dieser Pressemitteilung ist das Pressereferat der Landeshauptstadt Wiesbaden, Schlossplatz 6, 65183 Wiesbaden, pressereferatwiesbadende. Bürgerinnen und Bürger können sich bei Fragen an das zuständige Dezernat oder Amt wenden.

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